WÜRZBURG

Träume von einer grenzenlosen Welt

Das gab es vorher nicht: Asylbewerber, die mitten in der Stadt für ihre Anliegen demonstrieren. Seit einem Jahr dauern die Proteste an. Die Bilanz fällt zwiespältig aus.
Glücklich in Würzburg vereint: Der Iraner Hassan Hosseinsadeh mit seiner Frau Shadi Molazadeh und Tochter Sheida.T. Obermeier, D. Biscan, K. Winterhalter, dpa Foto: Fotos:

Im politischen und medialen Trubel um den Besuch von Sozialministerin Christine Haderthauer in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU) für Asylbewerber ist dieser Jahrestag ein bisschen aus dem Blickfeld geraten: Vor einem Jahr, am 19. März 2012, starteten acht Flüchtlinge aus dem Iran mitten in der Würzburger Innenstadt, vor dem Vierröhrenbrunnen, einen unbefristeten Hungerstreik. Zum einen, um ihre persönlichen Asylverfahren zu beschleunigen. Zum anderen, um – zwei Monate nach dem Suizid ihres Landsmanns Mohammad Rahsepar – die Öffentlichkeit auf die Umstände hinzuzuweisen, unter denen Flüchtlinge hierzulande leben.

Hassan „Masoud“ Hosseinsadeh war damals das Sprachrohr der Streikenden. Er zoffte sich mit den Behörden um die Demonstrationsgenehmigung, er organisierte die Unterstützerszene, lud die Medien zu Pressekonferenzen. Die Bilder von damals lassen die große Anspannung erahnen, die auf Hosseinsadehs Schultern lastete – erst recht, nachdem er und seine Freunde die Nahrungsaufnahme verweigert hatten.

Hassan Husseinsadeh - Ein Jahr nach dem Hungerstreik: Hassan Husseinsadeh blickt im Video zurück - mit negativen, mit positiven Eindrücken und Wünschen für die Zukunft.

Ein Jahr später zeigt das Gesicht des 35-jährigen Iraners deutliche Züge von Entspannung. „Mir geht es gut“, sagt er. Sein Leben hat wieder eine Perspektive – in Sicherheit, in Würzburg. Am 7. Mai 2012 erhielt Hosseinsadeh, der im Iran Beamter bei der Melde- und Öl-Behörde war, bevor er wegen regimekritischer Äußerungen im Gefängnis landete, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) den Bescheid, dem er die Duldung in Deutschland verdankt. Zum Jahresende folgte die Anerkennung als politisch Verfolgter. Hinzu gesellte sich das private Glück: Ehefrau Shadi Molazadeh und die achtjährige Tochter Sheida bekamen die Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Fünf Jahre nach Hosseinsadehs Flucht aus dem Iran ist die Familie in Würzburg wieder vereint.

Dennoch: Der Satz „Die Proteste haben sich gelohnt“ will dem 35-Jährigen nicht so leicht über die Lippen. Hosseeinsadeh hatte den Streik auf der Straße Anfang Juni abgebrochen, nachdem er selbst nicht mehr von Abschiebung bedroht war, nachdem er elf Tage im Krankenhaus lag und nachdem ihm, wie er sagt, die Radikalisierung des Protests zu weit ging. Das war Anfang Juni, als einige Landsleute begannen sich die Lippen zuzunähen. An den Forderungen nach Aufgabe der Gemeinschaftsunterkünfte, nach Abschaffung der Residenzpflicht und der Paketverpflegung sowie vor allem nach einer Beschleunigung der Asylverfahren hielten der Iraner und seine Freunde aber weiter fest. „Da ist fast nichts passiert, deshalb kann ich nicht zufrieden sein“, zieht Hosseinsadeh rückblickend eine zwiespältige Bilanz. Deshalb mischt sich der Iraner weiter ein, beim Haderthauer-Besuch war er mit vor Ort.

Isabell Schätzlein, die Leiterin des Sozialdiensts für Flüchtlinge beim Caritas-Diözesanverband, und Beraterin Nicole Gössl kennen die Nöte der 450 Flüchtlinge, die in der Würzburger GU, einer ehemaligen Kaserne, leben, gut. Die Menschen sorgen sich um die Familien daheim, um ihre Zukunft, hadern mit der Bürokratie . . . „Das Schlimmste aber ist die Ungewissheit, die sie umtreibt“, sagt Schätzlein. Asylbewerber kommen ins Land, stellen beim BAMF ihren Aufnahmeantrag, und hören dann erstmal nichts. Wochenlang, monatelang, vielfach jahrelang. „Das zermürbt“, so Gössl. Die angekündigten Deutschkurse, die der Freistaat Bayern künftig allen Asylbewerbern vom ersten Tag an finanzieren möchte, könnten da für ein bisschen Abwechslung sorgen.

Eine Erfahrung, die Ursula Kalb teilt. Seit zehn Jahren gehört sie zum Team der Gemeinschaft Sant'Egidio, das ehrenamtliche Deutschkurse in der GU anbietet. „Natürlich ist es gut, wenn die Menschen sich hier verständigen können“, sagt sie. Doch die Bedeutung der Sprachkurse sei weitaus größer. So treffen sich im Unterricht Menschen unterschiedlichsten Herkunft und beruflicher Qualifikation auf neutralem Boden. Sie lernen miteinander und voneinander. „Das hilft Vorurteile abzubauen“, so Kalb, und wirke deeskalierend in einer Unterkunft, in der Menschen aus 40 Nationen auf engem Raum miteinander leben müssen.

Für einige Asylbewerber sind die Deutschkurse darüber hinaus die einzige Möglichkeit, ihrer Isolation zu entkommen. Schwer traumatisiert von den Erlebnissen im Heimatland und auf der Flucht, verschanzen sie sich in ihren Zimmern. „Wir klopfen an und holen die Leute heraus“, weiß Kalb um die therapeutische Wirkung des Angebots. „Wenn die Kurse jetzt offiziell werden, ist das ein Segen für die Menschen“, so die Sant'Egidio-Frau. Dass sie und ihre Mitstreiter deshalb arbeitslos werden, glaubt sie nicht. „Hier bleibt viel zu tun.“

Caritas-Berater wie Schätzlein und Gössl unterstützen im Wesentlichen, wie die Kirchen-Oberen, die Forderungen, für die die Iraner vor einem Jahr auf die Straße gegangen sind – und die bislang eben nur zum kleinen Teil erfüllt sind. „Dass Asylbewerber ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sich rund um die Uhr mitten in die Stadt stellen, das war neu, das war zudem sehr mutig“, sagt Isabell Schätzlein. Sie bestätigt, dass die Initiative der Iraner bei anderen GU-Bewohnern durchaus umstritten war. „Manch einer dachte, wenn die Flüchtlinge zu offensiv Forderungen artikulieren, provoziere dies die Behörden – und es geht ihnen am Ende schlechter als vorher.“ Ängste, die Hosseinsadeh heute ausgeräumt sieht.

Auch wenn die politischen Erfolge mager sind: Ein positives Resultat der Proteste vor einem Jahr sei, dass viele Menschen jetzt wissen, unter welchen Bedingungen die 26 000 Asylbewerber in Bayern (darunter knapp 2000 in Unterfranken) leben. So erinnert sich der Iraner an einen Passanten, der am Zelt am Vierröhrenbrunnen vorbei kam, die Nase rümpfte und über „Stadtstreicher“ schimpfte. Einen Tag später sei er wiedergekommen, habe sich bei den Flüchtlingen entschuldigt und Unterstützung angeboten. Hassan Hosseinsadeh: „Er hatte sich über Nacht ausführlich zur Lage von Asylbewerbern kundig gemacht.“ Gern denkt er auch an den Schüler zurück, der zunächst nicht mal gewusst habe, wo der Iran liegt, sich dann seine Lebensgeschichte anhörte und schließlich mit dem Protest solidarisierte.

Kein Wunder also, dass Hosseinsadeh den Traum von einer besseren Welt so schnell nicht aufgibt. Von einer Welt, auf der es keine Grenzen gibt, „auf der sich jeder Mensch bewegen kann wo und wie er will“.

Die Chronologie des Flüchtlingsprotests

19. März 2012: Acht iranische Asylbewerber aus der Würzburger GU beschließen, öffentlich in den Hungerstreik zu treten. Sie demonstrieren und campieren dazu rund um die Uhr in der Würzburger Innenstadt am Vierröhrenbrunnen.

4. April: Die inzwischen zehn protestierenden Flüchtlinge setzen nach einem Gespräch mit Vertretern des bayerischen Sozialministeriums und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ihren Hungerstreik vorerst aus.

11. April: Die Iraner ziehen erstmals vors Verwaltungsgericht, weil die Stadt sie aus der Fußgängerzone verbannen möchte. Die Richter bestätigen zwar die Verlegung der Demo, allerdings weisen sie den Flüchtlingen den Unteren Markt, ebenfalls im Zentrum, als Standort zu.

23. April: Die Flüchtlinge starten eine Unterschriftenaktion an den Landtag, mit der sie eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Asylbewerbern in Bayern erreichen wollen.

30. April: Die Männer treten erneut in den Hungerstreik.

4. Mai: Das BAMF erkennt vier Asylbewerber als politische Flüchtlinge an. Diese Entscheidungen stehen laut der Behörde nicht in Verbindung mit dem Streik, vielmehr seien die neu vorgebrachten Fluchtgründe ausschlaggebend gewesen. Die Iraner wollen trotzdem weiter hungern.

7. Mai: Das BAMF verhängt gegen einen weiteren Iraner einen Abschiebestopp – er ist damit quasi als Flüchtling anerkannt.

9. Mai: Die Iraner setzen ihren zweiten Hungerstreik aus. Der Protest gehe aber weiter.

4. Juni: Zwei Iraner treten ein drittes Mal in Hungerstreik – diesmal mit zugenähten Mündern. Weitere schließen sich in den folgenden Tagen an. Einige Iraner und viele Unterstützer distanzieren sich von dem radikalen Vorgehen und verlassen die Gruppe.

15. Juni: Die Stadt Würzburg will mit einem Bescheid unter anderem den Protest mit zugenähten Mündern verbieten, scheitert aber in dieser Frage vor dem Verwaltungsgericht.

5. Juli: In Aub (Lkr. Würzburg) und Bamberg entstehen weitere Protestcamps von Flüchtlingen; später folgt unter anderem Regensburg.

6. Juli: Die mit zugenähten Lippen hungerstreikenden Iraner beenden den drastischen Protest.

19. Juli: Die Flüchtlinge in Regensburg und Aub treten in den Hungerstreik, auch die Flüchtlinge in Würzburg beteiligen sich ab dem 20. Juli. Das Bamberger Protestcamp allerdings distanziert sich von der erneuten Zuspitzung.

8. September: Von Würzburg aus beginnt ein Protestmarsch der Flüchtlinge nach Berlin. Die Protestcamps lösen sich auf.

5. Oktober: Der Marsch erreicht Berlin, 20 der 100 Beteiligten haben die 500 Kilometer komplett zu Fuß zurückgelegt. Die Flüchtlinge schlagen in Kreuzberg ein Protestcamp auf. Mahnwachen und Hungerstreiks vor dem Bundestag und am Brandenburger Tor folgen.

4. Januar 2013: Die Flüchtlinge in Berlin-Kreuzberg erklären, ihren Protest fortzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt leben rund 120 Flüchtlinge in zehn Zelten sowie in einer leerstehenden Schule.

28. Februar: Die Flüchtlinge starten eine dreiwöchige Bustour durch Deutschland, um für ihre Anliegen zu werben. Zum Abschluss gibt es eine große Demo in Berlin. TEXT: EPD

Kaum Perspektive: 450 Menschen leben in der Gemeinschaftsunterkunft Würzburg.
Drastisch: Iraner nähten sich in der Würzburger Innenstadt die Münder zu.
Protestmarsch: Bis nach Berlin trugen die Flüchtlinge ihre Forderungen.

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