FLADUNGEN

Wo der grüne Flokati wächst

Künstlich geschaffene Idylle: Der Stauteich am Roten Moor ist Teil der Renaturierungsmaßnahme nach dem Torfabbau.
Foto: Christine Jeske | Künstlich geschaffene Idylle: Der Stauteich am Roten Moor ist Teil der Renaturierungsmaßnahme nach dem Torfabbau.

Moor, das klingt nach gespensterhaften Nebelschwaden, nach unheimlichem Glucksen, nach Bedrohung und Gefahr. Wer kennt wohl nicht die Ballade vom Knaben im Moor? „Schaurig ist's, übers Moor zu gehen“, beginnt Annette von Droste-Hülshoff die erste Strophe. Wie unschaurig kann es sein, in der Rhön übers Rote und Schwarze Moor zu spazieren – wenn die Sonne lacht.

„Früher konnte man an den Namen der Moore auch die Farbe der jeweiligen Landesregierung ablesen.“ Ökologin Julia Djabalameli schmunzelt. Zumindest das Rot beim Roten Moor ist schon länger kein Hinweis mehr, wer in Hessen das Sagen hat. Das gut eine halbe Autostunde entfernte Schwarze Moor im bayerischen Teil des Biosphärenreservats Rhön schon eher. Umgetauft werden die beiden rund 12 000 Jahre alten Moore jedoch nicht, wenn politische Mehrheiten sich ändern.

Immer freitags fährt Julia Djabalameli von ihrem über 160 Jahre alten Spiegelshof in Melperts bei Ehrenberg Richtung Süden zum Parkplatz Moordorf. Wie viele Menschen dort auf sie warten und mit ihr eine Kurzwanderung durchs Rote Moor unternehmen, weiß die Biolandwirtin mit iranischen Wurzeln nicht. Eine Anmeldung ist nicht nötig. An diesem sonnigen Vormittag machen sich ein Ehepaar aus Mainz, zwei Schweinfurterinnen und eine Würzburgerin mit ihr auf den Weg.

Am Beginn des Moorlehrpfads spiegelt sich in der Oberfläche des Stauteichs der stahlblaue Himmel, am Ufer strahlen die violetten Wald-Weidenröschen, als hätte die Natur den Lichtschalter angeknipst. Es ist eine unwirkliche Postkarten-Idylle, die aufgrund von Rettungsmaßnahmen entstand. Denn die Moorlandschaft wurde durch Entwässerung und Torfabbau beinahe zerstört. Der Stauteich ist Teil der Renaturierung.

Das Rote Moor liegt im gleichnamigen Naturschutzgebiet, in einer der Kernzonen des Biosphärenreservats Rhön, erläutert Julia Djabalameli. Besucher dürfen dort nur laufen, schauen, staunen, nicht etwa Heidelbeeren pflücken oder den Bohlensteg verlassen, der sich durch einen lichten Wald voller Karpatenbirken schlängelt. Mal sehen die Birken wie dünne Halme aus, mal wachsen sie knorrig in die Höhe. Sonnenstrahlen zaubern bizarre Lichtreflexe auf die schwarz-weißen Stämme und verwandeln am Boden die kleinen blaugrüngrauen Blätter der Rauschbeerenbüsche in einen silbrig glitzernden Teppich. Auch der „grüne Flokati“ gehört zum Moor, sagt Julia Djabalameli und zeigt auf die welligen Hügel des Torfmooses.

Immer wieder stoppt die Gästeführerin ihre Gruppe vor den Schautafeln, erzählt, wie das Moor entstanden ist, welche Tiere dort leben oder wie der Torfabbau beinahe das Rote Moor zerstört hätte. Am Ende des Wegs öffnet sich der Wald wie ein Schaufenster und gibt den Blick frei auf den Heidelstein, auf das, was vom Hochmoor übriggeblieben ist und auf die Fläche, die einst abgetorft wurde: das Leegmoor. Im Lauf von 175 Jahren wurden schätzungsweise 700 000 Kubikmeter Torf abgebaut. Da ein Moor im Jahr ein bis zwei Millimeter wächst, dauert es Jahrtausende, bis das Rote Moor seine ursprüngliche Höhe wieder erreicht. Vom Aussichtsturm aus erkennt man das Ausmaß des Torfabbaus.

Weitgehend vom Torfabbau verschont geblieben ist das Schwarze Moor nahe des Dreiländerecks, wo Thüringen, Hessen und Bayern aneinanderstoßen. Auch dort führt ein Bohlensteg 2,2 Kilometer durchs Gelände, vorbei an Nieder-, Hoch- und Hangmoorflächen, Mooraugen, verkrüppelten Moorkiefern – und 23 Informationstafeln. Das Schwarze Moor erfüllt die gängige Vorstellung von einer Landschaft, in der man vom Erdboden verschluckt werden könnte – wie 1935 ein Wehrmachtsoldat. Erst 20 Jahre später wurde seine Moorleiche gefunden.

Der steinere Torbogen am Eingang des Schwarzen Moores ist ein beliebtes Fotomotiv. Er gehört nicht zu einer mittelalterlichen Burg, sondern war der Zugang ins Reichsarbeitslager der Nazi-Zeit. Ziel war der Bau der Hochrhönstraße. Dabei sollte auch das Schwarze Moor ausgetrocknet werden. Dieser Plan wurde bald wieder aufgegeben. Die Rhön wusste sich dank ihres rauen Klimas zu wehren und bewahrte die wilde Schönheit des Schwarzen Moores vor dem Untergang. Bereits 1939 wurde es unter Naturschutz gestellt.

Rotes und Schwarzes Moor

In der Hessischen Rhön liegt das Rote Moor direkt an der Bundesstraße 278 zwischen Bischofsheim (Bayern) und Ehrenberg. Bis Ende Oktober führt jeden Freitag von 10 bis 12 Uhr Uhr Julia Djabalameli durch das einzige und größte Hochmoor Hessens. Treffpunkt ist der Parkplatz Moordorf am Haus am Roten Moor. Die rund drei Kilometer lange Stecke (1,2 Kilometer Bohlensteg) ist für Rollstuhlfahrer geeignet. Infos: info@spiegelshof.de Bis 29. September startet samstags um 10 Uhr die geführte Wanderung durch das Schwarze Moor. Treffpunkt ist der steinerne Torbogen neben dem Eingang. Das Schwarze Moor liegt direkt an der Hochrhönstraße zwischen Bischofsheim und Fladungen. Mit einer Größe von 60 Hektar ist es das größte Hochmoor der Rhön. Die Infostelle am Schwarzen Moor ist täglich zwischen 11 und 16 Uhr geöffnet. Info: Tel. (0 97 74) 91 02 60.

Für beide Kurzwanderungen ist keine Anmeldung erforderlich.

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