WÜRZBURG

Aufnahmegrenze für Autisten

Direktor Herbert Dössinger: Er könnte mehr autistische Kinder an seiner Schule aufnehmen, darf es aber nicht.
Foto: Norbert Schwarzott | Direktor Herbert Dössinger: Er könnte mehr autistische Kinder an seiner Schule aufnehmen, darf es aber nicht.

Fordert ein Lehrer Kinder auf, Tunwörter grün zu unterstreichen, sehen Grundschüler üblicherweise darin kein Problem. Für den neunjährigen Julius (Name geändert) aber ist eine solche Aufgabenstellung nicht machbar. Nicht, dass Julius nicht wüsste, wie Tunwörter aussehen. Julius scheitert daran, dass er sich nicht entscheiden kann, welches Grün gewünscht ist. Dunkelgrün? Neongrün? Hellgrün? All diese Stifte hat er in seinem Mäppchen – und ohne dass ihm klipp und klar gesagt wird, welchen der drei Stifte er nehmen soll, kann sich Julius den Tunwörtern nicht widmen.

Eltern: Wir brauchen den Platz

Julius ist Autist. Autistische Kinder bräuchten eindeutige Anweisungen, einen klaren, lehrerzentrierten, stark aufs Sehen ausgerichteten Unterricht sowie kleine Klassen und möglichst schallgedämpfte Räume, erklärt Herbert Dössinger, Schulleiter der Dr.-Karl-Kroiß-Förderschule in Würzburg. Obwohl die Dr.-Karl-Kroiß-Schule als Förderschule speziell für hörgeschädigte Kinder konzipiert wurde, beschult sie seit rund zehn Jahren auch autistische Kinder – die Bedürfnisse beider kommunikationsgestörter Schülergruppen decken sich in einem hohen Maß.

Dössinger ist stolz darauf, dass seine Schule in den letzten Jahren über 50 autistische Kinder gefestigt und zum erfolgreichen Schulabschluss geführt hat. „Viele dieser Kinder galten zuvor in ihren Regelschulen als hochproblematisch und als Schulversager; etliche wurden gemobbt.“

Fürs nächste Schuljahr stehen neun autistische Kinder auf der Warteliste der Dr.-Karl-Kroiß-Schule. Eines dieser Kinder ist der zehnjährige Sohn von Antje Schlereth – ein Kind, dem nach Aussage der Mutter 25 Schulen aus der Region Würzburg keine Zusage geben wollten: „Es hieß, er würde den Unterricht stören oder er werde zum Opfer“, so die Mutter. Jetzt hofft Antje Schlereth verzweifelt auf einen Platz für ihr Kind in der Dr.-Karl-Kroiß-Schule, der einzigen Schule, die das Kind beschulen würde. „Wenn wir den Platz nicht kriegen – dann wissen wir nicht, wohin“, sagt Schlereth. Eine Schule speziell für Autisten gibt es in Unterfranken nicht.

Die Ironie: Herbert Dössinger, der Schulleiter sagt, er könne und wolle alle neun Kinder auf der Warteliste aufnehmen. Er glaubt, sie sogar ohne die Notwendigkeit zusätzlicher Lehrerstunden in die bestehenden 27 Förderklassen integrieren zu können. Das Problem ist: Er darf nicht. Ein neuer Vertrag, geschlossen zwischen dem Bezirk und dem Kultusministerium, bindet ihm die Hände. Der Vertrag, so Dössinger, schreibe ihm vor, dass nicht mehr als 15 Prozent der Schüler Autisten sein dürften. „Was bedeutet, dass ich zwei oder drei autistische Kinder zum Schuljahresbeginn aufnehmen darf und die anderen abweisen muss.“

„Ein typischer Fall für eine Petition“, sagt Günther Felbinger von den Freien Wählern. Der Gemündener Landtagsabgeordnete war 16 Jahre lang Lehrer an der Karl-Kroiß-Schule und unterstützt die Eltern der Schule in ihrer Forderung, die 15-Prozent-Grenze für autistische Kinder wieder aufzuheben. „Autistische Kinder müssen beschult werden – warum sollten sie dann nicht dort in die Schule gehen, wo für sie die Gegebenheiten optimal sind?“, entrüstet sich Felbinger. Er vermutet, dass es dem Kultusministerium nur um Geld geht: „Dort will man wohl vermeiden, dass zusätzliche Lehrerstunden für die Dr.-Karl-Kroiß-Schule fällig werden und schützt sich per Vertrag vor etwaigen neuen Ausgaben“, glaubt der Abgeordnete.

Ministerium: Freiwillige Leistung

Die Sprecherin des bayerischen Kultusministeriums, Marie Brune, verweist in ihrer Stellungnahme darauf, dass die Dr.-Karl-Kroiß-Schule primär als Förderzentrum für Hörgeschädigte konzipiert sei; nicht als Förderzentrum für Autisten. Zudem handle es sich um eine kommunale Bezirksschule. Von daher, so Brune weiter, sei klar, dass die finanzielle Förderung, die das Kultusministerium für die Beschulung autistischer Kinder bereitstelle, auf freiwilliger Basis laufe. Der Vertrag sei geschlossen worden, um die freiwilligen Ausgaben nach oben zu begrenzen.

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