WÜRZBURG

Überzeuge mich mit Argumenten!

Gestik, Mimik, Polemik: Im Debattierclub Würzburg lässt sich lernen, wie man die Gunst des Publikums gewinnt.
Blickkontakt und klare Linie: Frank Ruppert weiß, wie man mit Worten überzeugt.
Blickkontakt und klare Linie: Frank Ruppert weiß, wie man mit Worten überzeugt. Foto: Theresa Müller

In einem Dachstübchen der Juristischen Fakultät an der Universität Würzburg fliegen jeden Donnerstagabend die Fetzen. Hier kämpfen wortgewandte Akademiker um die Gunst des Publikums – und um die Frage, wer seine Mitmenschen mit Argumenten am besten überzeugen kann. Patrizia Zimmeck und Frank Ruppert sind Mitglieder im Debattierclub und erklären, warum die Wortduelle sie glücklich machen.

Frage: Hitzig debattieren tun viele, meistens in der Kneipe. Was unterscheidet Ihren Club von Stammtischen?

Frank Ruppert: Wir debattieren nach festen Regeln. Im Groben dreht es sich immer darum, dass es eine Regierung gibt und eine Opposition, die eine Frage debattieren. Die kann lauten: „Soll die Entwicklungshilfe abgeschafft werden?“ Die Regierungspartei ist dafür, die Opposition dagegen. Dann beginnt die Debatte: Die Regierung stellt das Thema vor und begründet ihre Position, danach ist die Opposition an der Reihe und argumentiert dagegen. Zum Schluss fassen zwei Vertreter der beiden Seiten die Sache in ihrem Sinne zusammen. Eine Jury entscheidet, welche Seite überzeugender war.

Das klingt nach einem geordneten Verfahren. Emotionen sind dabei verboten?

Patrizia Zimmeck: Nein, aber wir wollen uns von Emotionen entfernen und die Sache professionell betreiben. Gefühle spielen zwar immer eine Rolle, sie dürfen aber nicht den Ausschlag geben. Es kommt beim Debattieren wirklich auf die Argumente, auf das Vernunftgesteuerte an. Wir dürfen subjektive Eindrücke nicht vorpreschen lassen.

Ruppert: Polemik ist aber erwünscht. Alles, was die Debatte spaßig macht, ist erwünscht. Ich finde, Emotionen sind in Ordnung, wenn sie Schwung in die Debatte bringen. Wir brauchen Leute, die sich für ihre Sache mit ganzer Kraft einsetzen.

Wie bereiten sich Wort-Wettkämpfer vor?

Zimmeck: Die Teilnehmer haben vor jeder Debatte 15 Minuten Zeit, sich Argumente zu überlegen.

Nicht viel Zeit für Tiefgründiges . . .

Ruppert: Es geht beim Argumentieren auch nicht um die Details. Wenn wir über Entwicklungshilfe debattieren, geht es nicht darum, wie viel genau Deutschland pro Jahr dafür ausgibt. ZimmeCk: Das Grundsätzliche ist wichtiger: Hat Deutschland eine Verpflichtung, Entwicklungshilfe zu leisten? Über Fakten lässt sich nicht so gut streiten wie über Grundhaltungen.

Und die wechseln Debattierer nach Belieben?

Zimmeck: Wir wollen fördern, dass man in der Debatte auch Positionen vertritt, die man persönlich nicht unterstützt. Deshalb losen wir vor der Debatte aus, wer für welche Seite argumentieren soll. Das schärft den Blick für die verschiedenen Perspektiven.

Wie lässt sich die Jury am besten überzeugen?

Ruppert: Das Wichtigste ist, dass man überzeugend argumentiert: Man sollte auf seinen Vorredner reagieren und dessen Argumente nicht unangegriffen im Raum stehen lassen, sonst bekommt der Zuschauer den Eindruck, der könnte am Ende recht haben. Wichtig ist außerdem die Struktur: aufzählen, was man sagen will, und dann die einzelnen Argumente liefern. Beispiele sind beim Argumentieren wichtig, sonst wird die Sache zu abstrakt.

Geht es beim Debattieren nur um das Recht-Haben?

Zimmeck: Wir trainieren auch die Anwendung der Sprache, das ist ganz klar. Man denkt mehr über Sprache nach und wie man sie einsetzen kann. Dazu schult das Debattieren Gestik, Mimik, Lautstärke und Intonation der eigenen Rede. Bei uns lernt man aber auch, überhaupt frei zu reden: Darauf legen wir sehr viel Wert. Deshalb lernt man bei uns auch, mit Stress umzugehen.

Der Coolness-Faktor liegt beim Hobby Debattieren eher bei Null. Kann es dann ein Trend sein?

Ruppert: Debattieren als Trendsportart hat es früher nicht gegeben, das kam eher aus dem angelsächsischen Raum. Seit einigen Jahrzehnten werden auch in Deutschland Debattierclubs gegründet, es gibt einen deutschen Dachverband. Und wir merken, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren.

Woran liegt das?

Zimmeck: Ich glaube die Fähigkeit, andere Menschen überzeugen zu können, ist verlockend. Man kann an sich arbeiten, lernt auch viel über sein Gegenüber. Bei uns steht auch der Spaß im Vordergrund. Ruppert: Unser Club begreift das Ganze als lustiges Spiel, bei dem man nebenbei etwas lernen kann. Und wenn sich die Argumente zu einer perfekten Schlussfolgerung ergänzen, das Plädoyer wie aus einem Guss kommt – das ist das höchste Glücksgefühl. Dann weiß ich: Das Publikum steht jetzt hinter mir, und die Jury wird es genauso sehen.

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