BAMBERG

Verfassung: Bayern ist ein Kind Frankens

Das weiß-blaue Bayern bringen die meisten vor allem mit Oberbayern in Verbindung. Dabei wurde die erste demokratische Verfassung Bayerns in Franken beschlossen.
"Bayern ist ein Freistaat" und "Die Landesfarben sind Weiß und Blau": So stand es in der ersten demokratischen Verfassung Bayerns. Was allerdings nur wenige wissen: Diese Verfassung wurde vor 95 Jahren nicht im Landtag in München, sondern in Bamberg beraten und beschlossen.

Der weiß-blaue Freistaat ist somit ein fränkisches Kind. Am 14. Februar 1919 nahm der Landtag die "Bamberger Verfassung" an.

"Wer heute in der Stadt danach fragt, wird meistens nur ratlose Blicke ernten", sagt der Leiter des Bamberger Stadtarchivs, Horst Gehringer. Denn in Bamberg erinnert nichts an das historische Datum. "Weder der Füller, mit dem der damalige bayerische Ministerpräsident die Verfassung unterzeichnete, noch irgendein ein anderes Souvenir ist meines Wissens in die Gegenwart gerettet worden", bedauert Gehringer.
 

Mit der "Bamberger Verfassung" wurde zum ersten Mal das Prinzip der Volkssouveränität oberstes Gesetz. Die Staatsgewalt ging somit nicht mehr vom Monarchen, sondern vom souveränen Volk aus. Das Wahlrecht für Frauen wurde verfassungsrechtlich verankert, die unabhängige Justiz ebenso wie Volksbegehren und Volksentscheid.

Doch weshalb wurde die Verfassung in Bamberg beschlossen? Jannis Trillitzsch, studentischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte unter Einbeziehung der Landesgeschichte an der Universität Bamberg, hat sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt: "Der erste Ministerpräsident Bayerns, Kurt Eisner, kam am 21. Februar 1919 bei einem Attentat in München ums Leben. Danach kam es dort zu blutigen Kämpfen zwischen Anhängern des kommunistischen Rätesystems und des pluralistischen Parlamentarismus."

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Eisners Nachfolger, der sozialdemokratische Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, habe wegen der Unruhen einen ruhigen Ort gesucht, um mit seiner Regierung eine bayerische Verfassung ausarbeiten zu können.

Die Wahl fiel aus mehreren Gründen auf Bamberg. Jannis Trillitzsch: "Bamberg war eine Garnisonsstadt. Es gab dort genug regierungstreue Truppen zum Schutz der Politiker. Außerdem lag Bamberg auch strategisch günstig an den Bahnstrecken Berlin-München und Frankfurt-Prag und war aus allen Richtungen gut erreichbar."

Nürnberg schied aus, weil es auch dort Kämpfe gab. In Bamberg war es dagegen geradezu beschaulich ruhig.

Der gesamte Landtag befand sich von Frühjahr 1919 an in Bamberg und auch sämtliche Minister schlugen ihre Zelte in der oberfränkischen Stadt auf. "Im Bahnhof war das Verkehrsministerium untergebracht, im Gericht das Justizministerium", erzählt Stadtarchivsleiter Gehringer.

Die Staatsrechtler Robert Piloty und Joseph von Graßmann arbeiteten die "Bamberger Verfassung" aus - und mussten den Politikern auch die eine oder andere kuriose Idee wieder ausreden. "Obwohl man sich mit der Verfassung ja gerade von einem Monarchen loslösen wollte, kam plötzlich die Idee auf, zu Repräsentationszwecken über den Ministerpräsidenten einen bayerischen Staatspräsidenten zu verankern", sagt Jannis Trillitzsch.

Die "Bamberger Verfassung" trat allerdings erst kurz nach der Weimarer Reichsverfassung in Kraft. Die Bayern mussten deswegen doch wieder alte Sonderrechte aufgeben - wie ein eigenes Militär, eine eigene Post, Eisenbahn und Finanzverwaltung.

Besonders ärgerlich fanden es die bayerischen Politiker, dass der frischgeborene Freistaat auch die Biersteuer ans Deutsche Reich abtreten musste. "Wegen dieser Beschneidung der Rechte gab es noch Jahre danach Brand- und Schmähbriefe", erläutert Trillitzsch.

Die Bayern hätten das bis heute nicht ganz verdaut, schließlich muckten sie noch immer gerne gegen Berlin auf, meint der 24-Jährige. Die "Bamberger Verfassung" hat in der Forschung vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit gefunden.

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