Wer hier lebt, gehört dazu

Gastarbeiter“ ist ein seltsames Wort. Die Gastfreundschaft ist heilig in Islam und Judentum, im Katholizismus ist sie die Summe der Sieben Werke der Barmherzigkeit. Gäste aber waren die Gastarbeiter in Deutschland nie. Sie waren nur Arbeiter. Beim Würzburger Kongress zum 50. Jahr der türkischen Arbeitsmigration in die Bundesrepublik berichtete Eugen Hain, der Vorsitzende der Arbeitsagentur Würzburg, wie deutsche Unternehmen während des Wirtschaftswunders „händeringend“ nach Arbeitskräften suchten, für körperlich schwere Tätigkeiten, im Straßen- und Bergbau, in Gießereien und in der Produktion. Sie suchten keine Intellektuellen oder weltgewandte Sprachbegabte, sondern Leute mit niedrigen Bildungsabschlüssen, die zupacken können. 1955 unterzeichneten Deutschland und Italien das erste Anwerbeabkommen, sieben mit weiteren Staaten folgten bis 1968.

Die „Gastarbeiter“ bekamen befristete Verträge. Kaum einer dachte daran zu bleiben.

Etwa vier Millionen Männer und Frauen aus den Anwerbeländern vertrauten in den 1950er und 60er Jahren darauf, dass ihnen die Deutschen nichts antun, trotz Weltkriegen und Holocaust. Aber die Deutschen misstrauten den Fremden. Bis heute ist der Drang zum Vorurteil dort am größten, wo das Wissen klein ist. Im Osten Deutschlands, mit einem verschwindend niedrigen Anteil Nicht-Deutscher, ist die Fremdenfeindlichkeit am größten.

Dabei waren und sind Ausländer nur anders, nicht gefährlich: Sie leben und lieben so gerne wie die Einheimischen, vielleicht mit ein bisschen mehr Spaß. Und sie zeigen, dass Fleiß nicht alleine eine deutsche Tugend ist.

Wenn all die angeworbenen Italiener, Türken, Jugoslawen, Griechen Spanier, Portugiesen, Marokkaner und Tunesier Gastarbeiter waren, dann war die Bundesrepublik eine schlechte Gastgeberin. Sie ließ ihre Gäste in Sachen Integration allein. Die Deutschen wollten die Neuen nur als Arbeiter haben, nicht als Bürger, Freunde und Nachbarn. Die Kirchen machten zwar christlichen Migranten Angebote und die Arbeiterwohlfahrt türkischen, aber alles blieb Stückwerk.

„Wir wollten Arbeitskräfte, gekommen sind Menschen“, bemerkte Max Frisch 1965. Hunderttausenden wurde die alte Heimat fremd, sie wählten in Deutschland eine neue. Das war wieder ein Zeichen des Vertrauens. Aber Deutschland erwies sich als dessen nicht würdig.

In der langen Ära des Bundeskanzlers Helmut Kohl erkannte Deutschland nicht an, was es längst war: ein Einwanderungsland. Konservative konstruierten die Idee von einer deutschen Leitkultur; die ist nichts weiter als ein Grenzwall in den Köpfen. Als wäre eine Kultur statisch oder ein Koordinatensystem mit einem Nullpunkt, von dem aus sie zu beschreiben wäre. Schwarz-Gelb ignorierte unter Kohl, dass die Einwanderer die Kultur dieses Landes längst verändert haben. Sie haben Deutschland weltoffener, freundlicher und auch ein bisschen mediterraner gemacht.

Deutschland, die Mitte Europas, war immer ein Ziel von Einwanderern gewesen. Aber nie in ihrer langen Geschichte haben die Deutschen eine Einwanderung so verbockt wie diese nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dramatischen Folgen. Weil in keinem anderen Industriestaat die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen entscheidet wie in Deutschland, haben die Kinder schlecht gebildeter Eltern schlechte Chancen. Schlechte Bildung bedeutet schlechtes Einkommen, Wohnen in heruntergekommenen Vierteln, wenig Anreize, wenig Perspektiven – den halb erzwungenen, halb gesuchten Rückzug in die soziale und kulturelle Isolation. Besserung brachte erst das rot-grüne Zuwanderungsgesetz im Jahr 2005 und staatliche Integrationshilfen.

Umso erstaunlicher, und ein deutlicher Hinweis auf den Integrationswillen der großen Mehrzahl der Migranten der zweiten und dritten Generation, ist der stetig wachsende Anteil der besser und gut Gebildeten unter ihnen. Maria Böhmer, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, berichtete im vergangenen Jahr, junge Migranten hätten ihr Bildungsniveau seit 2005 erhöht und ihren Abstand zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund verringert.

Das Wort „Ausländer“ ist ein abweisendes Wort für Menschen, die viele Jahre in Deutschland leben. Aber natürlich ist eine junge Frau mit türkischem Pass, als Nachfahrin eines türkischen Gastarbeiters in Deutschland geboren, eine Inländerin. Wer hier lebt, gehört dazu, egal, welchen Pass er hat. Wer das nicht akzeptiert, handelt gefährlich. Denn jetzt, wo die Alten immer mehr und die Jungen immer weniger werden und schon mehrere Hunderttausend Facharbeiter fehlen, braucht Deutschland eine neue, gelungene Einwanderung. Wenn es aus seinen Fehlern nicht lernt, schafft es sich ab.

Zuwanderung von Gastarbeitern

Arbeitsmigranten aus acht Staaten

Vor 50 Jahren kamen die ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei in die Bundesrepublik Deutschland. Grundlage war ein Anwerbeabkommen zwischen den beiden Staaten. Die Initiative dazu ging von der Türkei aus, kam der Bundesrepublik aber zupass: Das Land boomte, Arbeitskräfte fehlten. Deutschland schloss sieben weitere Anwerbeabkommen: Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968).

Anwerbestopp

Ende der 1960er Jahre herrschte in der Bundesrepublik Rezession. Der Wiederaufbau war geschafft, die Arbeitslosigkeit stieg. 1973 erreichte die Krise mit dem Lieferstopp der Erdöl exportierenden Länder ihren Höhepunkt. Im selben Jahr beschloss der Deutsche Bundestag einen Anwerbestopp für Menschen aus Nicht-EG-Ländern. Der gilt bis heute, unterbrochen nur von 2000 bis 2004, als Deutschland wegen Mangel an Spezialisten in der Informationstechnologie sogenannte Green Cards ausgab.

Migration in Deutschland

Im Zeitraum der Anwerbeabkommen gab es eine Nettozuwanderung von fast vier Millionen Menschen nach Deutschland, unter ihnen etwa 750 000 Türken. In ihrem Bericht über die „Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland“ veröffentlichte die Bundesregierung im vergangenen Jahr die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Insgesamt 15,6 Millionen seien es 2008 gewesen, fast ein Fünftel der Bevölkerung. 8,3 Millionen von ihnen seien Deutsche.

Integriert: Mädchen mit Kopftuch vor einer türkischen und einer deutschen Fahne.
Foto: dpa | Integriert: Mädchen mit Kopftuch vor einer türkischen und einer deutschen Fahne.
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