Wie Familie und doch ganz anders

Leben im Kinderdorf Zwischen Hausaufgaben, Breakdance und Abendbrot – der Alltag in den Wohngruppen gleicht dem in einer Familie. Doch die elterliche Liebe kann den Kindern im Dorf niemand ersetzen.
Tröstende Worte: Die Kinder im Caritas-Kinderdorf St. Anton in Riedenberg (Lkr. Bad Kissingen) fühlen sich in ihrer Familie auf Zeit geborgen – doch die meisten jungen Bewohner vermissen die elterliche Nähe und Liebe schmerzlich. Foto: Lena Berger

Ein Kommen und Gehen ist um die Mittagszeit in dem orange gestrichenen Haus am Waldrand hoch über dem Sinntal. Die Kinder kommen aus der Schule und wollen ihr Mittagessen. Schnell muss es gehen, weil der Unterricht oder der Sport am Nachmittag bald wieder beginnt. Vera hat Breakdance, Felix muss ins Schwimmbad und Amelie motzt über das Mittagessen. Nur die achtjährige Emma (Namen von der Redaktion geändert) sitzt seelenruhig am Tisch und isst.

Szenen einer ganz normalen Familie – aber nur fast. Die Kinder aus dem orangefarbenen Haus leben in einer Wohngruppe im Caritas Kinder- und Jugenddorf St. Anton in Riedenberg (Lkr. Bad Kissingen). „Wir leben hier ähnlich wie in einer Familie“, sagen Sigrid und Bruno, die beiden Erzieher, die an diesem Tag in der Wohngruppe arbeiten. Stephan Schilde, Leiter des Kinderdorfs betont aber auch: „Wir wollen nicht die Eltern ersetzen, sondern das Familiensystem ergänzen.“

Gemütlich ist es in dem großen dreistöckigen Haus. Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer, die drei Geschwister Emma, Johanna und Melina sind im oberen Stockwerk untergebracht, die Jungs im unteren. Dazwischen liegen Schlafzimmer und Büro der Erzieher. Vor drei Jahren wurden alle Häuser energetisch auf den neuesten Stand der Technik gebracht und saniert. Im Wohnzimmer hängen Fotos und Gebasteltes der Kinder, im Esszimmer steht ein großer runder Tisch, an dem auch die Freunde der Kinder noch Platz haben. „Wir sind ein offenes Haus, die Kinder besuchen Freunde im Dorf oder Freunde kommen hierher“, erzählt Erzieher Bruno. „Die Kinder werden im Dorf geschätzt und anerkannt.“ Die Kinderdorf-Kinder gehen in örtliche Vereine, einige besuchen die Grundschule in Riedenberg und der Musikverein hat ein Haus im Kinderdorf zum Proben gemietet.

Acht Kinder leben in der Wohngruppe; das jüngste ist acht, das älteste 14 Jahre alt. Eigentlich ist das Kinderdorf ein Zuhause auf Zeit und die Kinder sollen möglichst bald wieder zu ihren Eltern zurück, erzählt Stephan Schilde. Die Arbeit mit den Eltern ist dabei unerlässlich. Für alle gibt es regelmäßige Hilfeplanungen. Die Kinder bleiben so lange im Heim, bis die Ziele in der Familie erreicht sind.

„Bei manchen geht es schneller, bei anderen dauert es länger“, so Schilde. Aufgrund der familiären Struktur ist eine Rückkehr nach Hause aber nicht immer möglich. Die achtjährige Emma wohnt mit ihren Schwestern Johanna und Melina bereits seit acht Jahren im Kinderdorf. Auch bei den anderen Kindern dieser Wohngruppe ist es unwahrscheinlich, dass sie irgendwann wieder zu ihren Eltern zurück können.

Ein Haushalt mit acht Kindern muss gut organisiert sein. Auf einem großen Plakat im Wohnzimmer stehen die Freizeitaktivitäten der Kinder. Jeder hat zwei Programmpunkte in der Woche, sei es Reiten, Sport oder Musik im Verein. So lernen sie soziale Kompetenz und durch die Bewegung können sie leichter Stress und Aggressionen abbauen. Im Haushalt müssen die Kinder mit anpacken. Jedes Kind hat zudem einmal in der Woche Küchendienst, und samstags steht das Unbeliebteste an: Zimmer aufräumen. Abends schauen sie Fernsehen, mal einen Film oder spielen gemeinsam.

„Wir wollen nicht die Eltern ersetzen, sondern das Familiensystem ergänzen.“
Stephan Schilde, Leiter des Kinderdorfs St. Anton

Acht Kinder, acht Schicksale. Warum sie hier leben und nicht bei ihren Eltern, weiß jedes Kind. Die lebhafte Johanna, die stolz und mit fröhlicher Stimme schildert, wie sie in der Garde tanzt und ministriert, wird traurig, als sie erzählt, warum sie im Kinderdorf lebt: „Meine Mama war zu jung und konnte sich nicht um uns kümmern.“ Auch ihr großer Bruder lebt im Kinderdorf, allerdings in einer anderen Wohngruppe. Nur ihr jüngstes Geschwisterchen ist noch bei der Mutter.

Seit fünf Jahren nennt der zehnjährige Pascal das orangefarbene Haus im Kinderdorf sein Zuhause. Bis er da hinkam, war er schon in vier Heimen oder Pflegefamilien. „Das ist kein leichter Start ins Leben“, sagt Erzieherin Sigrid. Diese und viele weitere Schwierigkeiten nehmen großen Raum im Alltag der Kinder ein.

Oft sind es Kleinigkeiten, die die Kinder aus der Bahn werfen. Es kommen dann Fragen auf. „Wie sah ich als Kind aus? Warum gibt es keine Fotos von mir als Baby?“ Oder auch: „Wann habe ich laufen gelernt?“ Die Kinder realisieren, dass die Eltern für sie nicht da sein können. Das Vertrauen zu einem Erwachsenen aufzubauen, fällt den meisten deshalb schwer. Die Kinder aus dem Kinderdorf sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Psychische Erkrankungen und Beziehungsstörungen nehmen zu. Auch die Konfliktbewältigung mit den Eltern nimmt viel Raum ein. Manchen hilft der Kontakt zu den Eltern, andere leiden darunter, zum Beispiel, wenn Versprechungen von den Eltern nicht eingehalten werden oder nicht eingehalten werden können.

An diesem Mittag läuft alles normal. Die Teller sind leer und die Mägen voll. Vera schultert ihre Sporttasche, Felix marschiert zum Bus, der ihn ins Schwimmbad bringt, und Emma muss ihre Hausaufgaben machen. Fast wie in einer ganz normalen Familie. Erzieherin Sigrid sagt: „Auch wenn das Kinderdorf nur eine Heimat auf Zeit sein soll, ist es wichtig, wenn die Kinder sagen, sie gehen 'nach Hause'“.

Caritas Kinder- und Jugenddorf St. Anton

Das Caritas Kinder- und Jugenddorf St. Anton in Riedenberg im Landkreis Bad Kissingen wurde 1968 vom Verein Kind und Familie gegründet. Seit 1973 befindet es sich in Trägerschaft des Caritasverbandes für die Diözese Würzburg. Zu Hochzeiten waren 160 Kinder im Kinderdorf in der Rhön untergebracht.

Heute leben 70 Kinder im Alter von zwei bis 18 Jahren verteilt auf sieben Wohngruppen auf dem Gelände und in zwei Außenwohngruppen. In jeder Wohngruppe wohnen acht bis zehn Kinder. Der Altersdurchschnitt der Kinder liegt bei elf Jahren. Für Jugendliche ab 14 Jahren gibt es eine Jugendwohngruppe mit angegliederten Appartements, in der die Jugendlichen weitgehend selbst für sich sorgen. Jede Wohngruppe hat mindestens fünf Erzieher. Auf dem Gelände liegt auch das Sonderpädagogische Förderzentrum St. Martin Schule. Weitere Informationen: www.kinderdorf-riedenberg.de

ONLINE-TIPP

Alle bisher erschienenen Beiträge

der Familienserie unter

www.mainpost.de/familie

Rückblick

Schlagworte

  • Lena Berger
  • Break Dance
  • Caritas
  • Erzieherinnen und Erzieher
  • Familien-Serie 2014
  • Schwimmbäder
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!