WÜRZBURG

Zu Hause ist dort, wo die Familie ist

Spätaussiedler: Mit Kind und Kegel von Kasachstan nach Würzburg: Berta Rotgank (80) ist zusammen mit vier Töchtern und deren Familien nach Deutschland gekommen. In Würzburg haben sie ihr neues Glück gefunden.

Über 4000 Kilometer liegen zwischen Würzburg und Petropavlovsk in Kasachstan. Es ist eine lange Reise in die alte Heimat. Berta Rotgank (80) kann sie nicht mehr antreten, ihr Körper würde da nicht mehr mitspielen. Sieben Kinder hat Berta geboren, einen Sohn und sechs Töchter. Die alte Frau ist das Herzstück einer großen Familie, die im Jahr 2001 von Kasachstan nach Würzburg gekommen ist.

Wie viele andere Spätaussiedler – bis heute sind es rund 2,5 Millionen – suchten auch sie ihr neues Glück in Deutschland. Dem Land, in dem die Wolga-Deutsche Berta ihre schwäbischen Wurzeln hat. „Am Anfang haben wir trotz unserer ersten Deutschkenntnisse gar nichts verstanden, wenn Mama schwäbisch-deutsch gesprochen hat“, sagt Lidia.

Die 44-Jährige ist eine der vier Töchter, die mit nach Würzburg gekommen sind, sie hat zwei Töchter. Berta protestiert lachend. „Ich hab euch den Dom und alles hier gezeigt und ihr habt wohl verstanden!“ Berta lebt bei ihrer ältesten Tochter Eugenia, deren Mann Viktor und den Enkeln Vitali (28) und Andreas (20). Der älteste Enkel studiert, der jüngere macht demnächst sein Abitur. Sina ist die dritte Schwester im Bunde, sie hat ebenfalls zwei Kinder, und Galina hat zwei ihrer drei Söhne und ihren Mann zum Familientreffen mitgebracht. Paul ist acht Jahre alt, Eugen zehn und damit genauso alt wie sein großer Bruder, als dieser nach Deutschland kam.

„Unsere Kinder waren noch klein, als wir hier ankamen, es war für alle nicht einfach. Wir waren in Kasachstan ja nicht arm, wohnten in eigenen Häusern, und da will man den gewohnten Standard nicht verlieren“, meint Lidia. Deshalb, so sagen sie nun, hätten sie in den letzten Jahren in der neuen Heimat alle viel gearbeitet. Harte Arbeit – damit sind die sieben Kinder von Berta in Kasachstan früh konfrontiert worden. Der Vater starb mit 49 Jahren an einem Herzinfarkt, fortan musste Berta stark auf die Hilfe ihrer älteren Kinder vertrauen. Dass das alles gelungen ist, macht die alte Frau glücklich. „Ich bin dankbar. Für alles in meinem Leben. Auch dafür, dass ich hier Rente bekomme“, sagt sie. Dass ihr Sohn und die beiden anderen Töchter so weit weg wohnen, ja, das mache sie oft traurig. „Aber dann sage ich mir immer wieder, es ist doch schön, dass ich im Kreis so vieler meiner Kinder leben kann.“

Und nach Petropavlovsk kann man ja auch telefonieren. Berta stahlt. „Ja, und man kann sich sogar sehen! Wie heißt das Wort?“ „Skypen“, sagen die Enkel Paul und Eugen. Auch sie waren schon zu Besuch in Kasachstan. Doch ihre Heimat ist Würzburg. „Wir sprechen zwar zu Hause beide Sprachen, aber im Gegensatz zu den Erwachsenen träumen wir auf Deutsch“, erzählt Eugen. „Ja, und streiten tun wir auch auf Deutsch“, sagt der achtjährige Paul trocken, und alle lachen. Es wird überhaupt viel gelacht in dieser großen Familie. Die Enkel von Berta Rotgank wachsen auf wie Geschwister, sie sehen sich fast jeden Tag.

Ihre Großmutter indes hatte in ihrer Kindheit nicht viel zu lachen. Als Wolgadeutsche wurde Bertas Familie 1941 vertrieben und kam nach Kasachstan. Die Wolgarepublik wurde vollständig aufgelöst. Das Präsidium des Obersten Sowjets reagierte auf den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion mit der Massendeportation der Russlanddeutschen und erließ für die Wolgadeutschen ein eigenes Dekret. Ihnen wurde pauschal Spionage und Sabotage zugunsten des Deutschen Reiches vorgeworfen. Es kam zu Massenerschießungen, verübt durch sowjetische Sicherheitskräfte. Zudem bombardierte die deutsche Luftwaffe nach Osten fahrende Züge, in denen deportierte Russlanddeutsche saßen.

Deutsche Siedlungsgebiete wurden den benachbarten Verwaltungsgebieten zugeschlagen, deutsche Ortsnamen durch russische ersetzt. 400 000 Wolgadeutsche mussten damals die Verschleppung hinnehmen. Es sind keine schönen Erinnerungen, doch sie gehören zur Familiengeschichte und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Berta und ihre Familie haben schon in Kasachstan versucht, ihre deutschen Wurzeln zu wahren. Dennoch sehen sich viele Spätaussiedler hierzulande bis heute Vorurteilen ausgesetzt. „Die kommen nur, um zu schnorren“, heißt es etwa. Viktor schüttelt den Kopf. „Dabei arbeiten wir genauso hart wie die Menschen hier.“ Doch nicht alle Deutschen, so sagt Lidia, dächten so. „Ich habe viel Unterstützung bekommen damals, aber man muss sich den Respekt der Leute natürlich schon erarbeiten. Wenn die sehen, dass du fleißig und ehrlich und freundlich bist, dann wirst du geschätzt.“

Auch die Kinder fühlen sich gut integriert. In der Schule sowieso, sagt Eugen, aber auch im Verein. Wasserball ist sein großes Hobby, der Zehnjährige trainiert dreimal in der Woche beim SV 05 Würzburg.

Ihre Eltern sind froh darüber, denn ihnen ist diese Integration nicht so leicht gefallen. Der Status Russlanddeutsche stellte sie schon in der alten Heimat vor Probleme. „Diskriminierung gab es dort und hier“, sagt Lidia. Bei der Enthüllung eines Denkmals an der Wolga, das an die Deportation der Russlanddeutschen erinnern soll, hielten Aktivisten noch vor zwei Jahren antideutsche Plakate in die Höhe, berichten Professoren am Deutschen Historischen Institut in Moskau. Viktor und Lidia wundert das nicht. „Viele wurden erst in Russland als Scheißdeutsche beschimpft und dann hier als Scheißrussen. Das ist schon hart.“ Oma Berta nickt und seufzt, dann strahlt sie wieder. „Wir haben es aber alle jetzt gut hier.“ Gemessen an dem, was Berta in ihrem Leben schon mitgemacht hat, werden Allgemeinsprüche ganz klein in ihrer Bedeutung. Zurück in die alte Heimat möchte keiner mehr von ihnen. „Zu Hause ist dort, wo die Familie ist“, sagt Viktor.

Eugenia verschwindet in der Küche, sie hat heute gebacken. Berge landestypischer Gebäckstücke und Kuchen türmen sich auf dem Esstisch, es gibt Kaffee und Tee, und die Familienmitglieder rücken eng zusammen. „Heute ist ja gar nichts los“, erzählen sie, wenn wir Geburtstage feiern, räumen wir alle Möbel raus und trotzdem stehen wir noch ganz dicht gedrängt!“

Sie lieben diese Zusammenkünfte, denn feiern und lachen, so sagt Galina, sei sehr wichtig. Der Zusammenhalt in der Familie mache das Leben um so vieles reicher. „Natürlich gibt es Streit, aber wir sagen ehrlich, was uns nicht gefällt“, meint Lidia. Sie kenne viele Familien, denen das nicht gelinge. „Man darf nicht nachtragend sein, das ist ganz schlecht für die Familie!“

Eugenia läuft zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Sie will, dass alle kräftig zulangen, und die Schwestern stöhnen schon. „Kaum zu glauben, dass wir mal zu den besten Sportlerinnen in unserem Land gehört haben“, sagt Lidia lachend. Doch ein Scherz ist das nicht.

Tatsächlich haben Bertas Töchter in Nord-Kasachstan bei Leichtathletik-Wettkämpfen viele Preise abgeräumt. „Wenigstens haben unsere Kinder die Sportbegabung geerbt“, trösten sich Galina und Lidia während Eugenia versucht, die Ex-Sportlerinnen zu einer Extraportion Sahne zu überreden. Es entsteht ein kleiner schwesterlicher Nahkampf, der in prustendem Gelächter endet. Oma Berta steht daneben und strahlt. Und ist dankbar für das, was man in jedem Land dieser Welt Familie nennt.

Von Kasachstan nach Würzburg: Viktor und Eugenia, Piotr und Galina, Oma Berta Rotgank, Paul, Lidia und Eugen Foto: Melanie Jäger/Grafik: Heike Grigull

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