BURGSINN

Ungelöste Kriminalfälle: Keine Spur von Brigitte Volkert

Mysteriöses Verschwinden: Vor knapp zehn Jahren verschwand eine Burgsinnerin spurlos. Die 27-Jährige war Mutter von vier kleinen Kindern.
Was wurde aus Brigitte Volkert? Ihre Familie würde gerne wissen, ob sie noch lebt oder einem Verbrechen zum Opfer fiel. Foto: Volkert

Was wurde aus Brigitte Volkert? Diese Frage beschäftigt die gut 2400 Einwohner Burgsinns (Lkr. Main-Spessart) seit fast zehn Jahren. Die vierfache Mutter ging in den frühen Morgenstunden des 23. November 2005 aus dem Haus. Seitdem fehlt jede Spur von der 27-Jährigen. Sprichwörtlich jeden Stein haben Trupps von Bereitschaftspolizisten, Suchhundestaffeln und Spurensucher der Polizei auf der Suche nach der jungen Frau damals umgedreht. Sie haben Häuser, Höfe und Fischteiche durchsucht, die waldreiche Umgebung durchstreift und mit Hubschraubern überflogen, haben Güllegruben geöffnet – vergeblich. Aufgrund der mysteriösen Umstände gingen Ermittler gleich von einem Gewaltverbrechen aus.

Brigitte Volkerts Mann Lothar – 44 Jahre alt, Lkw-Fahrer, ein Bär von einem Mann – weiß nach all der Zeit ohne jegliche Spur nicht mehr, was er glauben soll. Lebt die Verschwundene womöglich noch und hat ein schönes Leben, wie manche Dorfbewohner glauben? „Wenn sie abgehauen ist und irgendwo lebt“, sagt ihr Mann Lothar, „bräuchte sie nicht mehr zu kommen“. Eine Freundin von Brigitte Volkert hält es für eher unwahrscheinlich, dass die Mutter von vier kleinen Kindern einfach abgehauen ist.

Lothar Volkert wohnt mit drei der vier Kinder, die zum Zeitpunkt des Verschwindens zwischen zwei und zehn Jahre alt waren, in einem großen Haus am Ortsrand, mit Blick über Burgsinn. Der älteste Sohn ist von Brigitte Volkerts Eltern in Bad Neustadt großgezogen worden, die nach dem Verschwinden zunächst in Burgsinn für die Kinder sorgten. Ehemann Lothar hat viel durchmachen müssen: Ungewissheit, Gerede, Ärger mit dem Jugendamt. „Was will man machen?“ Es muss weitergehen. Aber leicht ist es nicht: „Man kann nicht abschließen, solange man nicht weiß, was ist“, sagt er.

Dabei sind die Umstände des Verschwindens in der Tat höchst seltsam. Es war ein Mittwoch, Lothar Volkert musste früh weg, Lkw fahren. Er verließ das Haus um 5 Uhr. Das für ihn Verrückte: Er ist sich heute überhaupt nicht mehr sicher, ob seine Frau zu dem Zeitpunkt überhaupt noch da war. Er meint, sie habe ihn verabschiedet, aber gesehen, gesehen habe er sie nicht mehr. Ihr Handy sendete das letzte Signal kurz nach 6 Uhr in Burgsinn. Sie muss ohne Papiere und Geld aus dem Haus gegangen sein. Die kräftig gebaute, 165 Zentimeter große Frau trug vermutlich eine dunkelblaue Winterjacke mit einem beigen Stern auf dem Rücken sowie eine blaue Jeanshose. Das wasserdichte Alibi des Ehemanns hat die Polizei überprüft, was diesen etwas irritiert hat.

Er ist etwas enttäuscht von der Kripo, die nach dem Verschwinden eine 30-köpfige Sonderkommission gründete. „Wenn jemand verschwindet, dann muss das doch ins Fernsehen“, meint Lothar Volkert. Jetzt höre er von der Kripo nichts mehr, sie suche auch nicht mehr. Er könnte sich auch vorstellen, dass sie entführt wurde und jetzt irgendwo sitzt. Vielleicht war ihr auch alles – die vier Kinder, das Haus – zu viel geworden. Er habe aber auch zwei, drei Leute in Verdacht, die etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnten. Im Spessart um Burgsinn sei es auch kein Problem, eine Leiche verschwinden zu lassen, glaubt er. „Das ist ja Wahnsinn“, sagt er dann selbst kopfschüttelnd, jemanden zu verdächtigen, obwohl gar nicht klar ist, was damals geschah.

Lothar Volkert lernte Brigitte als junges Mädchen kennen. Ihre Eltern machten regelmäßig Urlaub an der Roßmühle im Saaletal (Lkr. Main-Spessart), von wo er stammt. Sie begann eine Ausbildung zur Verkäuferin. Doch dann war sie mit 17 schwanger, brach die Ausbildung ab. Die junge Familie zog nach Burgsinn, wo Lothar arbeitete. In schneller Folge kamen drei weitere Kinder.

Fünf Jahre vor dem Verschwinden begannen sie mit dem Hausbau. Ihr Mann beschreibt Brigitte als lebenslustigen Menschen. „Sie hat über alles gelacht.“ Ein „Hausmütterchen“ jedenfalls sei sie nicht gewesen. Was ihn wundert: Drei Tage vor dem Verschwinden hatte sie plötzlich rappelkurze Haare, fragte ihn, wie ihr das stehe.

Die Familie arrangierte sich mit der Ungewissheit. Die drei Kinder zwischen zwölf und 18 Jahren, die in Burgsinn beim Vater leben, machen einen ganz normalen Eindruck. Sie lachen und feixen beim Durchschauen alter Fotos am Küchentisch. Der 18-jährige Sohn sagt: „Die ersten zwei Wochen waren schon schlimm.“ Auch ein Psychologe habe die Kinder als völlig normal eingestuft. „Das war total sinnlos“, sagt der 18-Jährige über die Begutachtung.

Am schwersten zu knabbern am mysteriösen Verschwinden ihres einzigen Kindes hatte und hat wohl Brigittes Mutter Doris. Sie habe regelrecht neben sich gestanden und sei „wie ferngesteuert“ gewesen, als die Tochter verschwand. Noch heute nehme sie Antidepressiva. Ihr ältester Enkel, der bei den Großeltern lebt, möchte nicht über das Verschwinden seiner Mutter reden, sagt die Großmutter. Sie selbst habe noch Hoffnung, dass ihre Tochter doch noch lebt, aber Brigittes Vater halte das für Hirngespinste.

Vor drei, vier Jahren musste Lothar Volkert schwer schlucken. Die Kripo rief an, er solle im Wald ausgebuddelte Kleidungsstücke und Schuhe identifizieren. Ein Mann aus Burgsinn habe angeblich gesehen, wie seine Frau verscharrt wurde. Doch die Kleidungsstücke waren nicht von seiner Frau, die Kripo habe den Mann als unglaubwürdig eingestuft.

Was sagt die Staatsanwaltschaft zu dem Fall? Der Würzburger Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen gibt Auskunft. Das Verfahren wegen eines möglichen Tötungsdelikts sei derzeit eingestellt. Es gebe keine Anhaltspunkte und keine neuen Hinweise. Allerdings: „Wir gehen als Strafverfolger immer davon aus, dass was passiert ist. Die Akte liegt jederzeit griffbereit im Schrank.“

Es wäre schön, wenn der Fall seiner verschwundenen Frau endlich im Fernsehen käme, sagt Lothar Volkert. Das findet auch seine Schwiegermutter. Wenn dort von verschwundenen Personen berichtet wird, hänge Volkert wie gebannt am Bildschirm. „Wir machen weiter wie bisher und leben unser Leben“, sagt er abschließend. Er muss jetzt Abendbrot machen.

Wer kann zur Aufklärung des Falles beitragen? Die Polizei setzt auf Zeugen, die mit einem Tipp helfen können, ihn zu klären. Hinweise an die Kripo Würzburg: Tel. (09 31) 457 17 32.

Wie vom Erdboden verschluckt

Täglich werden in Deutschland zwischen 150 und 250 Personen als vermisst gemeldet, 100 000 Vermisstenanzeigen registriert das Bundeskriminalamt (BKA) pro Jahr. Zwar kehrt die Hälfte der Vermissten innerhalb einer Woche nach Hause zurück, nach einem Monat sind 80 Prozent der Fälle aufgeklärt. Doch etwa 3000 Menschen bleiben auch nach einem Jahr verschwunden. Kinder und Jugendliche gelten bereits als vermisst, wenn sie aus dem unmittelbaren Blickfeld der Erziehungsberechtigten verschwinden. Hier kann die Polizei direkt mit Suchmaßnahmen ansetzen. Aber Erwachsene dürfen frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden und müssen gegenüber ihrer Familie oder Freunden keine Rechenschaft ablegen. Liegt keine erkennbare Gefahr (etwa eine lebensbedrohende Erkrankung) vor, kann die Polizei zunächst nicht ohne Weiteres nach ihnen fahnden. Angehörige machen sich indes Sorgen: Ist der oder die Verschwundene Opfer eines Verbrechens oder Unfalls geworden? „Das liegt nahe“, sagt ein erfahrener Kripobeamter, der solche Fälle kennt. „Man darf aber auch nicht vergessen: In manchen Fällen bewegen persönliche, familiäre oder finanzielle Probleme Menschen zur Flucht aus dem bisher gewohnten Umfeld.“ Manchmal beginnen Angehörige selbst mit Freunden mit der Suche. Naheliegend ist, bei umliegenden Krankenhäusern und Polizeidienststellen nach nicht identifizierten Opfern zu fragen. Manche suchen nach Zeugen über Handzettel, Plakate oder Aufrufe in sozialen Medien wie Facebook. Die Polizei kann nach einer Vermisstenanzeige erheblich effektiver fahnden: Wohnungen durchsuchen, die Daten von Vermissten mit Passagierlisten, Kreditkartenumsätzen, Abhebungen an Geldausgabeautomaten oder Telefonverbindungen abgleichen. Die Personalien werden im Informationssystem der Polizei erfasst und zur Fahndung ausgeschrieben. Manche tauchen lieber ab als zuzugeben, dass sie in Schwierigkeiten stecken. Andere wollen aus ihrer Beziehung ausbrechen, haben einen neuen Partner – aber nicht den Mut, es dem bisherigen zu gestehen. Perfide für die Angehörigen ist: Wer untertaucht, lässt sie völlig im Unklaren darüber, warum er verschwindet oder wo und wie er weiterlebt. Ein mit solchen Fällen vertrauter Polizist sagt: „Manche gehen an der Ungewissheit darüber, was passiert sein könnte, fast zugrunde.“ Text: MAS

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