WÜRZBURG/SCHWEINFURT

Wenn Mama zur Hilfslehrerin wird

Hausaufgaben: Vor allem Mütter springen zu Hause häufig als Hilfslehrerinnen ein und fahren dafür sogar ihren Job zurück. Laut einer Studie fühlen sich Familien in Bayern am stärksten vom Thema Schule unter Druck gesetzt.
Mama als Lehrerin: Vor allem in Bayern sind Eltern und Kinder vom ausufernden Schulpensum genervt. Lernwochenenden statt...

Charlotte würde am Sonntagnachmittag gerne Pferdemandalas ausmalen oder mit ihrer Elfenbarbie spielen, aber das geht nicht, denn sie muss Mathe lernen. Am Montag steht für die Neunjährige eine Matheprobe an, eine von 22 übertrittsrelevanten Proben, die Viertklässler in Bayern zwischen September und April durchstehen müssen.

Charlottes Lehrerin hat die Eltern vorgewarnt, dass in der Probe neben der Umrechnung von Euro in Cent auch die halbschriftliche Division, die halbschriftliche Multiplikation und das Rechnen von Sachaufgaben „so wie wir sie gerade in der Schule behandeln“ anstünden.

In diesen Sachaufgaben fahren Züge von „X-Stadt“ nach „Y-Berg“, der eine braucht für die 60 Kilometer lange Strecke 30 Minuten, der andere 60 Minuten; und die Viertklässler sollen errechnen, wie viele Kilometer jeder Zug pro Minute fährt und wann sich die Züge begegnen. Charlotte ist nicht so begabt, wie sie es nach den Vorstellungen bayerischer Bildungspolitiker sein sollte – sie erkennt nämlich nicht sofort, dass sie für die Beantwortung dieser Frage die Kilometer erst durch die Minuten teilen muss und dann – um herauszufinden, wann die Züge aufeinandertreffen – die Fahrstrecken der Züge pro Minute so lange addieren muss, bis 60 Kilometer zusammenkommen.

Sie sagt, X-Stadt und Y-Berg seien blöde Namen für Städte. Sie malt Herzchen auf ihr Übungsblatt. Sie fragt ihre Mutter, ob sie als Vorname für die Elfenbarbie „Lucy“ besser fände oder „Tamara“. „Konzentriere dich auf die Züge“, sagt die Mutter. „Ich kann nicht mehr“, sagt das Kind. „Ich auch nicht“, seufzt die Mutter. Entsetzt schaut die Neunjährige auf ihre Mutter: „Aber wer soll es mir denn dann beibringen?“

Es wird sicherlich Eltern geben, die sich und ihr Kind in der oben beobachteten Szene nicht wiederfinden. Das dürften vor allem die Eltern sein, deren Kinder sich in den unteren Grundschulklassen befinden, in denen der bayerische Leistungsdruck sich noch in Grenzen hält. Oder Eltern, deren Kinder schon weit in der Pubertät sind, in einer Phase also, in der sie elterliche Fürsorge grundsätzlich ablehnen. Sicher gibt es unter den Eltern, die solche häusliche Lernszenen nicht kennen, auch jene, deren Kinder besonders begabt sind: Johannes’ Eltern etwa pflegen bei Elternabenden zu erzählen, dass ihr Kind die Hausaufgaben stets schnell und selbstständig erledige und zusätzlich noch freudig auf die Matheolympiade hinarbeite.

Doch glaubt man den Aussagen der 2013 erschienenen sozialwissenschaftlichen Studie „Eltern – Lehrer – Schulerfolg“, die vom Bundesfamilienministerium und von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben wurde und auf 416 Seiten die „Wahrnehmungen und Erfahrungen im Schulalltag von Eltern und Lehrern“ beschreibt, dann fühlt sich eine Mehrheit von Eltern als Hausaufgabenhelfer hart in die Pflicht genommen. „Der Druck, unter dem die Eltern stehen, ist in Bayern besonders groß“, sagt Christine Henry-Huthmacher, eine der Herausgeberinnen der Studie.

Laut dieser Studie hat sich das Verhältnis von Eltern zur Schule in den letzten Jahren grundlegend geändert. Schule und Schulleistungen sind zu einem dominanten Thema in den Familien – vor allem denen in der gesellschaftlichen Mitte – geworden. Laut Studie delegieren Eltern aus der Oberschicht Hausaufgabenhilfe und Prüfungsvorbereitung an bezahlte Experten, Eltern aus sozial schwächeren Schichten überlassen ihre Kinder bei Hausaufgaben oft sich selbst. Eltern der gesellschaftlichen Mitte allerdings fühlen sich für den Schulerfolg ihrer Kinder immer stärker verantwortlich, übernehmen zunehmend Aufgaben der Schule und nehmen sich wahr als elementaren Teil des Schulsystems.

„Viele der Befragten haben den Eindruck, dass die Lehrer den Lehrstoff in der Schule nur durchpeitschen und dass die Eltern es sind, die den Stoff mit den Kindern zu Hause einüben müssen“, so Christine Henry-Huthmacher. Sie berichtet, dass zahlreiche befragte Frauen der Studie erklärt haben, dass sie, um den Kindern zuverlässig beim Hausaufgabenmachen zur Seite stehen zu können, beruflich zurückfahren. Oft sehen sich Mütter festgenagelt auf die Rolle der Hilfslehrerin. Die Autoren der Studie nennen das „Retraditionalisierung der Geschlechterrollen durch die Schulkultur“.

Die Eltern von Charlotte fragen sich manchmal, ob sie ihrer Tochter den Übertrittsdruck nicht ersparen sollten. Sie schauen dann auf Sophies Mutter, die sagt, sie dränge ihre Tochter nicht; die Tochter solle eine glückliche Kindheit haben und wenn sie den Schnitt von 2,3 fürs Gymnasium oder den Schnitt von 2,6 für die Realschule nicht erreiche, dann sei ihr das auch egal. Charlottes Eltern, beide Akademiker, sehen das anders. Sie finden, dass ihr gut begabtes Kind aufs Gymnasium gehen sollte, so wie sie selbst.

Allerdings scheint die bayerische Grundschullehrplan-Kommission sich nicht mehr an gut begabten Kindern zu orientieren, sondern an disziplinierten Überfliegern. Bayerische Grundschullehrer haben in einer Onlinebefragung im Jahr 2011 mehrheitlich angegeben, dass sie die Stoffmenge in Heimat- und Sachkunde für überzogen halten und dass im aktuellen Lehrplan neu eingeführte Lehrmethoden bei den Kindern zu schlechteren Ergebnissen führten.

Unter der Hand geben der ein oder andere Grundschulrektor und Lehrer aus der Region offen zu, dass die Anforderungen der vierten Klasse „Wahnsinn“ seien und ein „optimierter Lehrplan“ noch lange keine „optimierten Kinder“ mache. Genau wie ihre Kollegen in den Realschulen und Gymnasien unterrichten sie aber lehrplangetreu. „Was bleibt uns anderes übrig?“, fragen sie. Und bringen den Kindern in Heimat- und Sachkunde den Aufbau eines Müllheizkraftwerks bei, wenn „Müllheizkraftwerk“ im Lehrplan steht. „Dort wird thermische Energie erzeugt“, schreiben die Kinder in ihr Heft. Was genau das denn ist, erklären die Eltern von Charlotte oder Jana oder Max oder Arthur ihren Kindern dann am Nachmittag.

Das Ideal sieht anders aus: Im Prinzip sollten Hausaufgaben so gestellt sein, dass Kinder sie selbstständig erledigen könnten, sagt Margarete Götz, Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik an der Universität Würzburg. Werde aus elterlicher Hilfe eine Art nachmittäglicher Dauernachhilfe, müsse man sich fragen, was falsch gelaufen sei. Götz: „Wenn die Schule eine 'Schule nach der Schule' braucht, dann ist das System reformbedürftig.“

Hilfen und Informationen

Vielen Familien wächst der Schulstress ihrer Kinder über den Kopf, sie klagen über einen enormen Zeitaufwand. Andere winken ab, sagen, dass es früher auch nicht anders gewesen sei. Eltern, deren Kinder sich überfordert fühlen, können sich an die Staatliche Schulberatungsstelle Unterfranken wenden, erreichbar ist sie unter Tel. (0931) 7945-410 oder per E-Mail:

mail@schulberatung-unterfranken.de

Zum Thema Hausaufgaben bieten wir an unserem großen Familientag am 31. Mai im Vogel-Convention-Center in Würzburg im Rahmen einer Familienmeile Workshops und Infos an.

Buchtipp: „Warum es nicht so schlimm ist, in der Schule schlecht zu sein“ – Autorin Heidemarie Brosche relativiert mit Humor und Verstand die Bedeutung von Noten und zeigt Auswege aus dem Dilemma.

Rückblick

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