WÜRZBURG

Verzweiflungstat wegen Abschiebung

Verzweiflungstat: In der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft hat ein Flüchtling einen Suizidversuch unternommen. Foto: Daniel Peter

Nach dem Suizid eines Asylbewerbers im Januar ist es in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Würzburg erneut zu einer Verzweiflungstat gekommen: Am 18. Oktober hat sich ein 38-jähriger Familienvater vor den Augen seiner schwangeren Ehefrau und seinen vier Kindern mit einem Küchenmesser tief ins Handgelenk geschnitten.

Polizeibeamte hatten der Familie gerade mitgeteilt, dass sie nach Polen gebracht wird und deshalb ihre Sachen packen soll, als der Tschetschene sich das Messer in den Unterarm stieß. Die Polizisten konnten es ihm entreißen. Ein Krankenwagen brachte ihn in ein Würzburger Krankenhaus, wo die Wunden genäht wurden.

„Ich will lieber hier sterben, damit meine Familie bleiben kann“, sagt der Mann fünf Tage später. Er hat Angst: In Polen werde er sofort nach Russland abgeschoben, wo ihm der Tod drohe. Er hat auch Angst, seinen Namen zu nennen. Verfolgt werde er in dem zu Russland gehörenden Tschetschenien, weil er sich im Bürgerkrieg geweigert habe, „auf meine Landsleute zu schießen.“

Der 38-Jährige ist seit Sommer 2011 in der GU Würzburg. Seine Gründe Asyl zu suchen, wurden bislang nicht geprüft, da die Bundesbehörde für Migration und Flüchtlinge ihn nach dem Dublin-Verfahren nach Polen abschieben will, das Land in dem er zuerst – aber nach seinen Angaben vergeblich – Schutz gesucht hat. Die Regierung von Unterfranken, die für die Unterbringung in der GU zuständig ist, nennt den Vorfall einen „Akt der Selbstverletzung“. Suizidversuch sei laut Regierungssprecher Johannes Hardenacke „ein wenig übertrieben“. Denn laut Polizeibericht habe sich der Tschetschene lediglich „oberflächliche Schnittwunden in den Oberarm beigebracht“. So etwas passiere immer wieder, wenn Flüchtlinge mitgeteilt bekommen, dass sie abgeschoben werden. Im Bericht der Klinik werden allerdings vier tiefe Schnittwunden am Unterarm mit Gefäßöffnungen beschrieben.

Dass Menschen den Bescheid über ihre Abschiebung nicht früher bekommen, bezeichnete der Würzburger Rechtsanwalt Michael Koch als „menschenverachtend“. Während es in anderen Bundesländern üblich sei, die Abschiebung mindestens eine Woche vorher anzukündigen, sodass die Flüchtlinge Rechtsmittel einlegen oder sich zumindest auf die Situation einstellen können, sei die bayerische Praxis so: „Die Polizei klopft an die Tür, zeigt ihnen den Bescheid und nimmt sie mit.“

Koch will jetzt versuchen, die Abschiebung der tschetschenischen Familie durch eine Klage beim Verwaltungsgericht Würzburg zu verhindern. In erster Linie macht er gesundheitliche Gründe geltend: Laut ärztlichem Gutachten ist bei einem weiteren Abschiebeversuch mit Suizid des Familienvaters und einer Fehlgeburt der Mutter zu rechnen. Die schwangere 36-Jährige war vergangenen Donnerstag zusammengebrochen und auf der Intensivstation behandelt worden.

Beide sind inzwischen wieder zurück in die ehemalige Kaserne, in der 450 Flüchtlinge leben. Sie sitzen im Zimmer und warten. Mit ein bisschen Hoffnung: „Ich werde jede Arbeit machen, um meinen Kindern hier eine Zukunft zu ermöglichen“, sagt der 38-Jährige. Aber noch mehr hat er Angst davor, dass die Polizei erneut vor der Tür steht: „Bevor wir alle nach Polen müssen, sterbe ich lieber hier, denn in Tschetschenien hätten meine Kinder ohnehin keinen Vater.“

Dublin-Verfahren

Laut Dublin-Verfahren dürfen Asylsuchende innerhalb der EU, Norwegens und der Schweiz nur in dem Land einen Asylantrag stellen, das sie als Erstes betreten haben. Dazu prüft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg, ob der Flüchtling über eines dieser Länder nach Deutschland gekommen ist. Ist das der Fall, wird der Flüchtling in sein Erst-Einreiseland rücküberstellt, ohne dass seine Schutzbedürftigkeit geprüft wird. Laut Hilfsorganisationen verlassen 25 bis 30 Prozent der Asylsuchenden Deutschland auf diesem Weg. Text: gam

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