WÜRZBURG

Thema „Schulbegleitung“ sorgt für großen Unmut

So funktioniert Inklusion: Die Schulbegleiterin hilft dem Jungen, sich mit Hilfe eines elektronischen Sprachausgabegeräts zu verständigen. Nur so kann der Junge kommunizieren und am Unterricht teilnehmen. Foto: IqS

Seit sein Sohn Andreas eine Schulbegleiterin hat, macht er „gigantische“ Fortschritte, schwärmt Manfred Stollenwerk. Aufgrund eines Gendefekts ist Andreas entwicklungsverzögert. Erst mit vier Jahren lernte er laufen, mit sechs sprechen. Dank seiner Assistentin besucht der Neunjährige nun die zweite Regelschulklasse. Stollenwerk möchte auf die Frau, die einen nicht anerkannten pädagogischen Abschluss hat, nicht mehr verzichten. Bitter sind für ihn jedoch die schlechten Arbeitsbedingungen seiner Assistentin.

Schulbegleiter helfen körperlich schwer behinderten Schülern, in ihre Klasse zu kommen, sich dort hinzusetzen und die Schulsachen auszupacken. Autistische Kinder unterstützen sie dabei, Kontakt zu anderen Schülern aufzunehmen. Geistig Behinderte erhalten von ihnen die Assistenz, die für den Besuch einer Regelschule nötig ist. Voraussichtlich 300 Schulbegleiter für geistig oder körperlich behinderte Kinder werden unterfrankenweit heuer durch den Bezirk finanziert. Weitere Assistenten für Kinder mit einem seelischen Handicap bezahlen die Kommunen. „In der Stadt Würzburg werden wir 2012 wahrscheinlich 35 Fälle haben“, so Würzburgs Sozialreferent Robert Scheller. Das sind zweieinhalb Mal so viele wie 2009.

Jährlich wächst die Zahl der Schulbegleiter. Was für Wolfgang Trosbach, Sprecher der unterfränkischen Lebenshilfe, deutlich macht, „dass die Grundpersonalausstattung an Schulen, an denen Kinder mit Behinderung unterrichtet werden, zu gering ist“. So gesehen würden über die Schulbegleiter klassische Aufgaben aus dem Kultusbereich auf die Bezirke abgewälzt. Weshalb das Thema auch dort für Unmut sorgt. „Darum wird sich der Hauptausschuss des Verbands der bayerischen Bezirke auf seiner Sitzung am 1. März voraussichtlich damit beschäftigen“, so Markus Mauritz, Sprecher des Bezirks Unterfranken. Dort stieg die Zahl der Schulbegleiter von 2011 auf 2012 um fast 70 Prozent auf 300 an.

Seit Monaten kontaktieren zahlreiche Eltern bayerische Abgeordnete auf allen politischen Ebenen, um für Verbesserungen zu werben. Kritisiert werden eine zu geringe, rein auf geleistete Schulstunden bezogene Bezahlung, die Tatsache, dass Sozialhilfeträger meist keine Qualifikation der Assistenten für nötig erachten, die hohen Risiken für Eltern und Dienste als Arbeitgeber der Schulbegleiter, und die Verweigerung von Fortbildungen. 30 Familien vom Untermain schlossen sich um Manfred Stollenwerk zur „Initiative qualifizierte Schulbegleitung“ (IqS) zusammen und verlangten in einer Petition an den Bayerischen Landtag diese Punkte zu verbessern. Landtagspolitiker begrüßten die Initiative. Sonst geschah nichts weiter.

Für die meisten Eltern, Lehrer und Behörden ist „Schulbegleitung“ inzwischen ein leidiges Thema. „Niemand ist wirklich zufrieden“, konstatierte unlängst CSU-Bezirksrat Peter Motsch. Auch die Wissenschaft nicht. So warnt der Würzburger Sonderpädagogik-Professor Roland Stein vor einer „Deprofessionalisierung“ in der Förderung behinderter Kinder. Professionell ausgebildete Kräfte dürften nicht durch unqualifizierte Schulbegleiter ersetzt werden. Stein hält eine Grundbildung und pädagogische Fortbildungen der Assistenten für wichtig. Was Wolfgang Trosbach von der Lebenshilfe begrüßt. Denn: „Schulbegleitung umfasst unstrittig auch pädagogische Maßnahmen.“

Letztlich sollen behinderte Schüler dieselben Chancen erhalten wie ihre Mitschüler ohne Handicap. So will es die Idee „Inklusion“. Dies gelingt jedoch nur, wenn alle behinderungsbedingten Nachteile fair ausgeglichen werden. Dazu gehört auch die Tatsache, dass behinderte Kinder häufiger und länger krank sind. Ein Risiko, das derzeit alleine auf Eltern und Dienste als Arbeitgeber der Schulbegleiter abgewälzt wird. Die Sozialhilfeträger stellen bei längerer Krankheit ihre Zahlung von 19,80 Euro (Höchstsatz Bezirk Unterfranken) oder 15,27 Euro (Stadt Würzburg) pro Stunde für den Schulbegleiter ein. Eltern oder Dienste müssen den Lohn dann aus eigener Tasche bezahlen.

Netzwerk Inklusion Bayern

Rund 40 Eltern und Vertreter diverser Verbände und Selbsthilfegruppen aus ganz Bayern haben Ende Januar in Nürnberg das „Netzwerk Inklusion Bayern“ gegründet. Die Idee des Netzwerks: die zahlreichen betroffenen Eltern, Organisationen, Initiativen und Selbsthilfegruppen unter einem Dach zu vereinen, um gemeinsam politisch Druck zu machen. Seit die Bundesregierung die UN-Konvention 2008 für die Rechte behinderter Menschen ratifiziert hat, ist auch in Bayern der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern im Bayerischen Unterrichtsgesetz verankert. In der Realität hapere es jedoch, so die Netzwerker. In einem Schreiben an Regierung und Landtag setzte sich das Netzwerk für eine gemeinsame Bildung für alle Kinder ein. Einen wichtigen Baustein sieht das Netzwerk in der Forderung nach einer landesweiten Inklusionsstelle, die übergreifend zu den Ministerien arbeiten soll. Aufgabe dieser Stelle soll es sein, die bürokratischen Hürden zu beseitigen, die durch lückenhafte Gesetzgebung und widersprüchliche Verordnungen entstehen. Zudem soll die Inklusionsstelle Serviceleistungen erbringen, Eltern und Institutionen beraten. Ein anderer wichtiger Baustein ist die Finanzierung und die Rolle der Schulbegleiter. Für alle bayerischen Bezirke hat das „Netzwerk“ Ansprechpartner gefunden, an die sich Eltern oder andere Interessierte wenden können.

Mehr Informationen unter www.inklusive-schule-bayern.de

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