WÜRZBURG

Anklage: Alte Leute abgezockt

Der größte Sitzungssaal des Würzburger Landgerichts ist selten voll. Aber jetzt wird der Platz vor der Besucherschranke knapp. Fünf Angeklagte, elf Verteidiger, zwei Staatsanwälte, drei Berufsrichter, zwei reguläre und zwei Ergänzungsschöffen sitzen hier. Es geht um bandenmäßigen Betrug, die Angeklagten sollen insbesondere alte Leute um rund 417 000 Euro geprellt haben.

Es sind vier Männer zwischen 27 und 43 Jahren, ein Kfz-Mechaniker, drei Kaufleute, und ein Student, denen die Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe macht. Seit 2010, so die Anklage, hätten sie sich in wechselnder Besetzung die Verunsicherung älterer Menschen zunutze gemacht.

Die Opfer der Angeklagten, viele von ihnen aus Unterfranken, seien in der Vergangenheit auf Betrüger hereingefallen, die ihnen vorgegaukelt haben, sie hätten bei Gewinnspielen ein teures Auto gewonnen, das aber noch in Istanbul stehe und nur gegen Überweisung der Überführungskosten ausgeliefert werden könne. Auch seien diese und andere alte Leute manchmal mehrmals täglich durch telefonische Abonnenten-Werbung belästigt worden – und hätten schließlich einen Vertrag abgeschlossen, nur um ihre Ruhe zu haben.

Die hatten sie natürlich nicht, weil sie danach mit anderen Werbeanrufe terrorisiert wurden. Und auch die „Autogewinner“ wurden nicht glücklich: Die Wagen bekamen sie nie geliefert und die angeblichen Überführungskosten waren natürlich auch weg.

„Unter dem Deckmantel

des Verbraucherschutzes agiert“

 

Staatsanwaltschaft Würzburg über die fünf Angeklagten

 

 

Genau auf diese verunsicherten Menschen hätten die Angeklagten es abgesehen gehabt, sagt die Würzburger Staatsanwaltschaft. Bei Datenhändlern hätten sie Tausende Datensätze solcher Geprellten gekauft – und die Leute ein zweites Mal über den Tisch gezogen. Es sei ihnen darauf angekommen, gezielt Leute anzusprechen, die wegen ihrer „schlechten Erfahrungen mit unerwünschten Werbeanrufen und aufgrund ihres Alters dazu neigen, sich zu einem Vertragsabschluss überreden zu lassen“.

Laut Anklage sollen die fünf mutmaßlichen Betrüger ihren Opfern Beratung sowie Hilfe bei unliebsamen Werbeanrufen, Gewinnspielteilnahmen oder Abo-Verträgen versprochen haben.

Um dem Ganzen einen seriösen Anstrich zu geben, sollen die Männer Firmen mit verheißungsvollen Namen wie „Verbraucherangriff“, „Deutsche Verbraucherberatung“ oder „Kundenschutz 24“ gegründet haben. Außerdem, so die Anklage, hätten sie Call Center betrieben, von denen aus speziell geschulte Mitarbeiter die älteren Leute angerufen und ihnen „juristisch fundierte Schreiben“ zum Preis von rund 90 Euro versprochen hätten, mit denen sie sich von lästigen Nepp-Anrufen befreien könnten. Insgesamt fielen Hunderte Geschädigte auf diese Masche „unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes“ rein.

Damit nicht genug. Laut Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten auch „letzte Zahlungsaufforderungen“ verschickt haben. Würden sie nicht beglichen, werde man die Sache an das „Prozessdezernat“ weitergeben, soll es darin geheißen haben. Aus Angst sollen auch hier viele Gutgläubige Geld überwiesen haben.

Hätten alle Adressaten die geforderten Summen gezahlt, hätten die Angeklagten 3,3 Millionen Euro kassiert, sagt die Staatsanwaltschaft. Obwohl viele die „Zahlungsaufforderungen“ ignorierten, seien immer noch über 416 000 Euro auf die Konten der Angeklagten geflossen.

Von den fünf Männern, die alle im August 2011 gefasst wurden, sitzen noch drei in Untersuchungshaft. Am ersten Prozesstag erklärten zwei von ihnen, dass sie „keine Angaben“ machen. Der dritte will sich „derzeit“ nicht äußern. Der vierte und der fünfte, beide aus der U-Haft entlassen, kündigten für den nächsten Prozesstag eine „Einlassung“ an.

Der Prozess wird am Dienstag, 2. Oktober fortgesetzt.

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