SCHWEINFURT

Doppelmord: Freispruch oder lebenslang?

Doppelmord in Schweinfurt: Am Tag nach der Tat am 10. August 2009 suchte die Polizei im Bereich des Tatortes, dem Parkplatz am Icedome im Stadtteil Hainig, nach der bis heute verschwundenen Tatwaffe, eine Pistole älteren Baujahrs.
Foto: dpa | Doppelmord in Schweinfurt: Am Tag nach der Tat am 10. August 2009 suchte die Polizei im Bereich des Tatortes, dem Parkplatz am Icedome im Stadtteil Hainig, nach der bis heute verschwundenen Tatwaffe, eine Pistole ...

51 Zeugen und ein Dutzend Sachverständige sind im Schweinfurter Doppelmord-Prozess bisher gehört worden. Der Aktenumfang macht 3400 Seiten aus, 15 Tage wurde verhandelt. „Es geht um die Ermordung zweier Menschen, da muss man sich Zeit lassen“, sagte Oberstaatsanwalt Rainer Gündert am Freitag. Der Ankläger ließ sich auch für sein Plädoyer Zeit, was nötig war, weil einige zu Prozessbeginn noch als sicher geltende Beweise weggebrochen sind.

„Es gibt kein ganz klares Beweismittel“, räumt er denn auch ein. Aber: Die Indizienkette führe „zur Täterschaft des Angeklagten“. Sein Antrag nach zwei Stunden: lebenslang für Basar A. wegen des Mordes an seinem Onkel Idris B. (35) und dessen Geliebter Sinat A. (30). Sie wurden mit je drei Kopfschüssen am 10. August 2010 „förmlich hingerichtet“.

Die Verteidiger Norman Jacob (Würzburg) und Reinhard Kirpes (Offenburg) forderten demgegenüber einen Freispruch und Entschädigung für die über einjährige Haft. Es gebe tatsächlich keinen objektiven Nachweis, die Tat sei aber schon mit der Persönlichkeit von A. nicht vereinbar. Wegen der Ausführung geht die Verteidigung von einem Auftragsmord durch Profikiller aus.

Die Familien beider Opfer stammen aus dem kurdischen Teil des Irak, kommen nach der Hussein-Ära 1995 nach Deutschland. Das Verhältnis von Idris mit Sinat, der Schwester seiner Frau Soaad (35), sorgt für Aufruhr. Idris muss auf den Koran schwören, dass er von Sinat lässt. Soaad traut ihrem Mann nicht, installiert am Telefon Zuhause in der Schweinfurter Innenstadt einen MP3-Player und erfährt so, dass das Verhältnis keineswegs beendet ist. „Ich will Dir zwei Söhne schenken“, sagt Idris einmal am Telefon zu Sinat.

Nun kommt Basar ins Spiel, ein enger Freund der Familie. Er versucht auf Idris einzuwirken, erfolglos. Basar stellt den Onkel zur Rede, nennt Idris einen „Hurensohn“. Der Zoff verstärkt sich. Einer Schwester gegenüber äußert Basar einmal, dass er „beide umbringen werde, wenn sie das Verhältnis nicht beenden“, erinnert der Ankläger.

Am Tattag, 10. August 2009, treffen sich Idris und Basar abends in einem Café. Um 21.45 Uhr geht Idris nach Hause, verlässt die Wohnung wieder, ruft seine Geliebte Sinat um 22.06 Uhr von einer Telefonzelle aus an. „Kein angenehmes Telefonat“, sagt Gündert, weil Sinat laut Zeugenaussagen gleich danach verstört ihre Wohnung im Musikerviertel verlässt. Nach Überzeugung des Staatsanwaltes trifft sie Idris, gemeinsam fährt man im Mercedes A-Klasse der Frau zum Parkplatz Icedome, dem Tatort.

Der Staatsanwalt glaubt an eine Tatzeit zwischen 22.24 und 23.25 Uhr, weil die – wie die Mordwaffe – bis heute verschwundenen Handys der Opfer in dieser Zeit vom Mörder ausgeschaltet worden seien. Basar telefonierte um 22.22 Uhr letztmals mit Idris. Beider Handys waren in der Funkzelle Icedome eingelockt, so die Auswertung der Polizei. Basar habe als letzte Kontaktperson auch als einziger vom Treffpunkt Idecome erfahren, den das Liebespaar spontan gewählt habe. Der Staatsanwalt erinnerte, dass der Angeklagte der Polizei gegenüber gesagt habe, dass er ab 18 Uhr gar nicht mehr mit Idris telefoniert und sich in seiner Wohnung befunden habe.

„Es gibt kein ganz klares Beweismittel.“

Rainer Gündert Oberstaatsanwalt

Auffällig nannte es Gündert, dass Basar weitere Telefonate – wohl mit Idris – gelöscht habe. Auffällig sei, dass Soaad, Idris' Frau, später mehr Sympathien für den Angeklagten gezeigt und sogar versucht habe, ihm mit Hilfe einer Bekannten ein wasserdichtes Alibi zu verschaffen. Die Witwe komme für ihn sogar als „Lenkerin“ des Ganzen in Betracht.

Für Jacob und Kirpes steht demgegenüber fest, dass Basar unschuldig ist. Telefonate habe er immer gelöscht, nicht nur in der Tatnacht. Gündert komme auch nicht am Gutachten eines Rechtsmediziners vorbei, der 23.45 Uhr als frühesten Todeszeitpunkt nannte. Der Ankläger hatte es wegen „Fehlerquellen“ angezweifelt, weil bei der Berechnung von 16 Grad Außentemperatur in der Tatnacht ausgegangen worden sei. Die Opfer saßen aber im Auto, in dem es wärmer war, womit seine Tatzeit denkbar sei. Jacob verneinte das, und um 23.40 Uhr habe sein Mandant ein Alibi gehabt, „da beißt die Maus keinen Faden ab“.

Gehörige Kritik gaben beide Verteidiger der Polizei, die „nicht ernsthaft anderen Spuren nachgegangen sind“. Als konkretes Beispiel wurde der geschiedene Mann von Sinat genannt. Die Verhöre seien zudem an die „Grenze der Tolerierbarkeit“ gegangen, so Jacob. Beispiel hier der von Ermittlern verlangte Schwur auf den Koran, was die Strafprozessordnung gar nicht erlaube.

Der Nebenkläger, ein Bruder von Sinat, zeigte sich von der Täterschaft Basars überzeugt, sein Anwalt Stefan Seidel (Schweinfurt) nicht. Der Angeklagte verzichtete auf ein letztes Wort. Das Urteil wird am 17. Februar um 15 Uhr verkündet.

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