Wenn Mutti mal Pause macht

Rund 49 000 Mütter haben 2013 eine Kur beantragt. Häufige Gründe: Erschöpfung, Allergien und depressive Verstimmungen.
Zeit für Mama, Zeit für Papa, Zeit für Kinder: Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums sind 2,1 Millionen Mütter und 260 000 Väter kurbedürftig. Tatsächlich haben 49 000 Mütter und 1200 Väter im Jahr 2013 an einer Mutter/Vater-Kind-Kur oder reinen Mutter/Vater-Kur in einer der 77 anerkannten Einrichtungen des Müttergenesungswerk in Deutschland teilgenommen. Foto: Müttergenesungswerk

Nach dem Krieg wurden Mütter auf Kuren geschickt, um Kräfte zu sammeln zum Aufbau ihrer zerbrochenen Familien und der Pflege ihrer versehrten Männer. Im Jahr 2014 fahren Frauen zur Kur, weil sie durch ständigen Zeitdruck und Einsatzbereitschaft krank werden, alleinerziehend oder arbeitslos sind, finanzielle Sorgen haben oder zusätzlich noch Angehörige pflegen. Das Müttergenesungswerk begleitet und kämpft seit 1950 für Mütter und ihr Recht auf eine Kur. Auch gibt es mittlerweile Kuren für Väter. Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, erläutert, wie sich die Aufgaben der Stiftung im Laufe der Jahre gesellschaftlich angepasst haben.

Frage: Wer eine Kur antritt, bekommt nicht selten einen „schönen Urlaub“ gewünscht. Was ist eine Mutter-Kind-Kur konkret?

Anne Schilling: Eine Mutter-Kind-Kur oder auch eine Mütter-Kur ist eine medizinische Maßnahme zur Vorsorge oder zur Rehabilitation und sie besteht aus medizinischen, physiotherapeutischen und sozialpsychologischen Therapien. Sie ist ganzheitlich und frauenspezifisch.

Wie ist der Anteil an Präventiv- und Rehabilitationskuren?

Schilling: Der überwiegende Anteil mit über 95 Prozent sind Vorsorgemaßnahmen.

Wann macht jemand eine Kur zur Vorsorge?

Schilling: Wenn eine Krankheit noch nicht manifestiert ist, also jemand ständig Rückenschmerzen, aber noch keinen Bandscheibenvorfall hat. Oder jemand häufig Infekte hat, das Immunsystem geschwächt ist und eine chronische Erkrankung verhindert werden soll. Durchschnittlich kommen die Mütter mit drei Erkrankungen. Typisch dabei sind Rückenschmerzen, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Angstgefühle, Allergien, Essprobleme.

Das Müttergenesungswerk gibt es seit 60 Jahren. Warum sind die Frauen damals zur Kur gefahren, warum fahren sie heute?

Schilling: Die Gründung des Müttergenesungswerks durch Elly Heuss Knapp 1950 stand unter dem Einfluss der Kriegsfolgen. Mütter mussten oft alleine ihre Familien durchbringen, weil der Mann nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen war. Oder er kam zurück, war aber versehrt und pflegebedürftig. Mütter waren erschöpft, mangelernährt, traumatisiert, hatten manchmal kein eigenes Bett. Elly Heuss Knapp wollte etwas für die Gesundheit und Stärkung der Mütter tun. Für die Kinder gab es Hilfsprogramme, die sie gesund werden ließen. Aber niemand dachte an die Mütter. Dabei waren sie – und das hat sich bis heute wenig geändert – der Dreh- und Angelpunkt in der Familie.

Warum machen die Frauen heute eine Kur?

Schilling: Die größte Belastung für Mütter heute ist der ständige Zeitdruck und die ständige Einsatzbereitschaft. Zusätzlich pflegen 16 Prozent der Mütter innerhalb der Familie ein Familienmitglied, andere haben ein chronisch krankes oder behindertes Kind, sind alleinerziehend, durch Arbeitslosigkeit oder Partnerschaftsprobleme belastet.

Was passiert in der Mutter-Kind-Kur?

Schilling: Die Frauen werden aus ihrem Alltag herausgenommen und dann geht es drei Wochen lang nur um sie: um ihren Körper und ihre Psyche, um ihre konkrete Lebenssituation in der Familie, ihre Gesundheit und ihre Belastungen und um die Mutter-Kind-Beziehung. Sie bekommen einen individuellen Therapieplan mit medizinischen und physiotherapeutischen Anwendungen, Bewegungsangeboten, Gesprächstherapien und Mutter-Kind-Interaktion.

Den Daten nach waren 2013 rund 42 Prozent der Mütter teilzeitbeschäftigt, nur 22 Prozent Vollzeit. Sind vollzeitarbeitende Mütter nicht kurbedürftiger?

Schilling: Wir wissen aus Studien, dass 70 Prozent der Frauen in den Familien die Hauptlast der Haus- und Familienarbeit tragen, unabhängig von ihrer Berufstätigkeit. Bei Teilzeitarbeit wird in der Paarbeziehung viel seltener die Frage gestellt: Wie sind eigentlich die Lasten verteilt? Wer macht was? Teilzeitarbeitende Mütter übernehmen oft 100 Prozent der Familienarbeit. Vollzeitarbeitende Mütter haben natürlich auch Stress, aber die Lasten sind oft zwangsläufig anders verteilt.

Was kann in drei Wochen Kur wirklich geschafft werden?

Schilling: Mit den Frauen wird individuell vereinbart: Was nehmen wir in den drei Wochen in den Fokus. Es wird hinterfragt: Wie sieht der Familienalltag aus? Kann da auch was anders sein? Manchmal geht es um die Umverteilung der Verantwortung in der Paarbeziehung. Manchmal geht es darum, dass die Mütter erkennen, ich brauche mehr Freiraum, ich kann nicht nur geben, sondern muss auch nehmen. Vielleicht gehört ein Abend in der Woche mir, vielleicht auch mal ein Tag oder ein Wochenende. Das sind Faktoren, die klingen klein, haben aber oft sehr nachhaltige und langfristige Wirkung. Manche Mütter beschreiben die Kur als lebensverändernd.

Seit 2011 ist es leichter, eine Kur bewilligt zu bekommen. Was hat sich getan?

Schilling: Seit 2007 sind Kurmaßnahmen Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen. Dennoch wurde es für Mütter im Laufe der Jahre immer schwieriger, eine Kur zu beantragen. 2011 wurde jeder dritte Antrag abgelehnt. Nach Kritik des Müttergenesungswerkes, von Ärzten und Wohlfahrtsverbänden beauftragte der Haushaltsausschuss des Bundestags den Bundesrechnungshof, das Bewilligungsverfahren der Krankenkassen zu prüfen. Mit einem vernichtenden Ergebnis: Mehrfach war von „Willkür“ und „Beliebigkeit“ die Rede. Daraufhin wurde auf Initiative des Gesundheits- und Familienausschusses die Begutachtungsrichtlinie überarbeitet. Seit 2012 ist die Entwicklung positiv. Viele Frauen bekommen ihre Kur mittlerweile im ersten Anlauf bewilligt.

Macht sich das schon in einem Ansturm von Müttern bemerkbar?

Schilling: Es hat in den letzten zehn Jahren dreimal politische Intervention gebraucht, um Müttern den Zugang zu sichern. Bei jeder Gesetzesänderung hat der Gesetzgeber einen Ansturm der Mütter gefürchtet, nie hat es einen gegeben. Mütter denken vor allem an das Wohl ihrer Familie und beantragen eine Kur erst, wenn sie nicht mehr „funktionieren“ können. Zuerst sorgen sie sich um ihre Kinder, um ihren Mann, um die sozialen Beziehungen. Erst ganz am Ende dieser Skala kommen sie selbst mit ihren Bedürfnissen.

Mittlerweile können ja auch Väter Kuren machen. Auch über das Müttergenesungswerk?

Schilling: Ja, das Müttergenesungswerk hat extra eine „Zustiftung Sorgearbeit“ gegründet, damit die Stiftung ihre Arbeit auf Väter und pflegende Angehörige ausweiten kann. Wir haben eine Mutter-Kind-Klinik, die vier Mal im Jahr feste Termine nur für Väter anbietet.

Wie unterscheiden sich diese Kuren?

Schilling: Für die Väter wurden spezifische Konzepte entwickelt. Väter haben eine andere Lebensrealität und machen andere Erfahrungen als Mütter. Sie brauchen zum Beispiel andere Bewegungsangebote, einen anderen Zugang zu Gesprächstherapien oder andere Vater-Kind-Aktivitäten.

Wie viele Männer haben in den letzten Jahren eine Kur beantragt?

Schilling: Bei uns waren es 2013 rund 1200 Väter. Im Vergleich ist die Zahl noch klein, aber sie ist deutlich steigend.

Warum kommen die Väter?

Schilling: Väter kommen ähnlich wie Mütter mit Erschöpfungszuständen bis zum Burnout. Ihre körperlichen Erkrankungen, wie zum Beispiel Rückenschmerzen, sind aber oft stärker ausgeprägt. Ihre Belastungen sind ähnlich wie die bei der Frau, aber auch anders: Sie müssen ihre Vaterverantwortung mit dem eigenen und gesellschaftlichen Rollenbild abgleichen. Häufiger sind es Schicksalsschläge, wie beispielsweise der plötzliche Verlust der Partnerin, an deren Verarbeitung die Väter dann arbeiten.

Wie viele Kinder sind kurbedürftig?

Schilling: Mehr als zwei Drittel der Kinder in unseren Kuren. Dabei nehmen Allergien und Verhaltensstörungen bei den Kindern zu. Deshalb sind therapeutisch angeleitete Interaktionen zwischen dem Kind und der Mutter oder dem Vater und auch Erziehungsfragen ein wichtiger Punkt in den Kliniken.

Was kommt zukünftig auf die Häuser zu?

Schilling: Die Kliniken müssen sich damit auseinandersetzen, dass sich die Gesellschaft und ihre demografische Struktur verändert. Die Zahl der Kinder sinkt. Und natürlich: Männer und Frauen sind unterschiedlich krank, Rollenbilder verändern sich. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums sind 2,1 Millionen Mütter und 260 000 Väter kurbedürftig.

Welches Thema beschäftigt Sie aktuell noch?

Schilling: Die Tagessätze. In den Mütterkuren betragen die Tagessätze durchschnittlich 70 Euro und daran hat sich in den letzten zehn Jahren nur minimal etwas geändert. In anderen Kurmaßnahmen fangen sie bei 100 Euro an. Warum diese unterschiedliche Wertigkeit? Das ist für die Kliniken in den letzten Jahren ein großes Problem geworden.

Daten und Fakten zur Müttergenesung

49 000 Mütter, 1200 Väter und 71 000 Kinder haben im Jahr 2013 an einer Mütter- oder Mutter-Kind-Kur in einer der 77 anerkannten Einrichtungen des Müttergenesungswerks in Deutschland teilgenommen. Dabei befinden sich 83 Prozent der kurenden Mütter in der aktiven Erziehungsphase im Alter von 26 bis 45 Jahren.

56 Prozent der Mütter sind verheiratet, 34 Prozent alleinerziehend. 16 Prozent der Mütter haben einen Migrationshintergrund. Frauen, in deren Haushalt zwei Kinder unter 18 Jahren leben, sind mit 39 Prozent am häufigsten in den Einrichtungen anzutreffen.

Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen der Mütter liegt zu 57 Prozent im mittleren und unteren Bereich (bis 2500 Euro). 35 Prozent der Einkommen liegen darüber. Mit 76 Prozent ist die Mehrheit der kurenden Frauen erwerbstätig.

Psychische Störungen wie Erschöpfungszustände bis zum Burnout, Angstzustände, Schlafstörungen und depressive Episoden sind mit 82 Prozent die am häufigsten genannten Erkrankungen der Mütter, mit denen sie die Kur antreten. Es folgen Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems mit 40 Prozent und Krankheiten des Atmungssystems mit 13 Prozent.

Kinder werden mit 38 Prozent am häufigsten wegen Erkrankungen des Atmungssystems behandelt, es folgen psychische Störungen und Verhaltensstörungen mit 31 Prozent.

Das Müttergenesungswerk ist eine gemeinnützige Stiftung. Träger sind Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, der Evangelische Fachverband für Frauengesundheit und die Katholische Arbeitsgemeinschaft für Müttergenesung (KAG, Caritas). Bundesweit bieten rund 1300 Stellen kostenlos Beratung an. Mit 77 anerkannten Einrichtungen hält das Müttergenesungswerk mehr als die Hälfte aller 130 Kliniken in Deutschland, die Mutter-/Vater-Kind-Maßnahmen anbieten.

Rund um den Muttertag finden traditionell Spendensammlungen statt. Spendenkonto 8880 (SEPA: DE47 7002 0500 0000 0088 80, Bank für Sozialwirtschaft München, 700 20 500, SEPA: BFSWDE33MUE)

Quelle: Müttergenesungswerk

„Mütter sind bis heute der Dreh- und Angelpunkt

in der Familie.“

Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks

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