FRANKEN

Wanderserie: Von Jagdlust und rauen Gesellen

Auf den Spuren der Spessarträuber und des Wildschweine jagenden Prinzregenten Luitpold
Wanderserie: Von Jagdlust und rauen Gesellen

Es gibt sie noch, die Landschaften, in denen man mitten in Deutschland drei, vier oder auch fünf Stunden unterwegs sein kann, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Zum Beispiel im Spessart. Das dünn besiedelte Mittelgebirge lockt mit einem dicht geflochtenen Wegenetz zu Wanderungen mitten hinein in die Stille.

Eine Besonderheit sind dabei die gut 70 Kulturwege des „Archäologischen Spessartprojekts“. Sie verbinden das Naturerlebnis mit umfassenden Informationen über die Geschichte der Region. Beim Blick in vergangene Zeiten geht es meist um den entbehrungsreichen Alltag der Menschen, aber auch um die industrielle Entwicklung, um häufig wechselnde Machtverhältnisse, den mittlerweile eingestellten Bergbau oder frühere Formen der Waldnutzung. Und natürlich um die Spessarträuber.


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Letztere sind nur eines der Themen entlang des Kulturwegs „Die Jagd des Prinzregenten Luitpold“. Der rund zwölf Kilometer lange Rundweg startet unweit von Marktheidenfeld im an der Bundesstraße 8 gelegenen Spessartdorf Bischbrunn. Er führt mitten hinein in die ausgedehnten Laubwälder des Hochspessarts, dorthin, wo früher die Regenten ihrer Jagdlust frönten und üble Gestalten betuchten Reisenden auflauerten.

Mit etwas Fantasie kann man heute noch eintauchen in jene Zeit. Da ist zum Beispiel dieser Gedenkstein, der am Wegesrand an den 13. November 1787 erinnert. Vermutlich waberten damals dichte Nebelschwaden durch den finstren Wald, als sie auf der alten Heerstraße daherrumpelte, die Postkutsche.

Sie wurde schon erwartet. Im Unterholz lauerten sechs gierige Spessarträuber auf Opfer. Wie aus dem Nichts fiel einer von ihnen den Pferden in die Zügel, riss den Postillion von der Kutsche und fesselte ihn. Zwei andere schlugen mit Knüppeln auf das Dach des Gefährts. Der Anführer der Räuberband schoss in die Kutsche und vernebelte den Passagieren mit Rauchbomben die Sicht.

Die Reisenden erschraken sicher ganz fürchterlich, blieben ansonsten aber körperlich weitgehend unversehrt. Lediglich einer bekam ordentlich Schläge ab, ein Engländer. Er verstand wohl die Kommandos der rauen Gesellen nicht so recht und spurte deswegen nicht so, wie er sollte. Die Räuber erbeuteten ein Vermögen: 5000 Gulden und einen Goldbarren. Drei der Wegelagerer bezahlten dafür später freilich teuer: Sie wurden gefasst und mit dem Schwert enthauptet. Die Geschichte über die Spessarträuber ist jedoch nur eine entlang des Kulturwegs. Dieser widmet sich mit seinen Infotafeln auch den Besuchen seines Namensgebers im Spessart. Luitpold, bayerischer Prinzregent von 1886 bis zu seinem Tod 1912, brachte regelmäßig herrschaftlichen Glanz in den damals ansonsten eher ärmlichen Spessart. Dann nämlich, wenn er im Winter mit großen Jagdgesellschaften aus München anreiste, um im Norden seines Reiches das zu jagen, was es im Süden nicht gab: Wildschweine.

Die reich bebilderten Schautafeln entlang des Kulturweges beschreiben unter anderem, wie mit einem ausgefeilten System den hochrangigsten Gästen die dicksten Keiler zugetrieben wurden. Oder wie die Forstpartie mit Gattern und Fütterungen die Wildbestände künstlich hochhielt, um den hohen Herren reichlich Jagdpläsier zu bereiten.

Geschildert wird aber auch, wie die Spessartbevölkerung abseits des Dienstes in der herrschaftlichen Jagd dem Wald die Lebensgrundlage abtrotzte. So ist die Köhlerei ebenso Thema wie die Tongewinnung oder die Landwirtschaft in früherer Zeit. Ach ja: Und dann findet der Wanderer natürlich auch noch reichlich von dem, was ihn im Spessart an vielen Stellen erwartet: Ruhe satt.

Kulturweg Luitpold

Der Rundweg ist zwölf Kilometer lang und startet direkt neben dem Wanderheim in Bischbrunn am Ende der Straße „Am Trieb“. Parkplätze sind dort reichlich vorhanden. Der Weg verläuft anfangs auf einem asphaltierten Feldweg, später auf durchgehend geschotterten Forststraßen. Es sind nur wenige Steigungen zu bewältigen, insgesamt rund 100 Höhenmeter. Gut ausgeschildert ist der Weg mit dem gelben EU-Schiffchen auf blauem Grund. Einzige Verirrmöglichkeit besteht am Wendepunkt, dem sogenannten Königsrondell. Von dort muss man einige Hundert Meter zum nächsten Abzweig zurücklaufen. „Die Jagd des Prinzregenten Luitpold“ ist einer von gut 70 Kulturwegen, die der Verein Archäologisches Spessartprojekt installiert hat.

 

Charakter: leichte Tour, Rundweg Länge: 12 Kilometer Wanderzeit: 2-3 Stunden Ausgang/Endpunkt: Wanderheim Bischbrunn „Am Trieb“, dort Parkmöglichkeit Einkehrmöglichkeit: entlang der Strecke keine, Dorfgaststätte Bischbrunn Aussichtspunkt: Panoramablick über den Spessart bei Bischbrunn Sehenswürdigkeiten: Gedenksteine, Relikte früheren Jagdtreibens, Köhlerplatz

Mehr Infos zu allen Kulturwegen des Spessartprojekts unter www.spessartprojekt.de

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