WÜRZBURG

Verzweifelte Suche nach einem Therapieplatz

Die Zahl psychisch kranker Kinder und Jugendlicher in der Region Unterfranken ist so groß, dass Betroffene sogar in lebensbedrohlichen Notfällen keinen Platz in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie bekommen können.

Diese bittere Erfahrung muss gerade die Würzburger Familie Friedrich (Name geändert) machen, deren 17-jähriger Sohn sich Mitte November vor Mutter, Vater und Bruder selbst verletzt hat und damit gedroht hat, sich umzubringen. Seither ist der Junge im Bezirkskrankenhaus Lohr untergebracht – auf der geschlossenen Station, gemeinsam mit Erwachsenen, von denen einige behindert, andere alkohol- oder drogenkrank sind.

In ihrer Verzweiflung hat die Familie Friedrich einen Brief an unterfränkische Medien geschrieben. „Helfen Sie uns! Wir wissen nicht mehr weiter“, steht darin. Es könne doch nicht sein, dass ihr 17-jähriger Sohn selbst drei Wochen nach dem angedrohten Suizid keinen Jugendtherapieplatz bekomme, klagen die Friedrichs. Der Aufenthalt in der Erwachsenenpsychiatrie in Lohr sei für den Jungen, der an einer „Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik“ leide, nicht hilfreich. „Eine vernünftige Therapie wird dort für unseren Sohn nicht durchgeführt, weil die Ärzte und Psychologen dort selbst der Meinung sind, für so einen Fall nicht ausgelegt zu sein.“ Dr. Holger Münzel, Leitender Oberarzt im Bezirkskrankenhaus Lohr, bestätigt, dass sich seine Klinik bei minderjährigen Patienten in einer Zwickmühle befinde. Denn einerseits sei die Klinik verpflichtet, alle Patienten, die zwangsweise eingeliefert würden, aufzunehmen – auch Jugendliche. „Wir haben da einen gesetzlichen Sicherungsauftrag.“ Und natürlich sei es sinnvoller, einen Jugendlichen, der sich oder andere gefährde, in die Erwachsenenpsychiatrie aufzunehmen, anstatt ihn „auf der Straße zu lassen“. Andererseits aber schreibt Münzel zufolge der Gesetzgeber vor, dass Jugendliche eben nicht gemeinsam mit Erwachsenen untergebracht und behandelt werden dürften: „Kinder und Jugendliche dürfen nur von Kinder- und Jugendpsychiatern therapiert werden. Diese haben wir aber nicht. Das heißt, dass wir einen Jugendlichen eigentlich nicht behandeln dürfen; außer in Absprache mit einem spezialisierten Kollegen.“

Dass der suizidgefährdete Sohn der Friedrichs in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg besser behandelt werden könnte als in Lohr, steht auch für Professor Marcel Romanos außer Frage. Romanos leitet die Würzburger Kinder- und Jugendpsychiatrie, auf deren Warteliste der Sohn der Friedrichs steht. „Wir würden den jungen Mann sofort behandeln, wenn es nicht noch dringlichere Fälle gäbe“, sagt Romanos. Was kann dringlicher sein als ein selbstmordgefährdeter Jugendlicher? „Selbstmordgefährdete Kinder“, sagt Romanos. „Wir haben etliche 14- oder 15-Jährige nach Selbstmorddrohung auf der Station und auf der Warteliste; wir haben Kinder, die mit einem richterlichen Beschluss zu uns kommen.“ Kinder müsse er den Jugendlichen vorziehen; anders gehe es nicht.

Derzeit sei die geschlossene Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht nur belegt; sondern überbelegt – auf der Station, die zwölf Plätze vorhalte, würden derzeit bis zu 15 Kinder behandelt. Romanos berichtet von einer „saisonbedingten Häufung“ von Fällen selbstmordgefährdeter Kinder: Mit dem Wintergrau und dem Lichtmangel steigt die Fallzahl. „Dass in dieser Situation ein Jugendlicher mal fünf Wochen auf einen Therapieplatz warten muss, ist leider nicht zu ändern“, so Romanos.

Romanos will aber alles tun, um den 17-Jährigen so schnell wie möglich nach Würzburg zu holen. Am Donnerstagnachmittag sieht es so aus, als könne der Junge kurzfristig von Lohr nach Würzburg wechseln.

Engpass bei Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche

Für psychisch kranke Kinder und Jugendliche, die auf einer geschlossenen Station behandelt werden müssen, gibt es derzeit in Unterfranken zwölf Therapieplätze; diese befinden sich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg. Pro Jahr werden auf diesen Plätzen rund 200 Kinder und Jugendliche behandelt. 300 weitere Kinder werden jedes Jahr auf der offenen Station der Würzburger Kinder- und Jugendpsychiatrie therapiert. Zusätzlich werden pro Jahr 3000 Kinder in der Uniklinik ambulant behandelt – insgesamt kommen jährlich 3500 Minderjährige zur psychiatrischen Behandlung in die Uni Würzburg. In der Region Würzburg gibt es überdurchschnittlich viele niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater; sie behandeln Schätzungen niedergelassener Psychiater zufolge über 15 000 Kinder pro Jahr. Doch reichen die Plätze wegen steigender Krankheitszahlen nicht aus. Laut dem Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik, Marcel Romanos, wären in Unterfranken 20 statt zwölf geschlossene Therapieplätze nötig. Doch dies wird laut Bezirk, dem Träger psychiatrischer Einrichtungen, mittelfristig nicht machbar sein. Allerdings werden in Schweinfurt 2014 drei geschlossene Therapieplätze für Kinder geschaffen. Text: grr

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