SCHWARZACH/MAIN

Theologe fordert Ende des Zwangszölibats

Wunibald Müller       -  Wunibald Müller leitet das Recollectio-Haus in Schwarzach am Main. Dort werden Priester und Pastoralreferenten in psychischen Notlagen betreut.
Foto: MP | Wunibald Müller leitet das Recollectio-Haus in Schwarzach am Main. Dort werden Priester und Pastoralreferenten in psychischen Notlagen betreut.
Auch Priester haben sexuelle Gefühle, suchen die Nähe eines anderen Menschen. Für den katholischen Theologen und Psychologen Wunibald Müller steht daher fest: Der Zwangszölibat muss fallen.

„Man sollte für den Priester zwei Lebensformen ermöglichen“, sagte der Leiter des Recollectio-Hausesin Schwarzach am Main (Kreis Kitzingen) in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.
Wer ehelos leben will, soll dies tun. „Derjenige, der zölibatär lebt, soll nicht als ein Hagestolz verstanden werden, als ein Sonderling. Ich kenne eine ganze Reihe von Priestern, denen ist der Zölibat auf den Leib geschnitten“, sagte der psychologische Psychotherapeut.

Andere wiederum sehnten sich nach Zuneigung, nach einem Sexualpartner. „Es sollte den Priester geben, der verheiratet ist, Kinder hat. Der kann sein Priestersein als Verheirateter viel mehr zum Ausdruck bringen als einer, der zum Zölibat verpflichtet wird, aber letztlich gar nicht dahinter steht und sich ein Leben lang damit abmüht“, betonte Müller.

Der Psychologe betreut in dem vor 20 Jahren gegründeten Haus Priester und hauptamtliche Mitarbeiter der katholischen Kirche wie Pastoralreferenten, die sich in einer seelischen Notlage befinden. Die im deutschsprachigen Raum einzigartige Einrichtung wird von acht Diözesen betrieben.

Die Mitarbeiter der Einrichtung im Landkreis Kitzingen kümmern sich um rund 1200 Männer und Frauen, viele davon leiden unter dem sogenannten Burnout-Syndrom.

Nach Müllers Einschätzung ist die Gesprächskultur in der katholischen Kirche offener geworden. „Sexualität, Zölibat und Homosexualität waren immer schon Themen, auch vor 15 Jahren. Sie sind jetzt noch stärker in den Vordergrund getreten, und die Bereitschaft, noch offener darüber zu sprechen, ist sicher größer geworden.“

Viele Kleriker, die nach Schwarzach kämen, wollten über ihre Sexualität sprechen. „Auch Priester sind sexuelle Wesen“, sagte Müller. „Verantwortlich mit seiner Sexualität umgehen können heißt für mich: Jemand muss erst einmal in Berührung kommen mit seiner Sexualität.“

Auch Priester müssten - trotzt Zölibatszwang - herausfinden, ob sie homo- oder heterosexuell seien. „Homosexuelle Gefühle sind zunächst einmal genauso gut wie heterosexuelle Gefühle. Jemand, der so tut, als hätte er diese Gefühle nicht, tut so, als habe er kein Herz.“

Neben der eigenen Sexualität wird Müller zufolge in der Einrichtung derzeit oft der Missbrauchsskandal in der Kirche thematisiert. Wie Müller erklärte, macht der sexuelle Missbrauch von Kindern durch einen Mitbruder den anderen, unschuldigen Geistlichen schwer zu schaffen. „Das mag auch dazu führen, dass das Angebot, jetzt Priester zu werden, von noch weniger Männern in Anspruch genommen wird.
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