Das Für und Wider einer Delfinhaltung in Zoos

Vor 600 geladenen Gästen ist im Nürnberger Tiergarten die Delfinlagune eröffnet worden, die ab heute der Öffentlichkeit zugänglich ist. Dr. Lorenzo von Fersen, Verhaltensbiologe des Tiergartens und Vorsitzender der Gesellschaft „Yaqu Pacha“ zum Schutz von Meeressäugern in Südamerika, ist von dem Erfolg des Projektes überzeugt und erläutert seine Position. Tierschützer jedoch protestieren – nicht erst seit Baubeginn – gegen die neue Anlage. Einer von ihnen ist Dr. Karsten Brensing, Meeresbiologe der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS.

Frage: Herr von Fersen, was waren die Beweggründe für den Bau der Lagune?

Lorenzo von Fersen: In Nürnberg werden seit 1971 Delfine gehalten. 1988 kam ein zweites Delfinarium hinzu, doch durch die getrennten Becken war es schwierig, soziale Gruppen einer ausreichenden Größe zusammenzuhalten. Die Delfinlagune bietet nun genügend Platz für alle Delfine der Gruppe. Außerdem hatten wir den Wunsch, eine zeitgemäße Anlage für die Besucher zu schaffen, die naturähnlich gebaut ist, mit mehreren Becken und der umgebenden Landschaft.

Nach welchen Maßstäben wurde die Lagune geplant?

von Fersen: Erfahrungen von anderen erfolgreichen Delfinarien in Europa und den USA haben uns gezeigt, was wichtig für ein neues Delfinbecken ist. Wir haben uns für das Mehrbeckensystem entschieden, weil es den Anforderungen am besten entspricht. Es ist auch deshalb sinnvoll, weil es die Möglichkeit bietet, die Tiere bei Bedarf zu trennen und aneinandervorbeizuschleusen. Außerdem ist es natürlich auch ein finanzieller Kompromiss, das Geld fließt ja nicht unendlich.

Herr Brensing, wie beurteilen Sie das Konzept der Lagune?

Karsten Brensing: Eine Verbesserung der Haltungsbedingungen ist sie in jedem Fall. Doch das Grundkonzept ist falsch. Der Tiergarten hat erklärt, sich an dem Delfinarium Harderwijk in den Niederlanden zu orientieren. Doch dort leben die Tiere in einem großen, freien Becken mit durchgängiger Wasseroberfläche. Das Konzept ist sinnvoll, denn Delfine mögen naturgemäß keine Ecken und Kanten. Sie sind zwar absolute Schwimmakrobaten, aber sie können nicht rückwärtsschwimmen, deshalb meiden sie Ecken oder schmale Passagen. Das Mehrbeckensystem aus vielen kleinen Becken ist daher ungeeignet. Dass Tiere aneinandervorbeigeschleust werden müssen, ist eben ein Haltungsproblem der Zoos. Mehrere Becken sind vielleicht ein technisch sinnvoller Kompromiss für die Halter, aber nicht für die Tiere. Ich denke, das Geld hätte wesentlich sinnvoller genutzt werden können.

Glauben Sie, die Lagune kann den Verhaltensbedürfnissen der Tiere genügen?

von Fersen: Was sind denn die Verhaltensbedürfnisse? Die Leute sagen immer, die Delfine schwimmen 100 Kilometer am Tag und tauchen 300 Meter tief. Aber warum sie das tun, ist die Frage. Die Lagune soll kein Nachbau der Natur sein. Aber sie kann gewährleisten, dass es den Tieren gut geht. Die Tiere haben kein Freiheitsbedürfnis, sondern ein Sicherheitsbedürfnis. Mit der Lagune können wir ihnen ein Sicherheitsgefühl geben.

 

Brensing: Normales, soziales Verhalten ist für die Delfine nicht möglich. In einer sozialen Gruppe, wie sie der Tiergarten halten möchte, gibt es auch immer antagonistisches, also aggressives Verhalten untereinander. Ein Becken, das den Verhaltensbedürfnissen der Tiere gerecht würde, müsste gewährleisten, dass sich die Tiere aus dem Weg gehen könnten. Weil das aber aufgrund der Beckengröße nicht geht, werden die Störenfriede, meist junge Männchen, aus der Gruppe rausgenommen und isoliert gehalten. Mit einem Freiheitsdrang der Tiere hat das nichts zu tun.

Was sagen Sie zu den Zuchtversuchen bei den Delfinen in Nürnberg?

Brensing: In den letzten Jahren sind in Nürnberg sehr viele Jungtiere nach der Geburt gestorben. Wir wissen nicht, was die Ursachen dafür sind. Daher haben wir ja die Einsicht in die Akten des Tiergartens eingeklagt. Aber auch die anderen Delfinarien der EU züchten nicht nachhaltig. Das aktuelle Jahrbuch der europäischen Zoogemeinschaft bestätigt das. Und Statistiken über die jährliche Überlebensrate von Delfinen in Gefangenschaft zeigen, dass sie geringer ist als bei Delfinen in der freien Natur. Das ist überraschend, weil andere Tiere in Gefangenschaft oft älter werden als die frei lebenden Artgenossen. Und schuld an der verringerten Überlebensrate sind die Haltungsbedingungen. Stress kann ein wichtiger Faktor sein.

 

von Fersen: Den einzigen Vorwurf, den uns Tierschützer machen können, sind die Todesfälle der neugeborenen Delfine. Nach den Ursachen dafür suchen wir selber gründlich. Wir haben keine definitiven Gründe gefunden, es gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen den Todesfällen. Aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass eben die Haltung einer sozialen Gruppe und die Erfahrungen der Mütter eine wichtige Rolle in der Nachzucht spielen. Drei der verstorbenen Kälber stammten von erstgebärenden Weibchen. Aber zu unseren jetzigen Tieren: Die Delfine sind nicht gestresst. Gerade wegen des Umbaus untersuchen wir unsere Tiere regelmäßig sehr gründlich und es sind keine erhöhten Kortisolwerte oder irgendwelche Stereotypien festzustellen. Und was die Nachhaltigkeit in Delfinarien betrifft: In einigen Anlagen in den USA liegen die Aufzuchtquoten höher als in der Natur. Von diesen Erfahrungen profitieren und lernen wir hier auch.

Wie ist Ihre Prognose?

von Fersen: Ich bin sicher, dass wir bald erfolgreich Delfine nachzüchten können, sodass sich die Gruppe selbst tragen kann.

 

Brensing: Ich glaube nicht, dass die Lagune das Problem der Nachzucht verbessern kann. Soweit ich weiß, ist nur ein Todesfall bei den Jungtieren auf falsches Verhalten zurückzuführen. Damit hätte durch die Lagune nur einer von mehreren Todesfällen verhindert werden können. Warum die Nachzucht so schwierig ist, ist ungeklärt. Für mich steht fest: Delfinhaltung geht nicht.

Lorenzo von Fersen

Die erste Begegnung mit Glattwalen und Delfinen hatte der gebürtige Argentinier Anfang der 80er Jahre in den Gewässern rund um die Halbinsel Valdez dort. Lorenzo von Fersen hat in seiner Heimat Biologie an der Universität Cordoba studiert. Seit 1984 lebt er in Deutschland und war bei zahlreichen Forschungsaufenthalten in England, Nord- und Südamerika. Seit 1998 arbeitet er für den Tiergarten Nürnberg, aktuell als Artenschutz- und Forschungsbeauftragter. Der 54-Jährige ist zudem Gründungsmitglied und Vorsitzender der Gesellschaft zum Schutz wasserlebender Säugetierarten Südamerikas – Yaqu Pacha.

Karsten Brensing

Der Forschungstaucher ist Wissenschaftler im Team der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDCS. Der 44-Jährige hat an der Freien Universität zu Berlin über die Interaktion zwischen Delfinen und Menschen promoviert und sich dabei intensiv mit der Delfintherapie (DAT) beschäftigt. Seit Juli 2005 verstärkt er die Arbeit des WDCS in den Bereichen Umweltverschmutzung (speziell Lärm), Fischerei (speziell Beifang) und Gefangenschaftshaltung von Walen und Delfinen. Brensing hat in Kiel Meeresbiologie studiert und im Anschluss verschiedene Forschungsprojekte in Florida und Israel geleitet.

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