Warum 15-Jährige Foxtrott tanzen

Gewaschen, gekämmt und zu allem bereit: Rumba statt Techno, Benimmregeln statt Revolte. In den Anfängerkursen in der Region steppt der Bär.

Möchtest du mit mir tanzen?“, fragt Dominik mit einer kleinen Verbeugung, und Lisa kichert. Kaum zu glauben, wie formvollendet dem Neuntklässler die Frage von den Lippen perlt. Nur drei Stunden zuvor war aus dem gleichen Mund noch „Ey, krass Alter!“, „Was geht?“ „Hallo, bist du doof?“ und „Läuft bei dir?“ zu vernehmen. Es ist Samstagnachmittag, Viertel nach fünf. Tanzstunde in der Tanzschule Bäulke in Würzburg. So wie jeden Samstag seit Anfang Januar.

Helena (15) hat heute ihre langen Haare zusammengebunden, stellt sich mit ihrem Tanzpartner Vincent (14) aus Würzburg in die Ausgangsposition. „Am schwierigsten ist zu erkennen, welcher Tanzstil das sein soll“, sagt sie. Noch wird das vorgegeben, aber beim großen Abschlussball sollen die jungen Tänzerinnen und Tänzer das selbst herausfinden.

Der Abschlussball. Ein Ereignis, das am heutigen Samstagabend in Würzburg wieder etliche aufgeregte Jugendliche und ihre Eltern ins Congress Centrum locken wird. Ein Ereignis, von dem niemand vermuten würde, dass es pubertierende Teenager noch hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Doch der Abschlussball kann es. Der erste Tanzkurs mit krönendem Ball ist kein vor sich hinkümmerndes Relikt längst vergangener Tage. „Im Gegenteil“, so sagt die Tanzlehrerin und langjährige Chefin der gleichnamigen Tanzschule in Würzburg, Bettina Bäulke, „er ist beliebt wie nie.“

Bäulke absolvierte den Kurs für Teenager im Jahr 1967. Gravierend verändert habe sich seit damals das Verhältnis von Jugendlichen zu ihren Eltern. „Wir wollten damals ganz viel verändern, alles anders machen, viele haben sich ganz bewusst von zu Hause distanziert. Die Jugendlichen heute haben Eltern, die sind topfit, die wissen, was ihre Kinder bewegt. Eltern, die ihre Kinder stark protegieren“, meint Bettina Bäulke.

Das führe zwar auf der einen Seite zu einer Verweichlichung und gewissen Unselbstständigkeit, habe aber auch gute Auswirkungen. „Die Jugendlichen sind heute viel offener. Sie gehen auf einen zu, haben keine Scheu, Fragen zu stellen. Sie sind viel länger Kind, aber im positiven Sinn“, so die erfahrene Tanzlehrerin. Auch die Rolle der Mädchen gegenüber den Jungs habe sich verändert.

„Die Mädchen warten nicht brav ab, bis irgendjemand sie zum Tanzen holt, sie nehmen die Sache ganz selbstverständlich selbst in die Hand. Das fördern wir schon lange bewusst, indem wir die Tänzer und Tänzerinnen bunt mischen, so dass sich möglichst alle mal kennenlernen können.“ Sich miteinander bekannt zu machen auf eine wertschätzende Art, das sei eines der hohen Ziele, die ihre Tanzschule verfolge. Mini-Smalltalk könne man lernen. Dass gute Umgangsformen nicht nur in der Tanzstunde angenehm für alle sein können, würden die Jugendlichen schnell merken.

Am ersten Tanzschulabend in diesem Jahr drängten und schoben sich mehr als hundert Jugendliche über den Parkettboden des Tanzsaales. Der Kurs musste geteilt werden, und auch heute, kurz vor dem großen Ball, geht es eng zu. Tanzlehrerin Bäulke greift nach der Pause zum Mikrofon. Das Stimmengewirr ebbt ab, jemand schließt die Fenster „Wir beginnen mit dem Langsamen Walzer!“ Die Paare schauen konzentriert, dann setzen sie sich in Bewegung. „Tschuldigung!“, rufen Vincent und Helena. Sie sind gerade mit einem anderen Paar kollidiert. „Das passiert öfter“, sagen sie.

„Schlimmer ist es, wenn dein Tanzpartner dir dauernd auf die Füße latscht“, beschwert sich Lisa. Genau das ersparen sich all jene Mädchen, die wegen des fast schon traditionellen Tänzermangels mit einem Profi aus den Vorjahren an den Start gehen können. Trotzdem sind Helena und Vincent froh, dass sie frühzeitig zusammengekommen sind, denn zur Planung gehört auch und gerade die Klamottenfrage. Die beiden sprechen zu Hause jetzt viel von farblich passenden Schuhen, dunklen Anzügen, Ballkleidern und eleganten Taschen. Lederschuhe statt Latschen, schwingende Röcke und Pailletten-Tops statt Jeans und Schlabberschal. Die Regeln für den Abschlussball sind klar und auch schriftlich in einem kleinen Ballratgeber festgehalten, der offensichtlich eifriger von den jugendlichen Standardtänzerinnen und -tänzern verschlungen wird als die letzte Folge von „Germanys next Topmodel“. Alle Kursabsolventen wissen bereits genau Bescheid. Absolute „No Gos“ sind im Ratgeber als „Was bleibt auf jeden Fall zu Hause“ übertitelt:

Jeans, T-Shirts, Sweat-Shirts, Pullover, Windjacken. Auch große Taschen, Rucksäcke, Plastiktüten, Baseballkappen passen nicht zum Ball. Dass man keine Getränke mitbringt und dass Kaugummikauen fehl am Platz ist, weißt du bestimmt sowieso. Handys sind unbedingt ausgeschaltet.

Auch das Thema schmutzige Fingernägel, Schweiß- und Mundgeruch beschäftigt die Jungtänzer. „Hoffentlich halten sich da auch alle dran, das ist echt so eklig, wenn du mit einem tanzen musst, der so stinkt“, sagt Sarah, und die anderen Mädchen, die mit ihr im Tanzsaal am Fenster stehen, nicken. „Ungewaschene Haare und Körpergeruch stören die gepflegte Gesamterscheinung empfindlich!“, zitieren die Schulfreundinnen jetzt aus dem Ratgeber und lachen laut los. „Parfüm sollen wir aber auch nicht dick auftragen, und nackte Beine gehen gar nicht“, sagt Simone.

Wie ihr Outfit für den Ball aussehen wird, davon haben die meisten eine genaue Vorstellung. Bei einigen hängt das Kleid schon im Schrank. Helena etwa hat sich nach langem Suchen und Diskutieren mit ihrer Mutter vor wenigen Tagen auf ein dunkelblaues Ballkleid geeinigt, das super zu ihren langen, roten Haaren passt. Andere sind noch auf der Suche, machen sich Sorgen, ob die Zeit noch für eine Bestellung reicht.

Wer nun glaubt, der Abschlussball überlebe nur wegen der Liebe der Mädchen zu schicken Kleidern und Schuhen, irrt gewaltig. Für Alexander (15) ist das Tragen eines Anzuges ohnehin kein Ding, und Vincent übt in diesen Tagen konzentriert das korrekte Binden einer Krawatte. „Welche Farbe soll ich nehmen, sie muss ja zu Helenas Kleid passen?“, fragt er. Coole 15-jährige Jungs, die sich 365 Tage im Jahr verbieten, von Mutti in Kleiderfragen beraten zu werden, schauen plötzlich hilflos fragend aus Umkleidekabinen in Herrenabteilungen heraus und probieren klaglos und geduldig Anzughosen und Hemden an. Mit kritischem Blick schaut Vincent an diesem Einkaufstag an sich herunter, prüft, ob alles tadellos sitzt – und auch seriös genug aussieht.

Zum dunklen Anzug kommt noch ein weißes Hemd, schwarze Lederschuhe und eine rote Krawatte dazu. Es ist kein billiger Spaß, der bei einem Abschlussball auf die Eltern der Tänzerinnen und Tänzer zukommt, aber irgendwie will sich nun auch keiner lumpen lassen. Immerhin: Es ist der Abschlussball!

Dass der Tonfall und das Benehmen sich aber nicht schlagartig mit dem Tanzkurs ändern, weiß Dagmar Keim, Inhaberin der gleichnamigen Tanzschule in Lohr (Lkr. Main-Spessart). Sie leitet die Schule seit 1984 und versucht, den Jugendlichen abseits der Holzhammermethode bestimmte Regeln beizubringen.

„Man muss da gelassen sein und vieles spaßig rüberbringen“, findet sie. Sie sei aber auch konsequent, was das Einhalten dieser Regeln betrifft. „Wer glaubt, er könne mit kariertem Hemd über der Hose oder gar mit Kappe auf dem Kopf zum Abschlussball kommen, irrt sich.“ Die evangelischen Jugendlichen hätten es in der Kleiderfrage meist leichter, weil sie einfach noch einmal ihr Konfirmationskleid oder ihren Konfirmationsanzug aus dem Schrank holen könnten.

Den Jungs gibt Keim in den Tanzstunden mit auf den Weg, festen Schrittes auf die Dame zuzugehen. Ein Schüler habe jüngst unentschlossen vor der Bank mit den Mädchen gestanden und lässig erklärt, es sei ihm wurscht, welche von ihnen aufstehe. „Ich habe dann gesagt, meine Damen: Sie dürfen diesem Herren jetzt alle eine runterhauen.“ Das habe zu Gelächter geführt, aber eben auch dazu, dass dieser Tanzschüler so nicht mehr vorgehe.

Ebenfalls wichtig sei es, den Jugendlichen klar zu machen, wie weh es tut, wenn man den Tanz mit einem Jungen oder Mädchen ausschlägt, um dann drei Sekunden später mit einem anderen an ihm oder ihr vorbeizuwirbeln. „Ich kann immer ablehnen, aber dann muss ich sagen, dass ich eine Pause machen möchte und dann auch sitzen bleiben“, erklärt Dagmar Keim.

Die gebürtige Kölnerin ist vor 41 Jahren zum Tanzen gekommen, ebenfalls über den klassischen Anfängerkurs. Dass sie nach ihrem Lehramtsstudium einmal im Tanzsaal statt an der Tafel landen würde, das hätte sie damals nicht gedacht.

Der Tanzkurs, so Keim, verbinde heute Generationen. Das lässt sich in diesen Tagen nicht nur bei Helena und Vincent in Würzburg verfolgen. Die Geschichten der Eltern und Großeltern über die erste Tanzstunde, früher „grottenlangweiliges Gelaber“, ist plötzlich überall interessanter Gesprächsstoff. Und sogar die 80-jährige Oma schwingt im Arm des Enkels durchs Wohnzimmer, weil sie laut letzter SMS des 14-Jährigen an seine Freunde „voll gut Walzer und Rumba tanzen kann“.

Die Nichttänzer in den Familien hoffen indes auf die volle Unterstützung der aktuellen Generation Abschlussball. „Man muss einfach auf alles Discofox tanzen, das passt irgendwie immer“, erklärt Vincent. Das bestätigt auch Tanzlehrerin Dagmar Keim.

Dass die Tanzmusik, selbst die Discofox-Klänge, so gar nicht zum Musikgeschmack heutiger Teenager passe, sei eher zweitrangig. „Ein Tanzkurs ist nach wie vor in diesem Alter ein Renner, weil er eine echte Chance bietet, sich körperlich näher zu kommen.“ Genau deshalb würden sich Foxtrott und Tango auch in den nächsten Jahrzehnten behaupten. Seit Jahrzehnten pilgern Jugendliche auch schon in die Schweinfurter Tanzschule Pelzer. „Der Anfängerkurs ist nach wie vor feste Tradition“, sagt Cora Pelzer.

Dass es so gut mit dem Nachwuchs läuft, empfindet das Team als schönes Geschenk zum 40. Geburtstag der Tanzschule in diesem Jahr. Die Kurse seien Kult – und für den überwiegenden Teil der Neunt- und Zehntklässler gar nicht peinlich. Neue Leute kennenlernen, alte Schulfreunde wiedertreffen – die meisten finden das super. Brigitte aus Würzburg indes hat in ihrem Tanzkurs noch viel mehr gesucht. „Ich habe immer geglaubt, dass ich genau wie meine Eltern im Tanzstundenalter den Partner fürs Leben finden müsste – und war sehr enttäuscht, dass das dann nicht der Fall war“, erzählt sie. Sie erinnert sich mit Grauen an die Jungs, die so gar keinen Rhythmus im Blut hatten. „Schrecklich war das, mir taten oft die Füße weh.“ Wenigstens habe man seither zeitlebens gute Tanzpartner zu schätzen gewusst.

Ihre Eltern, Michael und Hanni Weixler, haben sich bei ihrem Abschlussball 1967 in Würzburg kennengelernt und verliebt, da waren beide 17 Jahre alt. 1974 haben sie geheiratet. Hanni kann sich sogar noch an den Abschlussball-Blumenstrauß erinnern. Ebenfalls bis heute ein wichtiges Thema. Vincent jedenfalls weiß, dass Helena rosafarbene Rosen schön findet und worauf er bei der Auswahl des Straußes achten muss. Im kleinen Ballratgeber steht:

Nicht geeignet: Topfblumen, Orchideen im Karton, Riesengebinde, Sträuße in Plastikfolie, Gemüsesträuße. Der Strauß wird mit den Blüten nach oben überreicht.

Die Regeln werden im Kurs ernst genommen, denn niemand will etwas falsch machen. Doch bei der Vorstellung, jemand könnte einem Mädchen einen Karton mit Orchideen überreichen, prusten die Tanzschüler los. Tanzlehrerin Bäulke hat indes schon so einiges gesehen und erlebt in den vielen Jahren des ersten Tanzkurses, sie absolviert heuer ihren 120. Abschlussball.

„Den Karton mit Orchideen gab es wirklich“, sagt sie lachend. Dann geht es im Tanzsaal auch schon weiter. „So, wir üben jetzt einmal die Eingangspolonaise. Der Herr macht eine Verbeugung, die Dame einen Knicks, das ist kein Wunsch von mir, das ist ein Muss“, ruft Bäulke nun in die Menge. „Nein, meine Damen, Sie denken jetzt einmal nicht an ihre Blumensträuße, das üben wir bei der Generalprobe.“

Vom Band ertönt jetzt „Are you lonesome tonight“ und alle setzen sich zum Langsamen Walzer in Bewegung. „Das sieht schon prima aus, ganz wunderbar!“, ruft Bettina Bäulke begeistert ins Mikrofon. Vincent und Helena drehen gerade an ihr vorbei und lächeln. Der Abschlussball kann kommen!

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