SOMMERHAUSEN

Zum Tod von Veit Relin: Der vielseitig Begabte

Schauspielerpaar: Veit Relin mit Maria Schell. Foto: Cinetext

Er konnte erzählen. Vom Theater, vom Malen, vom Leben. Wenn Veit Relin in seinen Erinnerungen kramte, leuchteten seine Augen und die Namen von berühmten Schauspielern und Malern, mit denen er in seiner langen künstlerischen Laufbahn zu tun hatte, sprudelten aus ihm heraus. Am Mittwoch, 23. Januar, ist der renommierte Schauspieler und Maler, der seit 1976 das Sommerhäuser Torturmtheater leitete, gestorben, wie seine Frau Angelika mitteilte. Er wurde 86 Jahre alt.

„Ich bin so unwichtig wie ein Grashalm“, hatte er dieser Zeitung an seinem 85. Geburtstag gesagt – und damit einen Satz des von ihm bewunderten Oskar Kokoschka zitiert, dem Maler, der ihm ein guter Freund war. Doch unwichtig, nein unwichtig war Veit Relin als Künstler nie. Im privaten Gespräch eher zurückhaltend, oft nachdenklich, war er auf der Bühne ein anderer. Da war das Selbstvertrauen da, das aus großem Können kommt. Noch in hohem Alter ließ Veit Relin es sich nicht nehmen, die Spielzeit in „seinem“ Torturmtheater selbst zu eröffnen. Er tat es in seiner ureigenen Weise. Ungewöhnlich, kreativ. Er interpretierte „Die Winterreise“ – bekannt vor allem durch Schuberts Musik – nur mit der Kraft der Sprache, mit der Macht seiner Persönlichkeit. Das Publikum saß mit Gänsehaut im kleinen Torturmtheater. Und wenn er Nestroy-Verse zitierte, waren die Doppelbödigkeit, die traurige Lustigkeit – oder lustige Traurigkeit – die Relin in den Texten des österreichischen Komödiendichters fand, zum Anfassen.

Das Torturmtheater. „Sein“ Torturmtheater. Es war eine Liebesbeziehung. Eigentlich hatte der Österreicher Relin – er kam am 24. September 1926 als Sohn eines Polizisten in Linz zur Welt – mit Franken wenig zu tun. Wie er damals in die Provinz kam, das ist eine eigene Geschichte, die er gerne erzählte. „Mach's Veit, mach's“ hätten ihm die Zinnien zugerufen, die er gepflückt hatte, als er das kleine Städtchen am Main besuchte – und er habe auf die Blumen gehört. 1976 übernahm Relin, der mit bürgerlichem Namen Josef Pichler hieß, das kleine Theater in dem 500 Jahre alten Torturm.

Luigi Malipiero hatte es schon gut eingeführt. Relin machte eine Ur- und Erstaufführungsbühne daraus und erwarb sich über die Grenzen der Republik hinweg Renommee. Mit einem Haus, das gerade mal 50 Zuschauern Platz bietet, und einer Bühne, die mit 35 Quadratmetern bestenfalls Wohnzimmergröße hat – und auch noch L-förmig geformt ist. Relin focht das nicht an. In mühsamer Arbeit sichtete er, mit Unterstützung seiner 30 Jahre jüngeren Frau Angelika, Stücke, die in den Raum passten, führte Regie, spielte. Seine detailverliebten Bühnenbilder sind legendär. Und stets bewies der Theatermann eine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Schauspieler. Denn für die war es nie einfach in Relins Haus. Die Nähe zum Publikum verlangt äußerst präzises Spiel. Das Publikum kriegt jedes noch so kleine Zucken des Mundwinkels mit.

Torturm-Fans reisten von weit her an. Sie schätzten bald nicht nur die Qualität, sondern auch die Atmosphäre, die sie schon in dem kleinen, mit Erinnerungsstücken und Bildern vollgestopften Foyer umfing.

Der vielseitig Begabte genoss auch als Maler einen guten Ruf. Wer ihn auf der anderen Mainseite, in Winterhausen, in seinem Atelier in einem umgebauten Bauernhof besuchte, fand den Künstler oft hinter den Schwaden der dampfenden Pfeife sitzend. Die Pfeife – Relin schien sie fast als Werkzeug zu benutzen, um sich im Gespräch Pausen zu verschaffen. Pausen zum Nachdenken. Pausen, um sich flugs eine ironische Antwort auszudenken. Er nahm sie vom Mund, stopfte den Tabak fest. Zündete sie wieder an. Zog, paffte, stopfte wieder . . . Veit Relin liebte es, Besucher zu porträtieren. Er hatte die Fähigkeit, den Menschen, der ihm gegenübersaß, zu erfassen. Extrem fokussiert, erfasste er in wenigen Sekunden, mit oft nur wenigen Strichen einen Charakter.

Vor seiner Sommerhäuser Zeit war Veit Relin Mitglied des Jetsets. Er war Thema für die bunten Blätter, drehte Kinofilme. Zwischen 1966 und 1986 war er mit der 2005 gestorbenen Maria Schell, dem internationalen Star, verheiratet. Aus dieser Ehe stammt Tochter Marie Theres Relin. Später, als er in der fränkischen Provinz längst heimisch war, lächelte er über diese Zeit, „in der ich noch wichtig war“.

Begonnen hatte Relins Karriere nach dem Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar – er studierte zudem Malerei – 1945 am Landestheater Innsbruck. Engagements am Burgtheater in Wien und am Bayerischen Staatsschauspiel folgten. 1960 gründete er in Wien sein eigenes Theater. Dort, im Atelier-Theater am Naschmarkt, inszenierte er unter anderem Oskar Kokoschkas „Orpheus und Eurydike“ und brachte Picassos „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ zur Uraufführung. Später initiierte er auch die Röttinger Festspiele.

Die Beerdigung ist am 1. Februar um 14 Uhr in Sommerhausen.

Vor dem Torturmtheater: Theaterleiter mit Frau Angelika Relin. Foto: dpa
Zuständig für alles: Veit Relin als Maskenbildner im Torturmtheater. Foto: dpa
Veit Relin in „Der Mann mit den drei Armen“. Foto: TTT
Die Schauspielerin Maria Schell, gezeichnet von Veit Relin. Foto: TTT

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