WÜRZBURG/KÖLN

Gericht erlaubt Cannabis-Anbau

Cannabis-Anbau: Das Kölner Verwaltungsgericht erlaubte nun, in Einzelfällen Drogenhanf daheim anzupflanzen.
Foto: DPA | Cannabis-Anbau: Das Kölner Verwaltungsgericht erlaubte nun, in Einzelfällen Drogenhanf daheim anzupflanzen.

Cannabis anbauen dürfen möglicherweise drei Männer, darunter der Würzburger Günter Weiglein. Das Kölner Verwaltungsgericht verpflichtete am Dienstag das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die Fälle erneut zu prüfen. Das Institut hatte die Anträge der Männer abgelehnt, die Hanf anbauen wollen, um Wirkstoffe zur Selbsttherapie zu gewinnen.

Die Zulassung des Eigenanbaus müsse in jedem Fall individuell geprüft werden, so ein Gerichtssprecher. In drei von fünf Fällen sahen die Juristen die Voraussetzungen erfüllt: Behandlungsalternativen sind ausgeschöpft, die Pflanzen können sicher vor dem Zugriff Unbefugter angebaut und verarbeitet werden.

Als Unsinn bezeichnet es der Wiener Professor Hans Georg Kress, dass Patienten selbst Cannabis zu Therapiezwecken anbauen dürfen. „Das ist eine Fehlentwicklung, die aber von der Politik zunehmend gefördert wird“, beobachtet Kress, international renommierter Schmerzexperte und Präsident der Europäischen Schmerzgesellschaft (European Pain Federation EFIC). „Aus medizinischer Sicht gibt es dafür keine Notwendigkeit, außer man will Geld sparen – denn der Eigenanbau belastet das Budget der Krankenkassen natürlich nicht“, so der gebürtige Würzburger und ehemalige Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie der Uni Würzburg.

Seinen Angaben zufolge kostet die monatliche Versorgung von chronischen Schmerzpatienten mit dem aus Drogenhanf gewonnenen reinen Wirkstoff Dronabinol etwa 300 Euro. „Es gibt keinen Hinweis, geschweige denn einen Beweis, dass Marihuana medizinisch besser wirkt als der aus Hanf hergestellte verschreibungspflichtige Wirkstoff Dronabinol, welcher identisch ist mit reinem Tetrahydrocannabinol, kurz THC, dem Hauptwirkstoff der Cannabispflanze“, erläutert Kress. Er ist deshalb dagegen, den Eigenanbau von Cannabis und natürliche Cannabis-Zubereitungen wie Marihuana und Haschisch zu legalisieren. „Dank der Grundlagenforschung über die Wirkung von Cannabinoiden und der Verfügbarkeit von reinem Dronabinol als verschreibungsfähiger Arznei ist das eigentlich überholt.“

Wie Günter Weiglein und die anderen Kläger in Köln haben etwa 270 Patienten derzeit eine Erlaubnis des BfArM, Cannabispflanzenteile in der Apotheke zu kaufen und sie zu verwenden. Auf der Palliativstation des Würzburger Juliusspitals werden etwa 500 Patienten im Jahr behandelt, davon zehn bis 20 mit dem Cannabiswirkstoff THC. Bei Schmerzpatienten rangiere das Mittel unter „ferner liefen“, sagt Chefarzt Rainer Schäfer. Tumorpatienten allerdings, die unter Übelkeit, Erbrechen und schlimmen Krämpfen leiden und denen sonst gar nichts mehr hilft, gewönnen manchmal durch THC-Präparate sehr deutlich an Appetit und Lebensfreude.

Das Problem: Für Dronabinol gebe es für seine Patienten keine zugelassene Indikation; die Krankenkassen bezahlen die Arznei nicht, so der Palliativmediziner. Cannabisprodukte würden wohl hierzulande eher als Einstiegsdrogen, denn als Medikament wahrgenommen. Der Arzt findet das zu eng gedacht und wünscht sich eine Entkriminalisierung von Cannabis.

Aus der Seele spricht er damit Bernd Werse vom Drogen-Forschungsbüro der Goethe-Universität in Frankfurt. Der Erziehungswissenschaftler fordert eine neue Politik. Zusammen mit Forschern und Organisationen veröffentlichte er den alternativen Drogenbericht. „Das Strafrecht ist nicht geeignet, um Gesundheitspolitik zu betreiben“, so Werse. Das Kölner Urteil sieht er als positives Signal, selbst wenn es zunächst nur wenige Menschen betrifft. Der Würzburger Weiglein und seine Mitkläger warten nun auf die neue Entscheidung des BfArM.

-> Franken Seite 7

Cannabis als Arznei

Das einzige Medikament auf Cannabisbasis ist das 2011 in Deutschland zugelassene Sativex mit dem Hauptwirkstoff Dronabinol (nach der chemischen Formel auch THC genannt) für Patienten mit Multipler Sklerose, die unter schweren Krämpfen und Lähmungen leiden. Unter bestimmten Voraussetzungen mit Erlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte können Kranke darüber hinaus Pflanzenteile bekommen. Bisher durfte bundesweit noch niemand Cannabis selbst anbauen. Hauptwirkstoffe von Cannabis sind THC und Cannabidiol. Sie sollen krampflösend und schmerzlindernd wirken und werden unter anderem auch bei Krebs und Aids eingesetzt. Die Justiz betrachtet Cannabis sehr unterschiedlich. In Deutschland sind Produkte daraus im Ganzen illegale Suchtmittel. In den Niederlanden darf im Prinzip jeder Erwachsene Marihuana in Coffeeshops kaufen und konsumieren. In Tschechien ist Cannabis seit 2013 legalisiert. In den US-Staaten Washington und Colorado dürfen über 21-Jährige ebenfalls Marihuana kaufen. Uruguay gestattete im Mai als erster Staat Anbau und Verkauf von Cannabis unter staatlicher Kontrolle.

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