WÜRZBURG/SCHWEINFURT

Zweiter Anlauf zum Digitalfunk gelingt

Große Reichweite: Mit digitalen Funkgeräten können Rettungskräfte an Einsatzstellen direkt untereinander kommunizieren, von Funkgerät zu Funkgerät, sowie mit weit entfernten Leitstellen. Wie beim Mobilfunk, den Handys nutzen, ist die Reichweite innerhalb des Funknetzes quasi unbegrenzt. Das Doto zeigt Kreisbrandmeister Stefan Hauck aus Gerolzhofen (Lkr. Schweinfurt) mit einem Digitalfunkgerät. Foto: Michael Mößlein

Stell dir vor, du möchtest Skifahren, es hat endlich geschneit, doch dir fehlen die Skier. So ähnlich dürften sich die gut 1000 unterfränkischen Feuerwehren gefühlt haben, als im Bezirk von Mai bis November 2014 der erweiterte Probebetrieb für den Digitalfunk getestet wurde – kaum eine Feuerwehr hatte die notwendigen Funkgeräte. Dies soll sich jetzt ändern. Am 15. Dezember unterzeichnete der Bezirksfeuerwehrverband (BFV) eine Rahmenvereinbarung mit einer Firma, die die Geräte in den kommenden drei Jahren ausliefern wird.

Eigentlich hätte das viel früher passieren sollen. Im Juli 2013 hatte der BFV den Kauf der Digitalfunkgeräte europaweit ausgeschrieben. Zwei Unternehmen hatten Angebote abgegeben. Als im Oktober 2013 der günstigere Anbieter den Zuschlag erhielt, klagte der unterlegene, wie berichtet, wegen eines Fehlers in der Ausschreibung. Die Vergabekammer des Oberlandesgerichts München gab dem im März 2014 in zweiter Instanz Recht. Deshalb schrieb der BFV den Kauf der 8500 Fahrzeug- und Handsprechfunkgeräte erneut aus.

Wieder gaben zwei Firmen Angebote ab. Ob es die gleichen waren wie bei der ersten Ausschreibung, verrät BFV-Vorsitzender Heinz Geißler aus Güntersleben (Lkr. Würzburg) nicht. Auch die Auftragssumme falle unter das Vertragsgeheimnis. Den Zuschlag erhielt die Firma Abel & Käufl aus Landshut, ein Lieferant des Herstellers Motorola.

Fast 500 Euro pro Handfunkgerät

In Feuerwehrkreisen ist zu erfahren, dass die jetzt bestellten Funkgeräte deutlich günstiger sind als die der ersten, gescheiterten Ausschreibung. Recherchen ergaben, dass ein Handfunkgerät annähernd 500 Euro kostet. Ein Fahrzeugfunkgerät dürfte das Zwei- bis Dreifache kosten. 80 Prozent davon zahlt der Staat, 20 Prozent die Träger der Hilfs- und Rettungsorganisationen, bei den Feuerwehren fast immer die Kommunen.

„Nervtötend“ nennt Geißler die eineinhalbjährige Verzögerung und das Gezerre vor Gericht. Die Lieferverträge schließen Gemeinden und Städte direkt mit dem Lieferanten ab. Bis alle unterfränkischen Feuerwehren digital funken, wird es aber noch dauern. In etwa zwei Jahren, schätzt Harald Rehmann, Leiter der Berufsfeuerwehr Würzburg, dürften die meisten umgerüstet haben.

Dass der Digitalfunk sich nicht schneller flächendeckend verbreitet, liegt an Lieferfristen, noch mehr aber daran, dass jedes Funkgerät mit Software versehen und ins Netz des digitalen Behördenfunks eingebucht werden muss. Diese Aufgabe übernehmen – der Reihe nach – Taktisch-Technische-Betriebsstellen.

Bei der Projektgruppe DigiNet im Bayerischen Innenministerium, die für den Aufbau des Digitalfunknetzes im Freistaat zuständig ist, geht man mit der eingeschränkten Teilnahme der unterfränkischen Feuerwehren am erweiterten sechsmonatigen Probebetrieb gelassen um. Eine „repräsentative Anzahl“ von Funkgeräten sei vorhanden gewesen, teilt dort Markus Dengler mit. Unter anderem mit ausgeliehenen Funkgeräten konnten Einsatzkräfte in groß angelegten Szenarien das Funknetz testen. Das Ergebnis: Das Netz der 124 Digitalfunkmasten (Basisstationen) in Unterfranken, von denen Ende Februar 2014 auf der Burgsinner Kuppe im Landkreis Main-Spessart der letzte fertiggestellt wurde, stellt laut Ministerium „ein sehr hohes Versorgungsniveau“ sicher.

Wegen topografischer Gegebenheiten der hügelreichen Landschaft müsste aber stellenweise nachgebessert werden. Wo das Funknetz Lücken hat, gibt das Innenministerium nicht bekannt. „Aus Gründen der öffentlichen Sicherheit“ bewertet es diese Informationen als Verschlusssache.

Die Polizei in Unterfranken nutzt den Digitalfunk seit Mai 2014, das Präsidium in Würzburg berichtet nur Positives: Die Netzabdeckung sei im Vergleich zum vorherigen Analogfunk sehr gut, die Akzeptanz unter den Beamten hoch und die neuen technischen Möglichkeiten, wie GPS-Ortung im Notfall oder der Datenversand, funktionierten tadellos.

„Durchweg positiv“ sind auch die Erfahrungen des Technischen Hilfswerks (THW). Dieses ist komplett digital ausgerüstet, berichtet Reiner Stein in Karlstadt (Lkr. Main-Spessart), Sprecher des THW Unterfranken. Die Sprachqualität sei besser als beim Analogfunk, auch beim Funken in Gebäuden. Wie beim Telefonieren per Mobilfunk reicht der Digitalfunk so weit, wie das Digitalfunknetz aufgebaut ist. So können THW-Einheiten bundesweit miteinander funken, sagt Stein. Beim Analogfunk war manchmal schon am nächsten größeren Hügel kein Durchkommen mehr.

Auch BRK bestellt 12 000 Geräte

Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hat etwa 12 000 Digitalfunkgeräte bestellt, für sich und die weiteren öffentlich-rechtlichen Rettungsdienste in Bayern (Johanniter Unfallhilfe, Malteser Hilfsdienst, Arbeiter-Samariter-Bund). Auch das BRK musste den Auftrag wegen der Klage eines unterlegenen Anbieters erneut ausschreiben. Das Rennen machte der englische Hersteller Sepura. Die Funkgeräte werden derzeit beschafft. Das BRK in Unterfranken wird bis Mitte dieses Jahres in 419 Fahrzeugen 441 Digitalfunkgeräte verbauen und 488 Handfunkgeräte erhalten, teilt Johann-Peter Hausl von der Landesgeschäftsstelle in München mit.

Im Bereich Schweinfurt ist der BRK-Rettungsdienst mit der Umrüstung am weitesten, sagt Udo Röthlein, vom BRK-Bezirksverband Unterfranken. Während Sanitätsdienste bei Großveranstaltungen im Raum Bad Kissingen untereinander schon digital funken, läuft der Einsatzfunk des Rettungsdienstes mit den Leitstellen noch überall analog ab.

Die Integrierte Leitstelle (ILS) in Schweinfurt ist auf der Technik-Seite komplett eingerichtet, um mit Feuerwehren und Rettungsdiensten digital zu funken. Auch die ILS Aschaffenburg funkt testweise digital. Der ILS Würzburg fehlt noch die notwendige Software. Eigentlich hätte sie schon installiert werden sollen, berichtet ILS-Leiter Gerhard Möldner. Doch wegen des G7-Gipfels im oberbayerischen Elmau im Mai habe das Innenministerium die Umrüstung der ILS in Weilheim und Krumbach (Schwaben) forciert – zu Lasten von Würzburg. Auch die ILS Schweinfurt profitierte davon, weil diese bei Ausfällen der ILS Weilheim übernimmt.

Aufbau und Kosten des Digitalfunknetzes

Der Mitte der 90er Jahre entwickelte TETRA-Digitalfunk gilt im Vergleich zum bisherigen Analogfunk als abhörsicher und bietet nicht zuletzt eine bessere Sprachqualität bei der Übertragung. Mittlerweile sind mehrere Tausend TETRA-Systeme in über 100 Staaten im Einsatz. Das ursprüngliche Ziel, in Deutschland zur Fußball-WM 2006 ein flächendeckendes Digitalfunknetz zu betreiben, wurde weit verfehlt. Mittlerweile ist der Digitalfunk in allen Bundesländer flächendeckend im Vollbetrieb – bis auf einen kleinen Bereich in Nordhessen (Probebetrieb) und Bereiche in Bayern (teils Probebetrieb, teils noch im Aufbau).

Aufbau und Betrieb des Digitalfunknetzes in Bayern kosten laut Freistaat bis zum Jahr 2021 etwa 1,07 Milliadren Euro. Zusätzlich bezuschusst er die Erstbeschaffung von Funkgeräten für Feuerwehren und Rettungsdienste mit 80 Prozent. Die laufenden Betriebskosten pro Jahr finanzieren sich laut Staatsregierung wie folgt: sechs Millionen Euro übernehmen die Sozialversicherungsträger, drei Millionen (25 Cent pro Einwohner) die Kommunen, wobei deren Anteil direkt von staatlichen Zuweisungen abgezogen wird, so dass im Prinzip auch diese Kosten der Staat trägt, und drei Millionen Euro werden – fiktiv – als kommunaler Wertbeitrag für die mietfreie Überlassung der Funkantennen-Standorte einberechnet. Diese Betriebskostenvereinbarung gilt bis 2024. Weitere Betriebskosten wie für die Verwaltung der Funkgeräte, tragen die Nutzer.

Die bayernweit knapp 900 Basisstationen (bundesweit: 4300), von denen Ende dex vergangenen Jahres 90 Prozent errichtet waren, sollen eine Netzabdeckung von 96 Prozent sicherstellen. In den Netzabschnitten Unterfranken, Mittelfranken, Schwaben-Nord, München und Oberbayern-Nord ist das Digitalfunknetz einsatzbereit und wird von der Polizei komplett genutzt. Als letzter Netzabschnitt soll Schwaben-Süd im Dezember 2015 in den Probebetrieb gehen. Das Innenministerium rechnet damit, dass bis zum Jahr 2016 alle BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) in Bayern digital funken werden. Informationen zum Digitalfunk im Internet unter: www.bdbos.bund.de (Bundesebene), www.digitalfunk.bayern.de (Bayern) Text: mim

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