WÜRZBURG

Grundschullehrer gesucht: Noch acht unbesetzte Stellen in Unterfranken

Die Regierung von Unterfranken sucht händeringend nach kurzfristig einsetzbaren Pädagogen. Der Staat stellt derweil immer mehr Pädagogen noch noch befristet an.

Dass gerade in Bayern Lehrer verzweifelt nach Stellen suchen, ist bekannt. Dass der bayerische Staat aber immer mal wieder verzweifelt Lehrer braucht und nicht findet, ist eher unbekannt. Tatsächlich sucht gerade jetzt die Regierung von Unterfranken händeringend nach kurzfristig einsetzbaren Pädagogen. „Wir müssen an unterfränkischen Grund– und Mittelschulen zum 23. Februar noch acht offene Stellen besetzen“, sagt Herbert Brenner, der zuständige Sachgebietsleiter bei der Regierung von Unterfranken. Die Stellenvakanzen entstünden überwiegend durch anstehende Pensionierungen. Insgesamt würden zum Halbjahresbeginn 23 Stellen etwa an Schulen in Schweinfurt, Aschaffenburg, Kitzingen und Miltenberg frei; 15 davon habe man bereits kurzfristig besetzt.

Die arbeitssuchende Schweinfurter Grundschullehrerin Michaela Jörgs (Name geändert) hat für die kurzfristig anberaumte Lehrersuche der Regierung nur ein bitteres Lachen übrig. „Die Sache hat System“, sagt sie. Seit Jahren besetze das Kultusministerium frei werdende Lehrerstellen immer seltener mit festen Kräften; statt Beamtenstellen würden immer öfter Angestelltenstellen geschaffen – befristete Stellen. „Seit Jahren mache ich den Lückenbüßer, wenn es brennt. Seit Jahren stellt mich die Regierung von Unterfranken im Februar ein und entlässt mich wieder Ende Juli. Das bedeutet, dass ich im Sommer kein Gehalt bekomme und nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld habe“, sagt Jörgs. Sie habe mittlerweile eine Menge Praxiserfahrung, habe von der ersten bis zur neunten Klasse jede Klassenstufe und von Mathe bis Religion fast jedes Fach unterrichtet und bei ihren Einsätzen von allen Schulrektoren immer gute Zeugnisse bekommen. Dennoch sei ihre Bitte nach einer Festanstellung vom Kultusministerium mit Blick auf ihre lang zurückliegende Staatsexamensnote stets abgewiesen worden.

Dass Michaela Jörgs nur eine unter Tausenden bayerischer Lehrkräfte ist, die von der Staatsregierung zugunsten des „schlanken Wirtschaftens“ ausgenutzt werden – davon ist der Gemündener Landtagsabgeordnete Günther Felbinger überzeugt. Denn dass die Staatsregierung ihre Lehrerbedarfe in den letzten Jahren zunehmend nach dem Prinzip des „Heuerns und Feuerns“ reguliert, kann der Freie-Wähler-Abgeordnete mit Zahlen belegen. Felbinger bezieht sich dabei auf eine Tabelle zur Anzahl der befristeten Arbeitsverträge von Lehrkräften des Freistaats Bayern von 2007 bis 2013, die das Kultusministerium letztes Jahr auf seine Anfrage hin erstellt hat. Aus der Tabelle geht klar hervor, dass die Zahl der befristet angestellten Lehrer bayernweit und schulartübergreifend von 4575 (im Jahr 2007) auf 6031 (im Jahr 2013) gestiegen ist. Auffällig dabei ist, dass unter den rund 6000 befristet angestellten Kräften fast 3000 sind, die kein zweites Staatsexamen gemacht haben. Michaela Jörgs, die zwar keine hervorragende Staatsexamensnote vorweisen kann, aber eben Referendariat und 2. Staatsexamen gemacht hat, spielt also unter den befristeten Kräften durchaus in der Oberliga – was ihr allerdings nicht hilft.

Jörgs sagt, sie denke darüber nach, sich jetzt in Hessen oder Baden-Württemberg zu bewerben; dort seien die Konditionen besser. „Dass die Regierung von Unterfranken nicht so schnell Leute findet, die bereit sind, von jetzt auf gleich ihre Übergangsjobs aufzugeben, sich neu in einer Schule einzuarbeiten, nur um dann wieder gefeuert zu werden, das wundert mich nicht“, sagt sie. Dass arbeitslose Junglehrer in angrenzende Bundesländer ziehen und dort auch gern genommen würden, bestätigt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Er hält es für „lächerlich“, wenn die Staatsregierung kurzfristig nach Ersatz für Lehrer suchen muss, die sich in den Ruhestand verabschieden. „Wann die gehen, kann man sich schließlich Jahre vorher ausrechnen“, sagt Wenzel.


Neuer Trend: Gymnasiallehrer für Grundschulen

Der Markt für Grundschullehrer ist derzeit in Bayern fast leer gefegt. Herbert Brenner von der Regierung von Unterfranken hat deshalb auch nicht erwartet, dass sich auf die derzeit offenen Grund- und Mittelschulstellen viele Grundschullehrer bewerben. Deshalb nimmt er arbeitssuchende Gymnasiallehrer als befristete Vertretungskräfte. „In der Praxis fügen sich die Gymnasiallehrer in unseren Schulen oft gut ein und mögen die Arbeit“, sagt Brenner. Leider könnten befristet angestellte Gymnasiallehrer, selbst wenn sie und die jeweiligen Schulleiter das wollten, nicht unbefristet an Grundschulen angestellt werden. Dies liege an der „schulartspezifischen Ausrichtung“ des Lehramtsstudiums in Bayern, so ein Sprecher des Kultusministeriums. Wollten die Gymnasiallehrer unbefristet an Mittelschulen arbeiten, müssten sie das erste und zweite Staatsexamen für Mittelschulen nachholen – und also noch mal an die Uni. Einzelne Studien- und Prüfungsleistungen könnten anerkannt werden. Wie der Sprecher bestätigt, prüft das Ministerium angesichts des Mangels an Grundschullehrern und des Überhangs von Gymnasiallehrern, ob das aktuelle Verfahren beibehalten wird oder auch andere „Wege der Anerkennung“ der Lehrämter möglich seien.

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