HAFENLOHRTAL

Liebliches Tal im dunklen Spessart

Wo 1927 Kurt Tucholsky beim Wein verweilte und andere Schreiber Inspiration suchten, erwartet den Wanderer Kulturlandschaft auf Schritt und Tritt
Frisches Grün: Unterwegs im Spessartwald.
Frisches Grün: Unterwegs im Spessartwald.

Dies ist eine alte Landschaft. Die gibt es gar nicht mehr; hier ist die Zeit stehen geblieben?“ Wer auf Kurt Tucholskys Spuren durch das Hafenlohrtal wandert, kann dem Schriftsteller nur Recht geben: alt und ehrwürdig ist die Landschaft, ein liebliches Tal im dunklen Spessart mit alten Bäumen und alten Forsthäusern. Und dass es diese Landschaft so überhaupt noch gibt – darüber darf der Wanderer dankbar sein.

Mindestens einmal war das Hafenlohrtal in großer Gefahr. Denn das jetzige Naturschutzgebiet ist mit seiner geografischen Lage nicht zur gut geeignet zum Wandern und Erholen, sondern bot sich, wie Einheimische erzählen, einst auch als Autobahntrasse an. Und Ende der 1970er Jahre plante die bayerische Regierung ein gigantisches Wasserreservoir, den Hafenlohrtalspeicher.

Beides wurde jedoch glücklicherweise abgewendet – der Wasserspeicher nach 30 Jahren Protesten der Bevölkerung erst 2008. Stattdessen legten die Mitglieder des Archäologischen Spessartprojekts mit Förderung der Europäischen Union zusätzlich zu den üblichen Wanderwegen einen Kulturweg an, der den Wanderer unter anderem mit einem eher ungewöhnlichen Aspekt des Spessarts bekannt macht: der Wald und die Landschaft als Quellen der Inspiration für Dichter und Schreiber.

Der berühmteste unter ihnen ist der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky, der 1927 auf einer Wandertour mit Freunden auch in der Lichtenau Halt machte, mit dem Wirt dort darüber diskutierte, ob der Wein nun korkt oder nicht und seine Erinnerungen und Beobachtungen in seinem Bericht „Das Wirtshaus im Spessart“ festhielt. Denn die Lichtenau, die empfand Tucholsky als „Perle des Spessarts“ und als das „richtige“ Wirtshaus im Spessart. Doch er war nicht der einzige, der sich hier inspiriert fühlte. Friedrich Schlegel dichtete den Achtzeiler „Im Spessart“: „Jahrtausende wohl standst du schon / O Wald so dunkel kühn, / Sprachst aller Menschenkünsten Hohn, / Und webtest dort dein Grün?“

An zwölf Stationen mit Info-Tafeln zu Geschichte, Kultur und Literatur vorbei führt der Kulturweg rund 31 Kilometer von Hafenlohr am Main aufwärts bis nach Rothenbuch tief im Spessart. Diese Strecke ist am Stück kaum zu schaffen. Stattdessen kann man sie entweder in Etappen – Übernachtungen sind in Lichtenau (Gasthaus im Hochspessart oder Hoher Knuck) möglich – erwandern, oder nur einen Teilabschnitt auswählen.

Dabei sind mehrere Teilstrecken reizvoll: In den Wäldern mit Urwald-Charakter zwischen Windheim und Erlenfurt beispielsweise kann man sich am besten vorstellen, welche landschaftlichen Schätze verloren gegangen wären, wäre das Tal in einem Stausee „versunken“. Typisch für das Hafenlohrtal ist das Stück oberhalb von Einsiedel, wo schattige Wege durch dichten Wald mit umgestürzten Bäumen und bemoosten Sandsteinmäuerchen führen, der Bach durch die Bäume glitzert, bis sich der Wanderer hinausführen lässt in das eigentliche Tal am Bach. Kurz vor Weibersbrunn bietet sich zudem ein Abstecher in das Naturschutzgebiet Metzger an.

Leider ist die Beschilderung des Europäischen Kulturweges nicht immer eindeutig und gibt dem Wanderer bei der ein oder anderen Kreuzung Rätsel auf: Bessere Orientierung bieten da die herkömmlichen Wandermarkierungen. Die führen zirka zwei Kilometer oberhalb des Hohen Knuck (Beschilderung: roter Schräg-strich auf weißem Grund) auch zu einer der reizvollsten Stellen des gesamten Tals: der Bohlensteg, der sich über Bach und Au erstreckt und den Blick das gesamte Tal hinauf und hinab freigibt. Einige erfahrene Hafenlohrtal-Wanderer zaubern an dieser Stelle gern mal eine kleine Sektflasche und Gläser aus ihrem Wanderrucksack, um beim Picknick auf den Holzbohlen anstoßen zu können.

Bis zu dieser Stelle ist ein Ein- und Ausstieg in die Route immer möglich, da die Hafenlohrtalstraße in der Nähe des Wanderwegs verläuft. Die nächste Möglichkeit besteht erst wieder am Steintor kurz vor Weibersbrunn. Der Transport zum gewählten Ausgangs- und Endpunkt der Tour muss selbst organisiert werden.
 


Kulturweg Hafenlohrtal

Charakter: mittelschwere Tour

Länge: 31 Kilometer Teilabschnitte möglich

Wanderzeit: je nach gewähltem Abschnitt

Ausgangspunkt: Hafenlohr oder wahlweise Windheim, Einsiedel etc.

Endpunkt: Rothenbuch

Parkmöglichkeiten: entlang der gesamten Strecke

Einkehrmöglichkeiten: Lichtenau, Weibersbrunn

Aussichtspunkte: Lichtenau, Bohlensteg, Weibersbrunn

Sehenswürdigkeiten: alte Forsthäuser

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