ERLANGEN

Die Welt verändern mit Ein-Dollar-Brillen

Will nicht nur die Welt, sondern auch die Sicht auf sie verändern: Martin Aufmuth (links) aus Erlangen hat es sich zum Ziel gemacht, 150 Millionen armen Menschenmit Sehschwäche eine Brille zu verpassen. Dieser Mann aus Malawi ist glücklich über die Sehhilfe.
Foto: Wolfram Cueppers | Will nicht nur die Welt, sondern auch die Sicht auf sie verändern: Martin Aufmuth (links) aus Erlangen hat es sich zum Ziel gemacht, 150 Millionen armen Menschenmit Sehschwäche eine Brille zu verpassen.

Martin Aufmuth hat sich ganz schön was vorgenommen. 150 Millionen Menschen auf der Welt will der 40-Jährige eine Brille verpassen. „Das ist meine Brillenfabrik“, sagt der verheiratete Familienvater und platziert eine kleine Holzkiste auf dem Küchentisch im mittelfränkischen Erlangen. Er stellt eine Tafel mit Sehzeichen auf das Klavier, das gut und gerne vier Meter entfernt an der Wohnzimmerwand steht. „Lesen Sie mal die erste Reihe vor!“

Mit ein wenig Fantasie kann man das erste Symbol erkennen, das wie ein auf dem Rücken liegendes „E“ aussieht. Mit jeder Zeile wird es schwieriger. Irgendwann verschwimmen die Figuren zu schwarzen Farbklecksen. „Wir machen den Sehtest ohne Buchstaben, weil viele nicht lesen können. Sie müssten so minus drei Dioptrien haben“, sagt Martin Aufmuth fast so überzeugend wie ein Augenarzt. Dann zaubert er aus dem Holzkasten einen silberglänzenden Draht hervor. „Den müssen wir jetzt auf die richtige Länge kürzen und daraus danach das Gestell formen“, sagt er und zeigt auf drei Farbpunkte, die sich in kleinen Abständen nebeneinander auf dem Deckel der „Fabrik“ befinden. „Bei Erwachsenen nehmen wir den roten Punkt in der Mitte. Der entspricht einem Augenabstand von 63 Millimetern.“ Für Kinder gibt es einen gelben Punkt daneben. Brillenbau nach Schablone. Die Gläser bestehen aus Polycarbonat und sind bereits fertig geschliffen. „Ein Freund hat eine Firma in China. Er macht uns die Gläser. Wir müssen erst nach der Lieferung bezahlen“, erzählt er und zeigt auf den Setzkasten mit den Linsen in den unterschiedlichen Stärken. „Wir haben Gläser von -6 bis +6 Dioptrien in Schritten von 0,5 Dioptrien.“ Mehr Zutaten braucht Aufmuth nicht für seine Brillen aus dem Baukasten. Keine teuren Schleifmaschinen oder elektrischen Strom.

Wie bei einem echten Seemannsknoten entsteht mit relativ wenigen Handgriffen aus dem schnöden Draht ein stabiles Gestell. „Wir bilden die Leute vor Ort an der Biegemaschine zu Brillenproduzenten aus, so dass sie von der Herstellung und dem Verkauf der Brillen leben können. Mit dem kleinen Kasten können mehrere geübte Hände bis zu 50 000 Brillen im Jahr produzieren“, erzählt der Erlanger. Manchmal kann er es selbst nicht glauben, dass seine Ein-Dollar-Brille tatsächlich die Kraft hat, die Welt zu verändern.

„Ich habe nach einer Idee gesucht, mit der man mit einer kleinen Sache etwas Großes bewirken kann.“ Dabei erinnert sich Aufmuth an den Moment zurück, als er vor zwei Jahren vernahm, dass es keine erschwinglichen Brillen für Menschen unterhalb der Armutsgrenze gibt. „Das kann nicht sein“, dachte er sich und erfuhr von Initiativen, die ausgemusterte Brillen wie Altkleider zu den Armen schicken. Für alte Brillen eine neue Nase zu finden, sei schwer. Für Millionen Menschen unmöglich. „Wenn 150 Millionen Menschen wegen ihrer Sehschwäche nicht lernen und nicht arbeiten können, dann resultiert daraus ein Einnahmeausfall von 120 Milliarden Dollar pro Jahr.“ Genauso viel werde weltweit für Entwicklungshilfe ausgegeben. „Das ist der spannende Punkt:

„Ich habe nach einer Idee gesucht, mit der man mit einer kleinen Sache etwas Großes bewirken kann.“
Martin Aufmuth

Mit einem so einfachen Teil wie dieser Brille können wir die Entwicklungshilfe verdoppeln.“ Und zwar bei den Menschen, die sie am notwendigsten brauchen: arme, sehbehinderte Menschen in Entwicklungsländern. „Früher habe ich immer gejammert und gesagt: Man müsste was tun.“ Eines schönen Tages habe Jelena, seine Frau, zu ihm gesagt: „Dann tu doch was!“

Das war vor etwa acht Jahren. Aufmuth wurde aktiv, dachte lange nach und kam schließlich auf die verrückte Idee, mit einer „Luftballon-Aktion“ eine Million zu sammeln. „Am Ende ist zwar nur eine halbe Million zusammengekommen. Aber ich habe gemerkt, dass ich etwas bewegen kann. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.“ Danach arbeitete er zunächst weiter als Lehrer und rief ein Schulprojekt zur CO2-Reduzierung ins Leben. Auch das wurde ein Erfolg, Aufmuth sogar zum Bundespräsidenten nach Berlin eingeladen.

Dann hatte er den folgenschweren Geistesblitz mit der günstigen Brille, der sein Leben komplett auf den Kopf stellen sollte. Seinen Job als Lehrer hat er vor kurzem aufgegeben, um seine Brillen dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Keine leichte Aufgabe. „Manchmal fühle ich mich wie Sisyphos.“ Die Welt ist einfach verdammt groß und die Aufgabe gewaltig. Manchmal kann der Erlanger die Brille selbst nicht mehr sehen, weil ihn die Größe des ganzen Vorhabens fast erdrückt. Zum Glück fanden sich schnell Mitstreiter, die von der Idee überzeugt sind.

Wer bei Martin Aufmuth mitmachen will, tritt keinem Kegelklub bei. Rund 50 Menschen arbeiten derzeit freiwillig für die Ein-Dollar-Brille. Manager, Juristen und Ingenieure sind dabei, haben gut bezahlte Jobs oder den Ruhestand aufgegeben, damit die Welt besser sehen kann. „Social Business“ heißt das Zauberwort.

Irgendwann war die erste Brille fertig entwickelt. Da nahm er seinen Kasten unter den Arm und setzte sich ins Flugzeug nach Afrika. „Ich hatte keine Ahnung, wie die Menschen auf mich und meine Brille reagieren“, erinnert er sich an das erste Mal. Plötzlich stand er mitten in Uganda, mit seinem Kasten in der Hand – und mit großen Zweifeln. Brauchen die Menschen dort seine Brille überhaupt? Sie brauchen sie. Hunderte Menschen stehen dort tagelang Schlange in der Sonne, um eine Brille kaufen zu können.

Menschen wie der 80-jährige Simon aus Malawi, der glücklich ist, dass er dank der Brille wieder auf seinem Feld arbeiten kann. „Ich sehe sogar die Blätter in den Bäumen!“, rief er voll ungläubigem Erstaunen, als er durch die erste Brille seines Lebens blickte, so berichtet es Aufmuth. Nicht mehr sehen und arbeiten zu können, hätte für Simon den Tod bedeuten können. Wer von der Hand in den Mund lebt, für den kann auch eine einfache Sehbehinderung lebensbedrohlich sein.

Heute kümmert sich Martin Aufmuth wie der Manager eines weltweit tätigen Unternehmens um seine gemeinnützige Organisation. Wenn er nicht um die Welt reist und den Menschen zeigt, wie man Brillen baut, begeistert er neue Leute für sein Projekt, sammelt Spenden oder optimiert seine kleine Brillen-Fabrik. Stabil, günstig und schön sollte seine Brille sein. „Ich war so glücklich, als ich auf die Idee mit den Perlen kam“, erzählt er und zeigt auf die kleinen Kugeln, die in allen Regenbogenfarben in einem Kästchen schillern.

Die Ein-Dollar-Brille hat auch seine Sicht auf die Welt verändert. Probleme, die unüberwindbar scheinen, können gelöst werden. „Man muss nur anfangen etwas zu tun“, ist sich Aufmuth heute sicher. „Glaubt an euch selber. Lasst euch nicht abbringen“, macht er den Menschen, die nicht mehr nur zusehen wollen, Mut.

Workshops zum Brillenbau

Martin Aufmuth veranstaltet regelmäßig Workshops, in denen Interessierte lernen können, wie man die Ein-Dollar-Brille selbst herstellen kann. „Wir sind immer auf der Suche nach engagierten Helfern“, sagt der Erlanger. Aber auch Spenden benötigen er und seine Mitstreiter dringend für ihre Mission: Brillen für 150 Millionen Menschen. Weitere Infos: www.eindollarbrille.de

Sehtest ohne Buchstaben: Viele der Ärmsten können nicht lesen. Das Bild entstand in Uganda.
Foto: Fotos (2): Martin aufmuth | Sehtest ohne Buchstaben: Viele der Ärmsten können nicht lesen. Das Bild entstand in Uganda.
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