Wallfahrer auf dem Weg

Von Tapferkeit, Tränen und ganz besonderer Euphorie
Richtung Heimat: Kreuzbergwallfahrer aus Werneck marschieren auf dem Rückweg vom Berg der Franken am Terzenbrunnen zwischen Bad Kissingen und Oerlenbach vorbei.
Richtung Heimat: Kreuzbergwallfahrer aus Werneck marschieren auf dem Rückweg vom Berg der Franken am Terzenbrunnen zwischen Bad Kissingen und Oerlenbach vorbei. Foto: Angelika Becker

Ihr seid bestimmt die Würzburger“, ruft Wallfahrtsführer Franz Gröger. Vor der Kirche Mariä Himmelfahrt in Werneck wartet er in der Dunkelheit am Brauereibus, lädt Gepäck ein, begrüßt Nachzügler. „Gleich vorneweg: Ich bin der Franz. Wir Wallfahrer sagen alle du. Was nach der Wallfahrt kommt, ist egal.“ Er sei übrigens nur für den weltlichen Teil des Pilgerns zuständig. Um die Seele kümmert sich Roswitha Ziegler. Sie ist in der Kirche bei der Pilgermesse. Pater Vincent schickt die gut 60 Wallleut mit seinem Segen auf den Weg zum Kreuzberg.

Es ist schön, in den Morgen zu fahren. Die Stimmung im Pilgerbus hat etwas von einem Schulausflug, erwartungsvoll und ein bisschen aufgedreht. „Ich bin schon aufgeregt“, sagt Roswitha Ziegler. Sie leitet die Kreuzberg-Wallfahrt der Wernecker zum ersten Mal. Viele Lieder, Gebete und Texte hat sie sich überlegt für den 60 Kilometer langen Fußmarsch zum heiligen Berg der Franken und wieder zurück.

Das erste Stück bis zur Waldkapelle am Terzenbrünnlein bei Bad Kissingen fahren die Pilger mit dem Bus. Etwa den halben Weg sparen sie sich damit. Während der Andacht im Wald spricht Roswitha Ziegler über das Motto „Du führst mich hinaus ins Weite“, vergleicht den Weg auf den Berg mit dem Leben und zitiert aus Hermann Hesses Gedicht von den Lebensstufen, in dem es um Aufbruch, Tapferkeit und den raumgreifenden Schritt durchs Leben geht.

Die Musikkapelle spielt, die Wallleute singen. Bei strömendem Regen, der den ganzen Tag nicht mehr aufhören wird, ziehen sie los dem Kreuzberg entgegen. Es wird nicht nur gebetet. Beim Laufen kommen die miteinander ins Gespräch, die gerade ein paar Schritte nebeneinander gehen. Helmuth Scholl aus Zeuzleben kommt dabei nicht außer Atem. Er ist trainiert. Die Strecke Werneck-Kreuzberg ist eine seiner Hausstrecken mit dem Rad. „Wir gehen hier auf einem der Hauptwanderwege von Norden nach Süden“, sagt er. Und er weiß, dass die Strecke, die die Pilger von Werneck zum Kreuzberg laufen, mit ihren vielen Hügeln und Tälern zusammen gerechnet 2500 Höhenmeter überwindet.

Ein Sportler ist auch Carl Pfeuffer aus Ettleben. Er erzählt von Alpengipfeln, auf denen er schon stand. „Auf den Bergen fühlst du dich dem Himmel näher.“ Wandern als Sport mit Spiritualität, das gefällt ihm. Und nicht nur ihm. Zwei Drittel werden es wohl sein, die aus diesem Grund wallen, schätzt Franz Gröger. Zwischen 11 und 77 Jahren sind die Pilger alt. Und so manche werden wohl auch ein Anliegen mit auf den Weg genommen haben, sagt eine Frau. Erst nach einem Zögern erzählt sie von ihrem krebskranken Mann. Während des Laufens beten Junge und Ältere im Chor viele Ave-Maria und Vaterunser.

Im Kaskadental bei Aschach (Lkr. Bad Kissingen) ist Frühstücksrast. Die Frauen sammeln sich um die Thermoskannen mit Kaffee. Die Männer entkorken die eine oder andere Bierflasche, und auch die Schnäpse gehen rund. Bei diesem Wetter suchen die Wallleut, was Wärme von innen verspricht.

Der Wald tropft und später auf freiem Feld pfeift der Wind. Bei der Mittagsrast in Premich sind sie bis auf die Haut nass. Eine so anstrengende Wallfahrt haben sie schon lange nicht mehr gemacht. „Heute war es besonders schlimm“, sagt einer. „Da haben einige ein paar arge Sünden mitgebracht“, sagt Franz Gröger.

Im dichten Nebel liegt der heilige Berg der Franken. Das Ziel haben sie diesmal nicht vor Augen. Besonders beschwerlich wird deshalb das letzte steile Stück hinauf, die Kniebreche. Es ist steinig und glitschig. In Sandberg auf einem zugigen Parkplatz wartet zum letzten Mal das Begleitfahrzeug. Verlockend, sich jetzt einfach in das warme Auto zu setzen und die letzten Kilometer zum Kloster fahren zu lassen. Aber nein, Aufgeben kommt nicht in Frage!

 

Schritt für Schritt kämpfen sich die Wallleut die Kniebreche hinauf. Jeder für sich im eigenen Tempo. Manchmal verweilt ein Überholender ein paar Schritte bei einem Schwächeren, schenkt ihm ein aufmunterndes Wort und zieht ihn so ein Stück mit. Manche machen Rast an der Marienquelle zwischen verklüfteten Steinen. „So gut hat mir Wasser schon lange nicht mehr geschmeckt“, sagt eine Jugendliche.

Die Euphorie steigt beim Einzug in die Klosterkirche. Die Pilger schreiten in langem Zug mit Musik und Gesang bis ganz vorne. Regennässe läuft aus den Haaren über die Gesichter. Rechts und links in den Bänken sitzen trockene Menschen, die den Werneckern warm zulächeln. Und es scheint als läge in manchem Blick Bewunderung. „Du musst erst einmal den Einzug in der Basilika in Vierzehnheiligen erleben“, sagt Siegbert Zeißner leuchtend. „Das ist ergreifend“, sagt Erika. Unterwegs auf dem knapp 100 Kilometer langen Weg frage sie sich schon manchmal, warum sie sich das antue. „Doch wenn ich es dann geschafft habe, bin ich so froh. Dann kommen mir die Tränen.“

Nach der Andacht geht es in den Antoniussaal. Die Wernecker singen von den Bergvagabunden, prosten sich mit Steingut-Humpen voll dunklen Klosterbieres zu und erzählen von Wallfahrtskonkurrenzen zwischen den Wernecker Ortsteilen. Gelacht wird bei Eintopf und Brotzeitplatte über vieles. „Beim gemütlichen Beisammensein musst du unbedingt dabei sein“, hatte eine Pilgerin untertags gesagt. Zur Wallfahrt gehört auch, gemeinsam zu feiern. Auch wenn in der Gaststube die Geschäftsleitung der Klosterbrauerei darauf hinweist, dass „lautes Singen oder Grölen weder erwünscht noch erlaubt“ sei, denn das Kloster kein Festzelt. Ein Prosit der Gemütlichkeit spielt die Blasmusik einer anderen Wallfahrergruppe. „Der Geist wird geleert von Alltagsproblemen und der Magen wird gefüllt“, sagt Ulrike Scholl und lacht.

In aller Frühe fährt der Bus am nächsten Tag wieder zum Terzenbrünnlein. Es ist ein schöner Sonnentag. Der Blick über die Landschaft ist frei. Und wenn sich der Kreuzberg am Tag vorher in Nebel gehüllt hat, so begleitet nun der Blick auf das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld die Wallleut fast auf ihrem ganzen Weg zurück. Jugendliche sprechen Fürbitten für Natur- und Umweltschutz. Die Kapelle spielt das Frankenlied: „Wohlauf die Luft geht frisch und rein...“ Das beflügelt die Schritte auf den letzten Kilometern.

Im Wald vor Werneck spielt Siggi auf der Mundharmonika Ludwig van Beethovens „Ode an die Freude“. Zwischen den anderen zu laufen, mit ihnen zu frieren und zu schwitzen, den eigenen Platz in der Gemeinschaft zu spüren, tut einfach gut. Die Sonne schickt Strahlen zwischen den Bäumen hindurch. Götterfunken, die die Wallleute treffen und von der Alltagsschwere befreien.

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