GELDERSHEIM

Wohnen über der Dorfstraße

Wenn Oliver Brust im Winter sein Schlafzimmer heizt, dann kann er den Ofen noch so anschüren – kalte Füße hat er eigentlich immer. Der Wind pfeift sozusagen unter seinem Bett in den Altort hinein. Denn der Bürgermeister von Geldersheim (Lkr. Schweinfurt) wohnt in einem Tor.

Während er sich einen Kaffee kocht, biegen unter seinen Füßen Autos in die Dorfstraße ein. Früher einmal war das sogenannte Untertor Teil der Stadtmauer. Irgendwann um das Jahr 1700 herum soll es erbaut worden sein, aber so genau weiß das keiner. In den Räumen über dem Torbogen wohnten einst zwei Bauernfamilien und seit zwölf Jahren nun eben der im März gewählte Bürgermeister Oliver Brust.

Sein Domizil mutet nicht nur von außen historisch an. Wenn der Blick vom Flur in die Küche und das dahinterliegende Schlafzimmer fällt, kommen Erinnerungen an eine Puppenstube hoch. Ein hölzernes, schmales Bett mit Schnitzerei, darunter ein alter Nachttopf aus Email – natürlich nur zu dekorativen Zwecken. In der Küche steht ein schwerer Holzofen, in der Ecke gegenüber ein Radio von der Oma. Oliver Brust hat eine Leidenschaft für solche Dinge, er ist auch im Trachtenverein sehr aktiv. Zum Radio hat er sogar die vergilbte Originalrechnung aufbewahrt, einfach weil sie ein so schönes Fundstück ist. „1 Loewe Super Meteor“, gekauft am 23. Oktober 1954 bei Radio Büttner in Schweinfurt, für 290 Mark.

Anfangs holte er sich Beulen

Der knarzende Dielenboden ist noch original, auch die Türrahmen und Fensterzargen wurden nicht ausgetauscht. Neue Fenster sind allerdings drin, genauso wie ein moderner Holzpelletofen. Kein Raum ist höher als 2,40 Meter. Wenn Brust durch die Türen geht, muss er den Kopf einziehen. Anfangs hat er sich manche Beule geholt. Doch als die Bewegung in Fleisch und Blut übergegangen war, machte er sich plötzlich auch bei ganz normalen Türen klein. Für seine Freunde immer ein ziemlicher Lacher.

Die 3-Zimmer-Wohnung mutet zunächst wie ein Museum an, Oliver Brust hat die Sichtachsen vom Flur her frei gehalten von grauer Elektronik und weißer Ware. Tritt man jedoch zum Beispiel in die Küche, dann stehen links neben der Tür trotzdem Kühlschrank, Spüle, Herd und Kaffee-Padmaschine. Ein ganz normales, modernes Leben soll auch in der historischen Atmosphäre möglich bleiben. „Ich gehe ja nicht heim, ziehe meine Tracht an und spiele ,Früher‘.“

Deshalb ist es Oliver Brust auch sehr wichtig zu betonen, dass das hier sein ganz persönlicher Geschmack und Spleen ist. Und nicht seine Vorstellung davon, wie das Leben in den historischen Gebäuden des Altortes aussehen soll. Immerhin ist er der Bürgermeister, das Thema Innenentwicklung steht weit oben auf der Agenda. „Das ist natürlich nicht der Maßstab für andere“, sagt der 42-Jährige.

Im Tor zu leben, das war ein Kindheitstraum des tief verwurzelten „Galderschumers“. Viele Jahre wohnte eine alte Dame darin, da konnte er keinen Blick hinein erhaschen. Als sie starb, schaute er sich die Wohnung mal an. Er mochte es gleich, „aber es sah auch nach sehr viel Arbeit aus“. So richtig durchringen konnte er sich erst ein, zwei Jahre später, nachdem die Wohnung die Zwischenzeit über leer gestanden hatte. Ein Argument dafür war sicher, dass die Gemeinde in der Zwischenzeit die Außenfassade des Untertors saniert hatte.

Und dann ging die Arbeit los. Das Wohnzimmer war früher die Küche gewesen – ohne Wasseranschluss. Brust verlegte die Küche in den Raum neben der Toilette, in der Wand dort lag das Wasserrohr. Die Wände tapezierte er mit Raufaser, strich dann und prägte mit alten Walzen ein Muster auf. Telefon und Internetanschluss mussten noch her. Und die ganze Inneneinrichtung.

„Das kam alles nach und nach zusammen.“ Die Geldersheimer beobachteten die Renovierung und schenkten ihm alte Stücke. Von Trödelmärkten holte er sich einiges, von den Großeltern kam nicht nur das Radio sondern zum Beispiel auch die gerahmten Heiligenbilder, die heute im Schlafzimmer hängen. Aber Oliver Brust ist die Sache nicht verbissen angegangen, hat die Wohnung nicht bis zur toten Perfektion renoviert. Die Gardinen sind aus alter Bettwäsche genäht. Was ins Bild passt, ist erlaubt, auch wenn es gar nicht alt ist. Der Küchenschrank kommt von Ikea, die Kommode gegenüber vom Dänischen Bettenlager.

Wohnen mal anders: Eine Doppelhaushälfte, eine Vier-Zimmer-Neubauwohnung oder ein Häuschen im Grünen – das alles ist schön, aber das gibt es zuhauf. In der Serie „Ungewöhnliche Wohnorte“ stellen wir Menschen aus der Region vor, die mit ihren Unterkünften aus der Reihe tanzen: Menschen, die seit Jahren im Wohnwagen leben etwa, oder die sich zum Beispiel eine alte Synagoge oder einen Bahnhof hergerichtet haben.

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