WÜRZBURG

Von „Willkommenskultur“ keine Rede

Wollen eine bessere Betreuung der Asylbewerber: (von links) Joachim Schürkens vom Freundeskreis für ausländische Flüchtlinge (FAF), die Ärztin und Herausgeberin des Flüchtlingsmagazins „Heimfocus“ Eva Peteler, Thomas Kipple von der Caritas, Wigbert Baumann von den Würzburger Montagsspaziergängern und der FAF-Vorsitzende Michael Koch. Foto: ammon

Der zuletzt sprunghaft gestiegenen Zahl von Asylsuchenden begegnet die Regierung von Unterfranken seit einiger Zeit mit der vermehrten Einrichtung kleiner, dezentraler Unterkünfte. Dass aktuell eine angemessene soziale Betreuung der etwa 350 Flüchtlinge in den 26 über Unterfranken verteilten Einrichtungen nur schwer möglich ist, darin war man sich einig bei einem Koordinations- und Informationstreffen von etwa 50 engagierten Bürgern, Gemeinde- und Verbandsvertretern. Der Freundeskreis für ausländische Flüchtlinge (FAF) in Unterfranken hatte zu der Veranstaltung in die Würzburger Katholische Hochschulgemeinde eingeladen.

Während beispielsweise in der von der Regierung von Unterfranken betriebenen Würzburger Gemeinschaftsunterkunft die Caritas oder Mitarbeiter der Missionsärztlichen Klinik professionelle Hilfe anbieten, sind die ehrenamtlichen Helfer in den von den Kreisverwaltungen und Kommunen neu eingerichteten Sammelunterkünften oft auf sich allein gestellt. „Es genügt nicht, dass die Flüchtlinge einfach nur untergebracht sind und dann alleine gelassen werden“, kritisierte der Vorsitzende des FAF, Michael Koch, dieses Vorgehen. Der auf Asylverfahren spezialisierte Rechtsanwalt lobte zwar den engagierten Einsatz ehrenamtlicher Bürger, er forderte jedoch auch den Einsatz hauptamtlicher Kräfte.

Unzufrieden mit der Situation der von ihr unterstützten Flüchtlinge ist auch eine Frau aus Tückelhausen bei Ochsenfurt (Lkr. Würzburg). Sie erzählte, dass die ersten Neuankömmlinge der insgesamt 30 in einer Gaststätte einquartierten Asylbewerber von einem Bus einfach auf dem Dorfplatz abgesetzt worden seien. Niemand im Ort habe gewusst, wann sie eintreffen. Dies zeige doch, dass eine „Willkommenskultur“ gar nicht gewollt sei, sagte sie. In dem 300-Seelen-Dörfchen gibt es weder Geschäfte noch einen Arzt. Der Bus fährt nur selten in das über fünf Kilometer entfernte Ochsenfurt.

Für die langjährige ehrenamtliche Betreuerin Eva Peteler, Herausgeberin der Würzburger Flüchtlingszeitschrift „Heimfocus“, hat dies System: „Der Unwille der Landesregierung, die Menschen würdig zu behandeln, schwebt über allem.“ Oft erfahre die Bevölkerung erst aus der Presse, dass eine neue Sammelunterkunft geplant ist. „Da ist eine negative Stimmung doch vorprogrammiert.“

Obwohl nach Ansicht der Versammlungsteilnehmer die Öffentlichkeit für die Anliegen der Flüchtlinge offen ist, warnten dennoch einige vor einem Meinungsumschwung. So gab es etwa im Herbst 2012 in der kleinen Nord-Spessartgemeinde Krombach (Lkr. Aschaffenburg) heftigen Widerstand gegen das inzwischen gestoppte Vorhaben, in einer früheren Kleiderfabrik eine Sammelunterkunft für 60 Flüchtlinge einzurichten. Die Bevölkerung fühlte sich mit der Integration überfordert.

Eva Peteler warnte auch vor Forderungen, die Gemeinschaftsunterkünfte ganz aufzulösen. Die derzeit 200 in Würzburg Auszugsberechtigten fänden nur schwer eine passende Wohnung. Selbst ihrem Umfeld gegenüber aufgeschlossene Flüchtlinge blieben auf den Dörfern oft völlig isoliert und ohne Unterstützung, so Peteler. „Aus der Stadt rauszugehen ist Selbstmord“, sagte sie.

Vor „Grenzüberschreitungen“, die die eigentlichen Forderungen nach besseren Lebensbedingungen „verwässern“, warnte auch Thomas Kipple, Fachbereichsleiter der Caritas für Migration. Er erinnerte daran, dass auch für die Gemeinschaftsunterkünfte zunächst keinerlei soziale Betreuung vorgesehen gewesen sei. Es sei darum wichtig, „hartnäckig“ zu bleiben. Er mahnte aber auch vor dem Hintergrund der Proteste, die sich im vergangenen Jahr in Würzburg nach dem Selbstmord eines iranischen Asylbewerbers zugespitzt hatten, zu Mäßigung und Gesprächsbereitschaft: „Es sind die Strukturen, gegen die wir anrennen, nicht die Menschen in den Behörden.“

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