WÜRZBURG

Wenn Kinder zu viel dürfen

Erziehung: Familienberater Andreas Dederich erklärt, warum ein einfaches Nein oft Wunder wirkt und warum im Alltag das Hervorheben von Stärken so wichtig für Kinder ist.
Das Zepter in der Hand: Wenn ein Kind die Herrscherrolle in der Familie übernimmt, ist etwas schiefgelaufen. Foto: Illustration: Romina Birzer

Nein, ich will nicht!“, brüllt Lars empört. „Och, Lars, jetzt sei lieb und komm mit zu Oma“, sagt Mama. „Nein!“ – „Mensch, Lars, die Oma ist doch immer so lieb zu dir und die freut sich doch auch immer so doll, wenn du sie besuchst.“ Lars stampft auf. „Nein, ich will nicht!“ Mama versucht es noch mal im Guten: „Schau mal, die Fahrt zu Oma ist doch immer so schön. Und wenn du jetzt mitkommst, bekommst du auch was Tolles von mir geschenkt.“ Doch Lars lässt sich nicht locken. Mama verliert allmählich die Geduld. „Jetzt reicht es, wenn du jetzt nicht kommst, darfst du die ganze Woche kein Fernsehen mehr gucken!“, ruft Mama. Lars heult los, schlägt auf Mama ein. „Blöde Mama!“

Die Situation ist verfahren. Und das, so sagt der systemische Familienberater aus Würzburg, Andreas Dederich, sei absehbar gewesen. Er kennt solche Szenen aus zahlreichen Gesprächen mit Eltern. Dederich plädiert für klare und rechtzeitige Ansagen, wenn es um Unternehmungen in der Familie geht. Lange Diskussionen oder gar Verhandlungen mit Kindern über etwas, das sowieso gemacht werden muss, bringen seiner Ansicht nach gar nichts.

Mehr noch: sie schaden dem Kind mehr als dass sie ihm nutzen. „Kinder, die zu viel dürfen, werden zu Erwachsenen, die zu wenig können“ überschreibt Dederich deshalb seine Vorträge, die er in Kindergärten und Schulen hält.

Nein zu sagen bedeute nicht, dass man den Kindern zu wenig Anerkennung entgegenbringe oder egoistisch sei. „Liebe und Respekt äußern sich vielmehr dadurch, dass man im Alltag nicht vergisst, die Stärken seiner Kinder hervorzuheben“, meint Dederich.

„Eltern, die ihren Kindern immer alles abnehmen, tun sich und

dem Nachwuchs keinen Gefallen!“

Andreas Dederich, Systemischer Familientherapeut

Doch das ist gar nicht so einfach: Mit hochrotem Gesicht steht die dreieinhalbjährige Lena im Flur. Sie schwitzt und kämpft. Aber sie ist auch stolz. Den Reißverschluss von ihrem Anorak hat sie schon zu, jetzt müssen noch die verflixten Knöpfe darüber geschlossen werden. „Lena!“, ruft Mama aus der Küche, was machst du denn so lange, wir müssen los!“ Schon kommt sie um die Ecke, schüttelt missbilligend den Kopf, knöpft schnell den Anorak zu, zieht Lena die Stiefel wieder aus, um sie richtig herum anzuziehen und stülpt dem weinenden Kind die Mütze über. „Immer dieses Theater, wir haben doch keine Zeit!“

Lena und ihre Mutter sind nur ein Beispiel für das, was sich in vielen Familien morgens abspielt. Der Zeitdruck der Erwachsenen prallt auf die ersten Versuche der Kleinen, selbstständig zu werden. Klar wollen wir, dass unsere Kinder alles früh lernen und beherrschen, nicht umsonst hetzen wir von einer Förderstunde zur nächsten. Und vor lauter Stress übersehen wir dann halt, dass die Entwicklung unserer Kinder nicht in abgetrennten Zeitzonen stattfindet, sondern gerade hier und jetzt im Flur beim morgendlichen Anziehen.

„Es ist eine riesige Leistung, sich mit drei Jahren ein Hemd zuzuknöpfen oder sich selbst die Schuhe anzuziehen. Wir sollten das als Leistung respektieren und nicht als Selbstverständlichkeit sehen“, sagt Dederich. Die täglichen Leistungen der Kinder wahrzunehmen und auch zu kommunizieren sei enorm wichtig.

„Eltern, die ihren Kindern immer alles abnehmen, auch weil sie ihnen bestimmte Sachen nicht zutrauen, tun sich und ihrem Nachwuchs keinen Gefallen.“ Dederich appelliert an die Eltern, nicht nur wachsam die Schwächen oder Probleme zu beobachten, sondern genauso wachsam bei den Sachen zu sein, die ihre Kinder gut machen oder die man ihnen schon alleine zutrauen kann. Viele Eltern, die mit ihren Kindern zu ihm kämen, seien mit der Aufgabe, die Stärken ihrer Kinder zu benennen, völlig überfordert. „Manchen fällt spontan gar keine ein.“

Es gehe hier nicht darum, Kinder für jede Kleinigkeit oder ohne Grund überschwänglich zu loben, sondern den Kindern grundsätzlich zu signalisieren, ich weiß sehr wohl, was du schon alles kannst. Dederich erzählt gerne vom Beispiel der Mutter, die ihn anrief, um zu fragen, ob ihre Tochter bei ihm ein Praktikum machen könne. Wie alt die Tochter sei, habe er gefragt. „Zwanzig“, so die Mutter. „Wenn Ihre Tochter selbst sprechen kann, vielleicht.“ Diese Begebenheit führt regelmäßig zu Gelächter bei den Eltern, die zu den Vorträgen kommen, doch irgendwie fühlt sich doch fast jeder ein bisschen ertappt.

„Und das ist ja auch gut, das ist ja der Sinn meiner Arbeit. Den Eltern den Spiegel vorhalten, sie dazu bringen, ihr Verhalten zu überdenken.“ Gerade, was die Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen heute angehe, liege vieles im Argen.

„Ich muss nicht das volle Animationsprogramm starten, bloß weil mein Kind sagt, es langweile sich gerade. Ich behaupte, dass sich Kinder überhaupt nicht langweilen können. Sie drehen sogar ein Staubkorn auf dem Teppichboden – das ist übrigens sehr entspannend.“ Man müsse auch nicht alles erledigen, was Kinder schon selbst können: „Wenn Ihr Fünfjähriger im Schwimmbad ein Eis möchte, dann geben sie ihm einen Euro und lassen sie ihn allein zum Kiosk gehen. Dabei müssen sie ihn ja nicht aus den Augen verlieren. Sie werden sehen, wie stolz ihr Kind zurückkommt!“

Und vor allem sollte man nicht den Fehler machen, wegen jeder kleinen Entscheidung, die innerhalb der Familie getroffen werden muss, lange Diskussionen mit den Kindern anzufangen. „Vielen Eltern ist die Fähigkeit abhanden gekommen, nein zu sagen“, stellt der Familienberater fest. Schlichte Worte, unaufgeregtes Handeln – das scheint es so nicht mehr zu geben. Manche Mütter und Väter arbeiten sich geradezu daran auf, ihr Kind verbal von irgendetwas zu überzeugen und stoßen damit schnell an ihre Grenzen.

„Viel besser ist es, klar zu machen, dass die Eltern die Bestimmer sind, und in dieser Rolle kein Problem damit haben, ihrem Kind zu sagen, dass es bitte das Messer aus der Hand legen soll. Und ihm das Messer dann auch einfach wegzunehmen.“ Das führe zu viel weniger Aufregung und Tobsuchtsanfälle als die Eltern gemeinhin glaubten.

Kinder müssten lernen, Dinge auszuhalten. Im Kindergarten klappe das ja auch gut, weil dort ganz klare Regeln festgelegt sind. „Wenn die Bauecke schon besetzt ist, muss man sich halt eine andere Spielecke suchen.“ Da diskutiere niemand stundenlang über das Warum-kann-ich-jetzt-nicht-haben-was-ich-will. Und da laufe auch kein Trost- und Animationsprogramm an. Vielen Eltern tun die Vorträge von Experten schon deshalb gut, weil sie schnell merken, sie sind mit ihren Problemen nicht allein.

Doch leider, so sagt Andreas Dederich, kommen meist nur diejenigen Eltern zu Informationsabenden, die von Haus aus schon Interesse daran haben, etwas richtig oder besser zu machen. Das Klientel, das Aufklärung hinsichtlich Erziehung dringend nötig habe, sehe man hingegen selten bis gar nicht. Das bestätigten ihm auch die Erzieherinnen und Lehrerinnen in der Region regelmäßig. Auch diese, so Dederich, sollten den Kopf nicht in den Sand stecken, wenn Eltern sich beratungsresistent zeigten.

„Wenn ich weiß, dass ein Kinderarzt einem schwerst betroffenen Kind Ergotherapie verordnet hat und die Eltern aber hier in der Praxis einfach nicht mehr auftauchen, dann gehe ich auch vor Ort“, sagt Dederich. Denn hier gehe es nicht um die Bedürfnisse der Eltern, sondern um die der Kinder. Und die Kinder, so sagt Dederich, „brauchen unsere Liebe – und unseren Respekt!“

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  • Familientherapeutinnen und Familientherapeuten
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