BAD KISSINGEN

Die ernsthafte Seite des David Garrett

Ach ja, David Garrett ist im Lande – das bedeutet mal wieder den Ausnahmezustand. 1272 Zuhörer, darunter gar nicht sooo viele aus der Kategorie „unerschütterliche Fans“, sondern ganz normale Klassikhörer, überfüllen den Regentenbau in Bad Kissingen. An der Abendkasse müssen Dutzende weitere weggeschickt werden – und das bei einem Programm, wo man Reißaus genommen hat, wenn es Oma zum Sonntagnachmittagskaffee laufen ließ.

Das Gastspiel mit den drei schönen und schön anspruchsvollen Sonaten für Violine und Klavier von Johannes Brahms firmiert als „Sonderkonzert zur Eröffnung des 30. Kissinger Sommers“: Doch wenn das hochkarätige Festival am 16. Juni beginnen wird, dürften nur wenige noch so geschätzte Künstler mit der Dimension von Garretts Popularität mithalten. „Handyfotos sind heute auf Todesstrafe verboten, dass das klar ist!“ sagt Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger in ihrer Begrüßung, derweil sich Garrett volksnäher gibt. „Wer von Euch hat überhaupt schon mal Brahms gehört?“, fragt er das Publikum unverblümt.

Mit regelmäßigen Ansagen führt er durch die Klippen der Sonaten: „Achtet drauf, dieses Motiv taucht im dritten Satz wieder auf!“ Natürlich ist sein Konzept ein Reizpunkt, für Traditionalisten untragbar – doch es funktioniert. Applaus gibt’s nach jedem Satz. Dass es ihm gelingt, allein mit Brahms-Sonaten Begeisterung wie im Popkonzert zu entfachen, hebt die Sache in eine eigene Kategorie, in der Fachfragen nach Doppelgriffen oder Synkopen unangebracht sind, der schier unglaublichen Freude unangemessen.

Daher ist es ein akzeptabler Schachzug des Garrett-Managements, neben den abgenudelten Crossover-Auftritten (wie 2013 vor der Residenz in Würzburg), den Paganini-Filmausflügen und der Rückkehr zur Seriosität mit Brahms’ Violinkonzert (wie ebenfalls 2013 in Bad Kissingen) nun mit den Sonaten einen Anspruchshappen draufzusetzen, als wolle Garrett Wertschätzung erflehen: Ihr bösen Herumkritteler, nehmt mich endlich ernst!

So tritt er auch nicht im Schlabberlook auf, sondern artig im schwarzen Sakko, schwarzen Hemd, schwarzer Edeljeans. Er verzichtet auf jede Pose, reduziert sich auf sein (zwei Stunden lang auswendiges!) Spiel. Garrett sucht mit seinem Pianisten Julien Quentin den Wohlklang. Andere Kammermusiker würden zackiger, mit mehr Spannung rangehen. Er freilich nimmt die Mitte als gemeinsamen Nenner ein, und selbst wenn er sagt, „das nächste Stück wird aggressiver“, bleibt er zahm.

Brahms muss er lieben, so innig er ihn spielt und preist. „Es gibt keine großartigere, emotionalere Kammermusik für Euch“, sagt er, und die 1272 sind dermaßen hingerissen, als wäre der Geiger ein Menschenfänger. Erst bei den vier Zugaben lässt David Garrett die von ihm sonst gewohnten Showelemente zu, bietet er Brahms’ fünften Ungarischen Tanz, zwei Wiener und eine amerikanische Volksweise mit jenen klebrigen, aufgemotzten Effekten, die ihm Teile der Musikwelt gerne naserümpfend vorwerfen. Zu diesem Zeitpunkt kann er in Bad Kissingen aber beim besten Willen nichts mehr falsch machen.
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