WÜRZBURG

Klage gegen die Diözese Würzburg

Opfer oder nur Zeuge? Bernhard Rasche, Jahrgang 1958, aus Bischofsheim in der Rhön. Mit 12 Jahren kam er ins Internat Lebenhan (Bad Neustadt/Saale), wo er eigenen Angaben zufolge von einem Präfekten sexuell missbraucht wurde. Rasche hat den Missbrauch 2008 angezeigt.
Foto: Hagen Wohlfahrt | Opfer oder nur Zeuge? Bernhard Rasche, Jahrgang 1958, aus Bischofsheim in der Rhön. Mit 12 Jahren kam er ins Internat Lebenhan (Bad Neustadt/Saale), wo er eigenen Angaben zufolge von einem Präfekten sexuell ...

Bernhard Rasche, nach eigenen Angaben Opfer sexuellen Missbrauchs in den 70er Jahren durch einen Pater im Internat Lebenhan (Lkr. Rhön-Grabfeld), hat über seine Würzburger Rechtsanwältin Barbara Rost-Haigis Klage gegen die Diözese Würzburg eingereicht: Damit geht ein lange schwelender Streit um Behauptungen der Kirche, Rasche sei nur Zeuge sexuellen Missbrauchs und kein Opfer, nun vor dem Amtsgericht Würzburg weiter.

Rasche gehörte 2008 zu den ersten Missbrauchsopfern, die ihren Fall beim Bistum Würzburg anzeigten und auch öffentlich machten. Im Verlauf der Aufklärungsversuche der katholischen Kirche wurde Rasche entgegen seiner ersten schriftlichen und mündlichen Angaben gegenüber Kirchenvertretern immer wieder nur als Zeuge sexuellen Missbrauchs benannt, nicht aber als eigentliches Opfer.

Pater des Amtes enthoben

Dabei hatte Bernhard Rasche in einer dem Gericht vorliegenden Mail vom 27. August 2008 geschrieben: „In einer der ersten Nächte in Lebenhan kroch seine Hand unter meine Bettdecke, als er mein Geschlecht berührte, schlug ich ihm auf die Hand und er zog sich zurück. Mein Nachbar, mit dem ich Kopf an Kopf lag, konnte sich nicht wehren . . .“ Der beschuldigte Pater hat nach dieser Anzeige gestanden, 16 Schüler über Jahre missbraucht zu haben. Er wurde des Amtes enthoben, durfte aber unter Auflagen im Orden bleiben.

„In Deutschland ist allein der Versuch eines Erwachsenen, aus Befriedigung der eigenen Lust das Geschlechtsteil eines Kindes zu berühren sexueller Missbrauch – und damit strafbar“, erklärten Vertreterinnen von Wildwasser, einer Initiative gegen sexuelle Gewalt, gegenüber dieser Zeitung.

Diözese definiert Opfer anders

Auf einen Gastbeitrag von Bernhard Rasche in dieser Zeitung im Januar 2013 zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche reagierte die Diözese Würzburg empfindlich. Die darauf folgenden öffentlichen Äußerungen der Diözese brachten für den unter dem Missbrauch seit Jahrzehnten leidenden Rasche das Fass zum Überlaufen.

So erklärte der Pressesprecher der Diözese, Bernhard Schweßinger in dem in dieser Zeitung erschienenen Artikel „Wann ist ein Opfer ein Opfer“ vom 25. Januar 2013: „Einen solchen Gastbeitrag sollte besser jemand schreiben, der tatsächlich missbraucht wurde, nicht jemand, der Zeuge war.“ Der Opferbegriff, so Schweßinger damals, würde zunächst die direkt betroffenen Opfer sexuellen Missbrauchs bezeichnen.

Bernhard Rasche erklärte nun auf Anfrage dieser Zeitung, dass ihm nach monatelangem vergeblichen Bemühen um eine Rücknahme der Äußerungen jetzt nur noch der Klageweg geblieben sei. Rasche will eine schriftliche Erklärung der Kirchenvertreter erstreiten, in der sie ihre Behauptungen widerrufen und sich entschuldigen.

Kirche bot Mediation an

Auslöser für die Entscheidung, Klage einzureichen, war ein Schreiben der Diözese an Rasches Anwältin am 23. Dezember 2013, in der die Kirche „zur Kenntnis nimmt, dass sich Ihr Mandant nach seiner Einschätzung nicht (mehr) lediglich als Zeuge sexuellen Missbrauchs sieht, sondern vielmehr als Opfer eines solchen Missbrauchs.“ Man bot Rasche zudem eine Mediation an. Rasche ist immer noch fassungslos ob dieser Antwort.

„Hier wird wieder versucht, ein psychisches Problem meinerseits zu konstruieren, auf die Fakten geht man weiterhin nicht ein. Es ist nicht Sache der Diözese zu klären, ob ich mich als Opfer fühle, es ist aber sehr wohl Sache der Diözese mich als Opfer anzuerkennen, und nicht öffentlich – und was ist öffentlichkeitswirksamer als eine Tageszeitung – Gegenteiliges zu behaupten!“ Rasches Anwältin hat auf diesen letzten Brief der Diözese nicht mehr geantwortet.

Nun teilt die Diözese auf schriftliche Fragen dieser Zeitung nach den Gründen für das Verweigern einer Entschuldigung und Rücknahme der Behauptungen mit: „Der rechtliche Vertreter der Diözese Würzburg hat sich gegenüber Rechtsanwältin Rost-Haigis, die Herrn Rasche vertritt, schriftlich geäußert. Auf dieses Schreiben hat Rechtsanwältin Rost-Haigis gegenüber der Diözese bisher nicht reagiert.“

Auf die Beweggründe der Kirchenvertreter, warum sie es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen, geht Pressesprecher Bernhard Schweßinger nicht ein.

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Melanie Jäger
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