Wandern mit Hallo-Wach-Effekt

Kraftortwandern: Es gibt Orte, die sind nicht nur schön, sondern geben auch Kraft. Unterwegs mit der Geomantin Silke Jordan.
Kraftort-Kennerin: Die Geomantin Silke Jordan aus Marktheidenfeld.
Kraftort-Kennerin: Die Geomantin Silke Jordan aus Marktheidenfeld.

Wie vor einem Regenguss flüchtend stehen die sechs Menschen von der Ferse bis zu den Schulterblättern eng geschmiegt an der weißen Wand. Vor ihren Augen: das Grün der Bäume, ein sich im Tal schlängelnder Main und Sonne. „Wie geht es Ihnen?“, fragt Silke Jordan in das Vogelgezwitscher und das Krähen eines Hahnes hinein. Von Erlach (Lkr. Main-Spessart) aus hat sie die sieben Menschen über die Fußgängerbrücke, den alten Bahndamm und die bemoosten Stufen hoch zur Michaelskapelle geführt, der ersten Station ihrer Reihe „Ausflüge zu den besonderen Orten unserer Heimat“, dem ersten sogenannten Kraftort.

In Großbritannien sind es die konzentrischen Steinkreise Stonehenge, in Ägypten die Pyramiden, in Australien der Ayers Rock: Orte, die nach esoterischen Vorstellungen eine besondere Erdstrahlung haben, Kraft geben. Mit solchen Weltbekanntheiten kann Unterfranken nicht mithalten. Aber auch hier gibt es Orte, die aufgrund einer besonderen Erdstrahlung Kraft geben und eine Neuausrichtung im Leben ermöglichen, sagt die Marktheidenfelder Architektin Silke Jordan. In einer dreijährigen Ausbildung zur Geomantin erlernte sie Methoden, diese Energien zu erkennen, zu messen, einzustufen und damit zum Wohl der Menschen zu arbeiten. Deshalb sieht sie sich in der Pflicht, auch in ihrer Heimat die besonderen Orte wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. „Besondere Orte zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit ihrer Atmosphäre unser Gemüt und unsere Seele berühren“, sagt sie.

Wer feinfühlig ist, kann das mit dem Rücken an die Michaelskapelle lehnend erfahren: Silke Jordan bescheinigt diesem Ort einen „Hallo-Wach-Effekt“, der wiederum bei uns Menschen zu einer hohen Aufnahmefähigkeit führt. Und nicht nur das, auch dem heiligen Burkardus, dem ersten Bischof von Würzburg, und dem Hauptdarsteller ihrer Wanderung begegnen die Teilnehmer an diesem Ort zum ersten Mal. „Burkardus, ein angelsächsischer Mönch aus dem Gefolge Willibrords, hat dort, so ergaben es die Recherchen, eine erste Benediktinerzelle „Rorinlacha“ gründen wollen“, erklärt Silke Jordan.

An seiner Stelle findet man heute noch das Kloster Neustadt, 768/69 vom zweiten Würzburger Bischof Megingaud gegründet. Über den asphaltierten Weg führt Silke Jordan die Gruppe zwischen Blumengärten und Fachwerkhäusern in den Ort und hinein in den Klosterhof. Für sie ein Ort, der geistige Klarheit fördert. Für Gläubige ein Ort des Kraftholens. In der schlichten Abtei-Kirche hängt der Geruch von Weihrauch. Heute ist das Kloster ein Missionshaus, geführt von den Dominikanerinnen von Oakford.

Sieben Kilometer weiter rührt die Kühle nicht mehr aus den alten Gemäuern, sondern vom Wald her. „Wie sich die Bäume bilden, erzählen sie auch schon einiges über den Ort“, erklärt die Architektin unterwegs zur Gertrauden-Kapelle in Waldzell. Mit dem Auto ist die Gruppe den Gertraudenweg bis an das Ortsende gefahren. Zu Fuß geht es nun über leichte Hügel und sanfte Senken hindurch, vorbei an den hölzernen Wächtern des Waldes, die mal lodernd wie Feuer, mal geschlossen und beständig dastehen.

„Der Legende nach sank an dieser Stelle die heilige Gertraud völlig ermattet auf einen Stein zu Boden“, erzählt Silke Jordan die Geschichte des Ortes, den sie weniger wegen Burkardus, sondern wegen seiner Wirkung mit in die Tour genommen hat. „Gertraud flehte Gott um Hilfe und einen frischen Trunk an. Auf einmal sprudelte hinter dem Stein eine frische Quelle.“ Heute steht an dieser Stelle die Gertrauden-Kapelle, zu der manchmal noch die Prozession zieht und an deren Quelle Kranke ihre Heilung suchen. Sie soll besonders bei Augenleiden helfen. Die Geomantin sieht die Heilwirkung des Wassers im übertragenden Sinn: Nicht jeder wird hier gleich von einer Sehschwäche geheilt. Ihm könnten jedoch die Augen geöffnet werden für eine neue Sicht auf die Dinge.

Nach der Rückkehr zu den Autos geht es weiter nach Karlburg. Die letzten Meter hinauf zu den Überresten der stolzen Burg besteigt die Gruppe zu Fuß. Angekommen auf dem Plateau genießen alle die Sicht weit hinaus bis zum Würzburger Schenkenturm. „Auch Burkardus gefiel die Gegend“, erzählt Silke Jordan. „Die blühende Landschaft, ein kräftiger Fluss, der sich zwischen den Kalkbergen schlängelt. Das Castellum Karloburgo war ähnlich der Feste in Würzburg eine alte Rückzugsfestung bei Bedrohung und ein alter heiliger Berg.“ Für die Kraftortexpertin bedeutet das: Der Ort vermittelt Spiritualität, wirkt wie ein Aufladepunkt, der einen höherbringen kann, aber auch die Heilkraft der Erde spüren lässt.

 

Zwischen buschartig, sonderbar gewachsenen Eiben sollen die Teilnehmer nachfühlen, wie sie den Ort erleben. „Ich werde immer schwerer, es zieht mich in den Boden“, bemerkt eine Teilnehmerin. „Die Menschen empfinden Kraftorte alle anders. Manche bekommen heiße Füße oder ein Kribbeln, manche merken ein Ziehen oder Ziepen in verschiedenen Organen“, sagt Silke Jordan. Auch Hermann Beckering, 72 Jahre, fühlt ein Kribbeln in den Füßen, das vorher definitiv nicht da war. „Ich bin Naturwissenschaftler, sehe die Dinge also eher skeptisch“, sagt er. „Heute aber habe ich mir gesagt: Sieh das nicht albern, sondern gib dich mal hin.“

Noch einmal sitzen alle Wanderer wieder im Auto: Auf der Spurenlese des heiligen Burkardus führt die letzte Etappe nach Würzburg. „Während Burkardus vor den Toren des „Castellum Wirciburc“ auf seine Ernennung wartete, bereitete Karlmann in der Stadt alles vor“, erzählt Silke Jordan während man sich der Deutschhauskirche nähert. „Würzburg bestand damals aus der 5,2 Hektar großen Kernstadt linksseitig des Mains und unterhalb der Festung. Auf der anderen Mainseite befand sich ein etwas 225 auf 225 Meter großer Stadtteil, der die wirtschaftlichen Einrichtungen aufnahm.“ In der gotischen Kirche dringen die Geräusche der Stadt nur gedämpft herein. „Auf der Position des Pfarrers ist die Kraft am stärksten“, sagt die Geomantin. Einer nach dem anderen testen die Teilnehmer den Standpunkt, verharren einen Moment und treten dann wieder schweigend zurück zwischen die Bänke.

Draußen auf der Straße tauscht man sich aus. Fast alle haben eine andere Anlaufstelle der Wanderung als ihren persönlichen Kraftort empfunden, auserkoren. „Mein Lieblingsort war zwischen den Bäumen auf der Karlburg“, sagt Gabi Himmer aus Theilheim. Aber sie ist nicht nur der Kräfte wegen dabei. „Mich fasziniert die alte Geschichte sehr. Ich finde die Geheimnisse unserer Heimat einfach spannend“, sagt sie.

So ist sie auch noch aufmerksam, als es nach einem langen Tag noch in die Burkarder Kirche im Würzburger Mainviertel geht. „Burkardus brauchte ein eigenes Kloster im Bereich der Kernstadt und gründete es genau in der Achse der Marienkirche unterhalb des Marienbergs“, erklärt die Geomantin. „Bewusst in die Energielinie der mütterlichen Gottesenergie.“

Kraftortwanderungen

Charakter: leichte Tour

Länge: circa 45 Kilometer

Wanderzeit: Ein Tag, wenn die Etappen zwischen Neustadt und Würzburg mit dem Auto gefahren werden. Die Tour kann aber auch komplett mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden.

Ausgangs-/Endpunkt: Start in Erlach am Main, über Kloster Neustadt, Gertraudenkapelle in Waldzell, Karlstadt, Deutschhauskirche und Burkarduskirche in Würzburg.

Aussichtspunkte: Michaelskapelle, Erlach am Main, Karlsburg bei Karlstadt.

Informationen: Auskünfte zu Ausflugszielen und weiteren Wanderungen gibt Silke Jordan persönlich unter Tel. (0 93 91) 43 47 oder auf der Internetseite sijoma-verlag.de.

 

Das Buch zur Serie

„Wandern in Mainfranken“ – das Buch zur Zeitungsserie ist ab sofort zum Preis von 9,95 Euro in allen Geschäftsstellen der Mediengruppe Main-Post erhältlich. Das reich bebilderte Büchlein enthält 21 Touren durch Unterfranken. Die Autoren verließen ausgetretene Pfade, um ihren Lesern neue Perspektiven zu eröffnen.

ONLINE-TIPP

Alle bisher erschienenen Teil der Serie finden Sie auf www.mainpost.de/wandern

Rückblick

  1. Unterwegs mit Seelenruhe
  2. Milseburg: Zwischen Himmel und Erde
  3. Zwischen Birken und Basalt
  4. Wein, Wein, überall Wein
  5. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  6. Erstaunliche Kunstschätze am Weg
  7. Auf dem letzten Weg der Toten
  8. Per Rad hinein ins Himmelreich
  9. Wilde Schönheiten jahrtausendealt
  10. Leidenschaftliche Pfadfinder
  11. Liebliches Tal im dunklen Spessart
  12. Radel-Tipp 1: Entspannter Feierabend
  13. Radel-Tipp 2: Holprig um Hofheim
  14. Radel-Tipp 3: Mit Rennrad im Spessart
  15. Radel-Tipp 4: In Würzburgs Wäldern
  16. Da geht's lang! Die besten Radwege Unterfrankens
  17. Wanderwochenende dieser Zeitung: Spaß, Flair, Spannung
  18. Ritterburgen und sagenhafte Felsen
  19. Literarische Suche nach dem Sinn des Wanderns
  20. Wallfahrer auf dem Weg
  21. Die Botschaft der Steine
  22. Wandern mit Redakteuren Ihrer Tageszeitung
  23. Ein Gedicht von einem Weg
  24. Wandern mit Hallo-Wach-Effekt
  25. Schwing die Hufe!
  26. Westumgehung: Natur in Gefahr
  27. Der Wasser-Marsch
  28. Mit dem Wanderstock über die Reichsautobahn
  29. Beweg dich wie eine Spinne
  30. Hinauf zu den Adonisröschen
  31. Hüttengaudi am Himmeldunk
  32. Auf den Pfaden der Karolinger
  33. Ein Wald für die Seele
  34. Wandersaison eröffnet
  35. Kultur auf Schritt und Tritt
  36. Trendsport Wandern lässt die Kassen klingeln
  37. Wunderbares Wanderwetter - auch auf vier Rädern
  38. Auf den Spuren Bechsteins
  39. Wanderserie: Von Jagdlust und rauen Gesellen
  40. Wandern in Unterfranken
  41. Rohrleitung aus 220 Bäumen
  42. Kompetente Führer bei Rhön-Touren
  43. Wandern im hessischen Kegelspiel

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