WÜRZBURG/ERBIL

Wie ein Würzburger im Irak hilft

Flüchtlingskatastrophe: Arzt Joost Butenop vom Missionsärztlichen Institut koordiniert im Auftrag von Malteser International in der kurdischen Stadt Erbil die Nothilfe für Tausende Vertriebene. Ein Gespräch über Nachbarschaftshilfe, die Wasserversorgung und Traumata.
In Sicherheit: Der Junge im Flüchtlingslager in Erbil kann schon wieder ein wenig lächeln. Foto: Joost Butenop/Malteser International

Der Würzburger Arzt Dr. Joost Butenop vom Missionsärztlichen Institut ist wieder einmal in einem Krisengebiet unterwegs: in der nordirakischen Stadt Erbil, Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan. In den vergangenen Tagen sind Zehntausende von Menschen dorthin geflohen. Sie wurden von der Terrorgruppe Islamischer Staat aus ihren Heimatdörfern vertrieben. „Die meisten konnten nur das Nötigste mitnehmen und haben Schreckliches erlebt“, berichtet Butenop. Der erfahrene Gesundheitsexperte, der auch in Haiti und in Pakistan im Einsatz war, koordiniert im Nordirak im Auftrag von Malteser International die Nothilfe in den Flüchtlingsunterkünften im Stadtteil Ankawa und auch außerhalb von Erbil. Dort arbeitet er mit dem Gesundheitsministerium, der chaldäisch-katholischen Kirche und lokalen Partnerorganisationen zusammen.

Frage: Wie ist die Sicherheitslage in Erbil?

Joost Butenop: Die Situation ist insgesamt angespannt, für die Stadt besteht jedoch keine Gefahr. Die Vertriebenen sind hier in Sicherheit. Die Terroristen sind etwa 60 Kilometer entfernt, das Kampfgebiet befindet sich in einem Gebiet zwischen Mossul und Erbil. Da die Terroristen in den vergangenen Tagen stark zurückgedrängt worden sind, keimt unter den Vertriebenen bereits ein wenig Hoffnung auf, dass sie demnächst in ihre Heimatdörfer zurückkehren könnten.

Wie viele Menschen sind nach Erbil geflüchtet?

Butenop: Die Zahl ist schwer einzuschätzen, es wird eine halbe Million Menschen sein. Wir, also das Team der Hilfsorganisation Malteser International, sind in Ankawa tätig, dem christlichen Stadtteil von Erbil. Dort leben rund 30 000 Menschen und momentan knapp 20 000 Vertriebene, zum Teil auf den Grundstücken der christlichen Kirchen und in weiteren Lagern. Jeder Raum in den Gebäuden wird voll genutzt, teilweise wohnen dort bis zu 30 Menschen. Wir haben gehört, dass manchmal die Menschen in Schichten schlafen müssen, weil nicht Platz genug für die Matratzen ist. Unter freiem Himmel schützen Planen und Zelte die Menschen vor der sengenden Hitze von über 45 Grad Celsius.

Sie sind seit einer Woche in Erbil. Welche Probleme mussten Sie bewältigen?

Butenop: Sehr erfreulich ist, dass es hier viel Nachbarschaftshilfe gibt. Die Einheimischen spenden großzügig. Auch viele Ehrenamtliche packen mit an. Aber nun, nach ein paar Tagen, sind deren Kapazitäten zunehmend erschöpft. Viele sind auch überfordert, denn es ist schon eine sehr große Katastrophe hier zu bewältigen, und die Gesundheitsversorgung stellt die lokalen Helfer, mit denen wir zusammenarbeiten, vor große Probleme. Auf ihrer Flucht litten die Menschen unter Austrocknung und Durchfallerkrankungen. Kinder hatten Sonnenstiche und bekamen hohes Fieber. Jetzt macht ihnen im Lager die große Hitze zu schaffen. Wir schauen, was die Flüchtlinge brauchen und organisieren die Abläufe, also die Logistik im Gesundheitsbereich, denn in diesem Chaos bleiben Planung und Koordination oft auf der Strecke.

Wie behalten Sie in dem Chaos den Überblick?

Butenop: Wir machen uns ein Bild von der Lage, planen, beraten und schauen, wo es Lücken gibt, und machen die Helfer darauf aufmerksam. Wenn klar ist, was fehlt, dann holen wir gemeinsam mit unseren Partnern Kostenvoranschläge ein, kaufen ein, prüfen die Qualität. Ein Beispiel: Es gibt kleine Kliniken für die Vertriebenen, die gut laufen, die aber in ihren Beständen komplettiert werden müssen. Wir schauen: Welche Medikamente und Verbandsmaterialien sind vorhanden? Wie viele werden benötigt? Wo können sie eingekauft werden? Und: Wer kauft sie ein? Denn es ist ja nicht sinnvoll, dass die Ärzte selbst medizinische Artikel besorgen; die sollen lieber die Patienten behandeln. Einkaufen können auch die Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisationen.

Gibt es in Erbil Möglichkeiten, die nötigsten Dinge zu besorgen?

Butenop: In Erbil ist vieles vorhanden und muss nicht erst auf dem internationalen Markt erworben und eingeflogen werden. Das heißt, wir können recht schnell agieren, also Medikamente und Hygieneartikel besorgen und an die Gesundheitseinrichtungen ausgeben, damit es zu keinen Unterbrechungen in der Versorgung kommt. Nahrungsmittel, Decken und Matratzen werden von der Regionalregierung, dem Flüchtlingshilfswerk und den Vereinten Nationen verteilt.

Funktioniert die Wasserversorgung?

Butenop: Wasser gibt es in Erbil genügend, bislang aber nur in Halbliterflaschen aus Plastik. Auf einem der Kirchenplätze in Ankawa befinden sich zurzeit über 2000 Menschen, die täglich fast 10 000 Wasserflaschen verbrauchen. So entsteht viel Müll. Wir planen, Wasser in Tanks zur Verfügung zu stellen, aus denen sich die Menschen selbst abfüllen können.

Wie sieht es mit der Hygiene aus?

Butenop: Im Sanitärbereich arbeiten wir auch mit unseren lokalen Partnern zusammen. Denn rund um die Kirchen sind natürlich kaum genügend Toiletten und Duschkabinen vorhanden.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern in Erbil?

Butenop: Wir versuchen immer, die Stärken unserer Partner zu unterstützen und bei den Schwächen ein wenig auszuhelfen. Das klappt in der Regel sehr gut. Wir haben mittlerweile die Planungsphase und die Lageeinschätzung beendet. Nun beginnen wir, konkret mit unseren Partnern unsere Angebote und die Abläufe zu besprechen.

Wie lange bleibt Malteser International in Erbil?

Butenop: Wir haben zwei Planungen entwickelt. Plan A ist: Wir werden die Vertriebenen begleiten, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie in ihre Dörfer zurückkehren können. Das kann aber noch Wochen oder sogar Monate dauern. Jedenfalls werden die Malteser in diesem Fall ebenfalls ihre Zelte in Erbil abbrechen, um nahe bei den Menschen zu bleiben. Dann werden wir eine neue Lageeinschätzung machen, um weiterhin im Gesundheitsbereich Aufbauhilfe zu leisten. Das wird eventuell auch nötig sein, denn die IS-Miliz hat ja nicht nur Häuser, sondern auch Strom- und Wasserleitungen zerstört.

Was ist Plan B?

Butenop: Falls sich die Lage in die andere Richtung bewegt, die Vertriebenen also in Erbil bleiben müssen, dann ist es die Aufgabe, die Notlager winterfest zu machen. Ab Oktober wird es kühler, im November kann es sogar schneien. Der Winter im Nordirak ist kurz, aber oft sehr hart. Deshalb müssen wir jetzt schon anfangen, Vorkehrungen zu treffen. In diesem Fall bleibt ein Team der Malteser also in Erbil bei den Flüchtlingen und schaut, dass sie gut durch den Winter kommen.

Erhalten die Menschen neben Medizin, Wasser, Kleidung und Nahrungsmitteln auch psychologische Hilfe?

Butenop: Wir sind hier in einem ausgeprägt christlich-kirchlichen Umfeld tätig, deshalb ist die seelsorgerische Hilfe sehr groß. Wir haben auch in unseren Berichten zur Lageeinschätzung vermerkt, dass es unter den Menschen sehr schwere Traumatisierungen gibt. Sie erzählen furchtbare Geschichten, etwa, dass Kinder vor ihren Augen abgeschlachtet wurden. Die Zerstörung ihrer Dörfer und die Entwurzelung hinterlassen ebenfalls tiefe Spuren auf ihrer Seele. Viele mussten plötzlich innerhalb von einer Stunde fliehen und haben nur noch das, was sie am Körper trugen. Und nicht jeder konnte mit dem Auto fahren oder auf einem Laster, sondern musste zu Fuß sein Leben retten. Nicht alle haben es geschafft, sondern sind auf der Flucht gestorben und konnten nicht beerdigt werden. Auch unter diesen Erinnerungen leiden die Menschen in den Notlagern.

Sind Sie auch außerhalb von Erbil unterwegs?

Butenop: Das Nothilfeteam von Malteser International hat am Dienstag zum Beispiel auch in Shaqlawa, nördlich von Erbil, die Lage erkundet. Dort leben in drei improvisierten Lagern schätzungsweise 3000 bis 5000 Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Wegen der prekären Situation wird ein Teil des Teams wie etwa mein Kollege Oliver Hochedez seinen Einsatz um einige Tage verlängern. Zudem wird am Mittwochabend das Team in Erbil von Jürgen Clemens aus Köln verstärkt. Er wird voraussichtlich zehn Tage im Nordirak bleiben. Generell ist geplant, die grundlegende medizinische Versorgung der Vertriebenen in und um Erbil zunächst bis Ende des Jahres sicherzustellen und währenddessen bereits eine längerfristige Planung ins kommende Jahr hinein anzustreben.
 


Die Lage im Irak

Erfolg der Kurden und der Armee Eineinhalb Wochen nach Beginn der US-Luftangriffe im Irak drängen kurdische Kämpfer und irakische Streitkräfte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) allmählich zurück. Nach der Rückeroberung des Staudamms von Mossul begann am Dienstag eine Militäroffensive zur Vertreibung der Dschihadisten aus der Stadt Tikrit. Die Armee meldete erste Erfolge. Irakische Soldaten rückten Sicherheitskreisen zufolge in Begleitung von Kampfhubschraubern nach Tikrit vor und schlugen sunnitische Extremisten in die Flucht. Staatliche Medien meldeten, dass Regierungstruppen das Gebäude der Provinzregierung von Salaheddin zurückeroberten. Auch Universitätsgebäude und ein Krankenhaus wurden laut Sicherheitsbehörden unter die Kontrolle der Armee gebracht.

Die Luftangriffe der USA

Im Norden des Landes werden die Kurden im Kampf gegen den IS von US-Kampfflugzeugen unterstützt. US-Präsident Barack Obama stellt sich auf einen längeren Militäreinsatz ein. „Es wird Zeit brauchen“, sagte Obama in Washington. Es gehe weiter darum, die Extremisten zurückzudrängen, um Amerikaner und US-Einrichtungen zu schützen. Zugleich stellte Obama klar: „Wir schicken nicht Tausende US-Truppen zurück auf den (irakischen) Boden.“ Den Vorstoß kurdischer Kämpfer zum strategisch wichtigen Mossul-Staudamm lobte Obama als wichtigen Schritt. Ein Bruch des Damms würde Tausende Menschenleben und die US-Botschaft in Bagdad gefährden. Die Meinung der Nato Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte über die IS-Milizen dem WDR/NDR-Studio Brüssel: „Das sind Terroristen. Die werden eine Bedrohung darstellen. Und zwar nicht nur für den Irak, sondern für die ganze Welt, wenn wir deren Vormarsch nicht aufhalten.“ Ein Nato-Einsatz im Irak – vergleichbar dem in Afghanistan – stehe derzeit nicht zur Debatte.

Neue Hilfslieferungen

Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR will neue Hilfslieferungen für rund eine halbe Million Menschen in den Nordirak bringen. Ab Mittwoch sollen Lufttransporte sowie Lieferungen über Land und über das Meer aus der Türkei, Dubai und Jordanien in die Krisenregion kommen. Rund 1,2 Millionen Iraker sind seit Anfang 2014 wegen der Kämpfe auf der Flucht. Richtig Spenden In Konfliktregionen wie dem Nordirak ist es oft schwierig abzuschätzen, ob Spenden in den richtigen Händen landen. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat Tipps für richtiges Spenden gesammelt. Wichtig sei, die Kompetenz und die Seriosität der Hilfsorganisation zu überprüfen, empfiehlt Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des DZI. Gerade in Konflikten warnt das DZI vor übereilten „Impulsspenden“ und dem „Gießkannenprinzip“. Die Einzelspende sei besser, da es einfacher sei, ein oder zwei statt fünf oder zehn Hilfswerke auf Verlässlichkeit zu überprüfen. Zudem sei eine Einzelspende deutlich effizienter, da sie unnötig viele Verwaltungsvorgänge vermeide. Als seriöse und gute Adresse, etwa für Spenden in den Nordirak, stuft das DZI unter anderen das Deutsche Rote Kreuz, Misereor, Caritas, Diakonie oder die Kinderhilfsorganisation World Vision ein. Text: dpa/KNA

Im Flüchtlingslager: Nothilfe-Experte Joost Butenop.
Lebenswichtig: Trinkwasservorräte für die Vertriebenen.

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