Mitfühlender Liberalismus ein unglaubwürdiges Produkt

Die FDP als politische Marke betrachtet: Betriebswirt Andreas Herteux aus Karbach (Lkr. Main-Spessart) hat eine Diplomarbeit über die „Marke FDP“ geschrieben, daraus wurde ein Buch. Darin weissagte Herteux, dass die FDP nicht in den Bundestag kommen werde. Im Januar veröffentlichte diese Zeitung seine Analyse von Aufstieg und Niedergang der Liberalen, ein Jahr nach den Wahlen im Freistaat und im Bund fragten wir ihn erneut nach seiner Einschätzung.

Die Hoffnungen der FDP auf schnelle Überwindung der Krise sind zerstoben. Sind Christian Lindner und Wolfgang Kubicki die richtigen Leute an der Spitze?

Herteux: „Spitze“ impliziert eine Form der Führung. Tatsächlich wurden die jüngsten Landtagswahlkämpfe, in der Summe, unter der Prämisse der deutlichen Abgrenzung von eben jener Parteiführung geführt, während sich gleichzeitig in Hamburg ein Teil der Mitglieder von der FDP abgespalten und eine neue liberale Bewegung gegründet haben, die sich bislang „Neue Liberale“ nennen.

Welche Ausrichtung empfehlen Sie der FDP?

Herteux: Aus Sicht einer optimierten Markenführung wäre es bereits vor Jahren sinnvoll gewesen, die FDP auf drei Säulen des Liberalismus zu stellen, die Säulen Wirtschaftsliberalismus, Sozialliberalismus und Nationalliberalismus. Diese gilt es zu definieren, man muss die Begrifflichkeiten modernisieren und anschließend die Säulen personifizieren. Bricht eine Säule weg, bleiben noch zwei als Stützen. Der FDP fehlt es jedoch am Willen zur Erneuerung und Rückbesinnung.

Ist ein 'mitfühlender Liberalismus' gefordert, wie ihn FDP-Chef Lindner propagiert, oder klare Kante gegen eine „Sozialdemokratisierung der Politik“ und „den gierigen Staat“, wie er in einem offenen Brief der liberalen Mittelstandsvereinigung zum Ausdruck kommt?

Herteux: Der Wirtschaftsliberalismus sollte wichtiger Teil einer liberalen Partei sein, darf sie aber nicht dominieren. Sozialliberalismus ist letztendlich der Kampf für Bürgerrechte und Demokratie. Die Rechte des Menschen brauchen aber kein Gefühl, sondern nur deren Durchsetzung. Es geht schließlich nicht um Almosen, sondern um die Rechte eines freien, selbstbestimmten Individuums. Aus Sicht der politischen Markenführung ist „mitfühlender Liberalismus“ ein klares Signal, dass die FDP künftig mit SPD & Co. konkurrieren will. Warum man sich auf einen vollkommen überlaufenen Markt mit einem unglaubwürdigen Produkt positionieren will, lässt sich kaum nachvollziehen.

Die FDP könnte auch auf die nationale Karte setzen und versuchen, der AfD Wähler abzujagen?

Herteux: Die AfD bewegt sich, soweit man das im Moment sagen kann, bislang im Nationalkonservatismus. Darin stecken oft Elemente, die weniger auf die Freiheit des Einzelnen als auf ein bestimmtes Lebensmodell setzen. Der Nationalliberalismus oder „liberale Patriotismus“, wie ich ihn definiert habe, hat hingegen die individuelle Freiheit der Person und das staatliche Wirken nach außen im Blickfeld. In diesem Rahmen gibt es mehr als genug Themen, man denke nur an den NSA-Skandal, an die Staatsschulden oder an die Entwicklung Europas.

Anfang des Jahres haben Sie den Willen zur Öffnung und Demokratisierung der FDP angemahnt. Sehen Sie Bestrebungen?

Herteux: Eine sinnvolle inhaltliche Diskussion über die Ausrichtung der Partei ist meines Erachtens nicht erfolgt. Wen aber will man ohne Inhalt ansprechen? Jetzt rebelliert ein Teil der Anhänger, und Wähler wandern in Scharen ab. Man hat sich geöffnet. Nur strömen die Menschen hinaus, nicht hinein.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Sehen Sie eine Chance für die Liberalen oder sind die bis zur nächsten Bundestagswahl vergessen?

Herteux: Das grundsätzliche Potenzial einer klassisch-liberalen Partei liegt immer noch bei 20 bis 25 Prozent. Der Bedarf des Marktes ist damit gegeben. Der harte Kern der treuen FDP-Wähler war dagegen nie größer als drei bis vier Prozent. Der Rest musste kurzfristig überzeugt werden. Ob die FDP die Marken-Umkehr noch schaffen kann, ist fraglich, wenn auch nicht unmöglich. Letztendlich wird es auch eine Frage der finanziellen Mittel, und die werden mit jeder verlorenen Wahl weniger und weniger. Der Bedarf an liberalen Antworten steigt dagegen mit jedem Tag. Von wem sie kommen werden, interessiert am Ende niemanden.

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