STANDORF/CREGLINGEN

Wandern rund um die Ulrichskapelle: Zu Kreuzrittern und Wölfen

Auch jetzt im Frühjahr eine schöne kleine Wanderung: rund um die Ulrichskapelle bei Creglingen. Von Standorf führt die Tour durch das beschauliche und autofreie Tal des Rindbaches hinunter nach Niederrimbach. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Keine Frage: Franken ist beschaulich. Immer wieder stößt man dort auf Fleckchen Erde, wo man seine Rente verbringen möchte. Oder wo man einfach die Seele baumeln lässt, auch und gerade beim Wandern.

Das Taubertal bei Creglingen ist so ein Fleckchen. Verlässt man diese touristische Top-Adresse nach links und rechts ins Hinterland, stößt man auf Dörfer mit dem Reiz ewiger Ruhe. Standorf zum Beispiel. Die Bezeichnung „Dorf“ ist übertrieben: gerade mal ein Dutzend Häuser gibt es, keine Straßennamen, 50 Einwohner, jeder kennt jeden. Und zwar in- und auswendig. Hier laufen den ganzen Tag Katzen und Gänse über die Straße – die einzige Aufregung.

Ausflugsziel inmitten eines ruhigen Landstrichs: Die Kapelle mit achteckigem Grundriss liegt oberhalb von Standorf. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Kapelle war plötzlich in den Medien

Das war vor zehn Jahren freilich ganz anders. Standorf schaffte es mit seiner einzigen Sehenswürdigkeit in die Medien. Grund: Der Ulrichskapelle hoch über dem Örtchen wurden plötzlich magische Kräfte zugesprochen. Esoteriker und Wünschelrutengänger kamen in Scharen, die Umtriebe in dem evangelischen Kirchlein aus der Spätromanik sollen recht abstrus gewesen sein. Indes wurden...


 

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...die Kirchenverantwortlichen zunehmend nervös. Sie nahmen schließlich jenem Kirchenführer-Kollegen von Preininger die Schlüssel ab, der die Mystik um die Kapelle wesentlich vorangetrieben hatte. Er durfte erst Jahre später wieder Gäste in die Ulrichskapelle begleiten.

Ein verstecktes Schild hinter der Tür erinnert an damals

Noch heute hängt hinter der wuchtigen Eingangstür versteckt ein Schild mit dem Hinweis, dass man doch bitteschön und gerne die Anmut der Kapelle genießen solle – aber ohne Wünschelruten. Noch heute gehe ein kleiner Riss durch die Bevölkerung, wenn man auf die Esoterikgeschichten von damals zu sprechen kommt. So jedenfalls hört man es in Standorf.

Verschärft wurden die Wirren einst, als die Runde machte, dass das Turiner Grabtuch Jesu eine Zeit lang in der Ulrichskapelle versteckt worden sei. Und dann die kleine Quelle ein Stück unterhalb: Sie habe heilende Wirkung für die Augen, sagte man. Flugs riet der Creglinger Pfarrer davon ab, vom Wasser zu trinken, denn es fließe unter dem Kapellenfriedhof hindurch zu dem gefassten Brunnen.

Auch ein Balken aus Eiche gibt Rätsel auf

Nicht zu vergessen der mächtige, 800 Jahre alte Holzbalken aus Eiche, der in der Kapelle die Empore trägt: Er soll älter sein als die Kirche selbst und wurde deshalb als so etwas wie die heidnische Seele der Ulrichskapelle angesehen. Zumindest von denen mit den abstrusen Umtrieben.

"Alles Quatsch"
Kirchenführer Richard Preininger über die Wirren vor zehn Jahren

„Das war alles Quatsch“, sagt Richard Preininger. Der 68-Jährige hat in Standorf den einzigen Gasthof und bietet nebenher Führungen in der Kapelle an. Obwohl nach seinen Worten noch einige Jahre nach dem Esoterikwirbel busweise Neugierige kamen, ist es mittlerweile ruhig geworden. Die Besucherfrequenz „hat stark nachgelassen“. Im Winter komme kaum noch ein Wanderer.

Im 17. Jahrhundert hatten rund um Creglingen die Wölfe stark zugenommen. So bauten die Bewohner diese Wolfsgrube.

Wer kommt, der erfährt von Preininger herrliche Standorfer Geschichten. So heißt der Rindbach „der Jordan“.

Warum der Dorfbach "Jordan" heißt

Dazu kam der kleine Bach im Ort, weil die Oberndorfer erst seit wenigen Generationen ihre Toten auf dem 1753 angelegten Friedhof gegenüber an der Ulrichskapelle beerdigen dürfen. Bis dahin brachten sie die Toten ins weiter entfernte Neubronn.

Fotoserie

Wanderung zur Ulrichskapelle

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Bei einer Bestattung sei es üblich, so Preininger, dass der in seinem Wohnhaus aufgebahrte Tote im Sarg von Oberndorf den Hang hinab nach Standorf und dann wieder den Berg hinauf zur Kapelle getragen werde. Dabei muss der Tote über den Rindbach – also geht er über den Jordan.

Standorfer Kirchengemeinde ist ohne Besitz

Oder das schnuckelige Häuschen, das an die Kapelle gebaut wurde. Preininger weiß, dass es einst Armen, Hirten und schließlich den Mesnern als Dach über dem Kopf diente. Heute wird es von Privatleuten bewohnt.

Und da wäre noch die eigenartige Verteilung des Eigentums: „Die Kirche hier hat keinen Besitz“, erklärt Preininger. Obwohl Standorf eine eigenständige Kirchengemeinde sei. Das hat zur Folge, dass im Winter extra Bauhofmitarbeiter aus Creglingen anrücken müssen, um zum Beispiel die Außentreppe zur Empore der Kapelle von Schnee zu räumen. Fast alles auf dem Kapellenberg sei Eigentum der Stadt, weiß der 68-Jährige.

Wer sich vorher telefonisch bei Gastwirt Richard Preininger anmeldet, kann die architektonisch reizvolle Ulrichskapelle auch von innen besichtigen. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Was es mit den acht Ecken auf sich hat

Architektonisch interessant ist die Ulrichskapelle allemal: Ihr Grundriss hat acht Ecken, sie ist also oktogonal und damit eine von nur drei sakralen Bauwerken dieser Art in der Gegend. Weitere stehen in Grünsfeldhausen und in Oberwittighausen. Oktogonkapellen werden auf die Kreuzritter zurückgeführt, die diese Bauart aus dem Orient nach Hause brachten.

Erstmals in einer Urkunde erwähnt wurde die nach dem ehemaligen Augsburger Bischof Ulrich (923 bis 973) benannte Kapelle freilich erst 1429. Warum all das, darüber weiß man laut Preininger wenig. Überhaupt ist vieles zur Geschichte der Anlage im Dunkeln.

Startpunkt der Wanderung kann Creglingen sein

Wer als Wanderer nach Standorf will, startet am besten in Creglingen. Die Altstadt ist voller Sehenswürdigkeiten. Ein Abstecher etwa raus zur berühmten Herrgottskirche mit dem Riemenschneider-Altar lohnt allemal.

Richtung Standorf überrascht den Wanderer ein fast schauriger Ort: die Wolfsgrube. Ein Hinweisschild erklärt Näheres: Während des Dreißigjährigen Krieges hatten sich in der Gegend die Wölfe derart breitgemacht, dass man ihrer Herr werden wollte.

Warum es die Wolfsgrube gibt

So wurde auf der Abdeckung der Grube ein Locktier platziert. Wollte es sich ein Wolf schnappen, brach er in die vier bis fünf Meter tiefe Grube ein und wurde wenig später von Creglingern mit Steinen erschlagen. Gut 1700 Wölfe habe es seinerzeit in Baden-Württemberg gegeben. Heute undenkbar.

Von der Wolfgrube ist es nicht weit zum stattlichen Creglinger Judenfriedhof. Den Schlüssel muss man sich freilich vorher unten in der Stadt im Jüdischen Museum holen.

Die Ulrichsquelle: Ihrem Wasser wurde heilende Wirkung für die Augen zugesprochen. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Rindbach: Ein Traum von einem Tal

Der landschaftlich reizvollste Abschnitt der Rundwanderung ist das Tal des Rindbachs zwischen Standorf und Niederrimbach. Hier sei mal eine Straße geplant gewesen, weiß Kirchenführer Preininger.

Wie gut, dass diese Pläne in der Schublade blieben: Das autofreie Tal mit dem sanft mäandernden Bach ist Natur pur. „Der Platz hat was“, schwärmt Richard Preininger und streckt sich auf einer Bank der Sonne entgegen. Zwar meint er die Ulrichskapelle, aber zutreffend sind seine Worte für das ganze Tal, nein, die ganze Gegend.


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