WÜRZBURG

Kommt doch noch Licht in den Fall Simone Strobel?

Mysteriöser Tod: Bisher schweigt der Freund von Simone Strobel über ihre letzten Stunden auf einem Campingplatz in Australien. Nun sieht er seinen Ruf durch ein Buch über Simones Tod geschädigt und bemüht die Justiz. Aber als Kläger müsste er sein Schweigen brechen und endlich erklären, was damals passiert ist.
Simone Strobel: Ihr Tod in Australien vor zehn Jahren ist ungeklärt. Ermittler fragen sich: Was weiß ihr damaliger Freund?
Foto: MP | Simone Strobel: Ihr Tod in Australien vor zehn Jahren ist ungeklärt. Ermittler fragen sich: Was weiß ihr damaliger Freund?

Nun sieht er seinen Ruf durch ein Buch über Simones Tod geschädigt und bemüht die Justiz. Aber als Kläger müsste er sein Schweigen brechen und endlich erklären, was damals passiert ist. Seit zehn Jahren lebt Tobias M. unter einem furchtbaren Verdacht: Hat der einstige Sportstudent und Surfer aus dem Landkreis Main-Spessart in einer dunklen Februarnacht 2005 seine Freundin Simone Strobel getötet? Ermittler in Würzburg und Australien haben Indizien gesammelt, die für diese These sprechen. Tobias sagt, er sei unschuldig – sonst nichts. Er erklärt weder, was in jener Nacht auf dem Campingplatz in Lismore aus seiner Sicht geschehen ist, noch, warum er der Polizei zunächst (inzwischen widerlegte) Unwahrheiten auftischte.

So plausibel eine Reihe von Indizien den Verdacht gegen Tobias, seine Schwester Katrin und den dritten Mitreisenden namens Jens erscheinen lassen und so merkwürdig Tobias' Verhalten erscheinen mag: Die Beweise reichten bisher nicht, um ihn zu überführen oder seine Unschuld festzustellen.

Angeblich rannte Simone in der Nacht des 12. Februar 2005 in Lismore, der Stadt, in der sie gerade angekommen waren, nach einem Streit (ohne Schuhe und Papiere) nach draußen – und kam nicht wieder.

Ihr Freund und die beiden anderen Reisebegleiter zahlten am nächsten Morgen, als wollten sie allein weiterreisen. Sie packten zusammen – und meldeten erst dann Simone in aller Ruhe als vermisst. Ob und wie intensiv sie in der Nacht nach der 25-Jährigen gesucht hatten, ist unklar.

Die drei machten bei der Polizei zunächst spärliche Angaben, dann widersprüchliche, dann gar keine mehr – was sie verdächtig machte. Fünf Tage später, am 18. Februar, wurde Simones Leiche gefunden: Erstickt, auf ein nur neunzig Meter entferntes Sportgelände geschafft, unter Palmzweigen versteckt, die man rasch von einem nahen Baum gerupft hatte.

Tobias hiesiger Anwalt Peter Auffermann rügt heute die zu Beginn lückenhafte Ermittlung in Australien, die viele Fragen offen lasse. Er betont: Es sei gutes Recht seines Mandanten, zu schweigen. Andererseits fragen sich die Mordermittler gerade bei Simones Freund: Welches Motiv hat er, nichts über die Ereignisse jener Nacht zu erzählen– wenn er unschuldig ist an ihrem Tod?

In den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Würzburg werden die drei bis heute als Verdächtige geführt. Mit der Ungewissheit quälen sich seit zehn Jahren Simones Eltern Gabi und Gustl Strobel in Rieden (Lkr. Würzburg). Die Erinnerung an ihre getötete Tochter „ist wie eine Wunde, die sich nicht schließt“, beschrieben sie einmal ihren Zustand. Tobias war ja wie ein Sohn in ihrem Haus ein- und ausgegangen. Sie verteidigten ihn lange gegen Ermittler und Reporter – ehe sie zwei Jahre nach Simones Tod Fakten aus der Anhörung in Australien erfuhren, die sie zum Umdenken veranlassten. Seitdem warten sie darauf, dass Tobias Erklärungen liefert und die Ungewissheit für sie beendet. Sie haben sogar selbst versucht, ihn und die Mitreisenden zum Reden zu bringen – bekamen aber auch keine Antwort.

Tobias weigerte sich, nach Australien zurückzukehren, als die Justiz ihn 2007 für eine gerichtliche Anhörung als Zeugen brauchte, um den Fall zu untersuchen. Er blieb lieber in Südafrika als dort oder in seiner Heimat. Die hatte er bald nach Simones Beerdigung verlassen, nachdem sein Name und sein Gesicht unweigerlich mit dem mysteriösen Tod in Verbindung gebracht wurde. Als ihn ein Reporter in Südafrika beim Surfen in Wilderness auftrieb und fragte, warum er der Anhörung fernbleibe, sagte er: „Was würde das ändern?“ Es sei ein zu schöner Tag, um an so etwas Trauriges wie Simones Tod zu denken.

Er änderte seinen Namen: Aus Tobias S. wurde Toby M. Denn heute ist er – der nie nach Australien zurückkehren wollte – mit einer Australierin verheiratet, hat ihren Namen angenommen. Der angesehenen Familie seiner Frau ist ihr Ruf offenkundig wichtig: Kaum war im vorigen Jahr das Buch „Haben Sie Simone gesehen?“ von Virginia Peters erschienen, ging Tobias juristisch dagegen vor. Er behauptet, das Buch sei rufschädigend für ihn.

Bestritten wurde sogar, was auf der Hand lag: Dass Tobias 2012 für die Hochzeit im heimatlichen Unterfranken beim Dealer seines Vertrauens Drogen für die Gäste bestellt hatte – und am Bahnhof Schweinfurt festgenommen wurde. Er kassierte eine Haftstrafe zur Bewährung wegen Drogenhandels. Das ist kein unwichtiger Begleitumstand angesichts der Tatsache, dass er (und Simone) auch in der Nacht ihres Verschwindens heftig getrunken und Marihuana geraucht hatten – obwohl Tobias dies bei den Ermittlungen zunächst nicht zugab.

Bisher verlaufen seine juristischen Bemühungen wenig erfolgreich. In einer Vorprüfung der Klage lehnte Richter Kenneth Martin am West Australian Supreme Court eine Eilentscheidung gegen Buch und Autorin ab: Die Fakten erlauben, Tobias als Hauptverdächtigen zu bezeichnen, zitieren Prozessbeobachter seine Entscheidung.

Spannend wird, wenn Tobias und die Familie seiner Frau es am Ende auf einen Prozess ankommen lassen. Laut der Entscheidung des Gerichts im Vorverfahren – die der Redaktion unter Aktenzeichen WASC 35 vorliegt – könnte Tobias eine hohe sechsstellige Summe zugesprochen werden, wenn er Recht bekommt. Aber als Kläger müsste er persönlich erscheinen – was er bisher vermied. Mehr noch, er müsste darlegen, was seiner Auffassung nach falsch ist an dem, was Ermittler an Indizien sammelten, diese Zeitung veröffentlichte und Autorin Peters (nach einem Interview mit Tobias sowie Interviews mit allen Beteiligten einschließlich Simones Eltern) in ihr Buch schrieb.

Bricht Tobias sein Schweigen? Simones Eltern sind ebenso gespannt wie der Würzburger Ermittler Hans-Jürgen Kämmer, der mit Kollegen Tausende von Stunden in dem Fall nachgeforscht hat, in Australien, England, Japan und Unterfranken. Die Ermittler glauben, dass beim Transport der Leiche über den Zaun auf das Sportgelände zwei Personen zusammengearbeitet haben. Simones „Tötung war eine Beziehungstat, bei der es eine enge Verbindung zwischen Täter und Opfer gab“, sagt der 38-seitige Bericht der australischen Profiler, der unserer Redaktion vorliegt. „Solche Taten geschehen oft, wenn emotionale Konflikte eskalieren.“

Tagebücher von Simone und Tobias bezeugen einen Streit, der eskaliert sein könnte – ihm aber so unangenehm war, dass er ihn der Polizei verschwieg. Er soll auch die Begleiter angewiesen haben, zu schweigen. Das erzählte der dritte Begleiter, Jens in der gerichtlichen Anhörung 2007, in der er als einziger der drei Rede und Antwort stand.

Die Profiler wiesen darauf hin, dass der Täter keine Möglichkeit hatte, den Leichnam weit weg zu schaffen und in der Wildnis zu vergraben, wo sie vielleicht nie gefunden worden wäre. Sie halten es für wahrscheinlich, dass Tobias für den Tod von Simone verantwortlich ist. Für eine Verhaftung reichte das aber nicht. Tobias ist auf freiem Fuß, er sagte stets: „Ich bin unschuldig.“

Seine Familie erklärt dem Reporter auf Anfrage: „Er spricht nicht mit Ihnen!“ Dafür drohte seine Schwester bei weiteren Anrufen mit einem Anwalt. Jens will den Fall nur noch vergessen. Wer ihn mit vollem Namen nennt, muss mit Post einer renommierten Kanzlei rechnen.

„Alle drei wissen mehr, als sie sagen“, betont ein Kripo-Mann. „Und sie müssen sich fragen lassen, warum sie in wichtigen Punkten falsche Angaben gemacht haben.“ Simones Vater Gustl ist fassungslos „Es ist schwer zu verkraften: Drei Leute wissen, wie Simone gestorben ist – und helfen uns nicht weiter“, zürnt er. Den Strobels geht es nicht um Bestrafung. „Das macht Simone nicht wieder lebendig. Aber wir wollen wissen, was war – damit wir endlich einen Schlussstrich ziehen können.“ Er hat alle drei aufgesucht und an sie appelliert, ihr Schweigen zu brechen – ohne Erfolg. Katrin schrie ihn an: „Nicht einmal unter der Folter“ werde sie über den Fall reden. Dann rannte sie weg.

Wenn von ihrer getöteten Tochter die Rede ist, ringen Gabi und Gustl Strobl noch immer um Fassung. Was ihnen Kraft gibt: Freunde und wildfremde Menschen wünschten ihnen Kraft und Beharrungsvermögen. „Es freut uns, das Simone nicht vergessen ist“, sagt ihr Vater. „Wir fühlen uns nicht allein gelassen“ – auch nicht von den Ermittlern, die den Fall keineswegs zu den Akten gelegt haben. Ein Haar und andere DNA-Spuren am Tatort weisen zwar in Richtung der Verdächtigen, lassen aber keine unzweideutige Antwort zu – noch nicht. Die Ermittler hoffen auf Fortschritte in der Kriminaltechnik, dass sich einer der drei Verdächtigen besinnt und doch redet – oder dass Tobias mit seiner Aussage vor Gericht in Australien jetzt Klarheit schafft.

Tatort: Nur einen Steinwurf entfernt vom Campingplatz wurde Simones Leiche gefunden.
Foto: Lismore Northern Star | Tatort: Nur einen Steinwurf entfernt vom Campingplatz wurde Simones Leiche gefunden.
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