Karlstadt

Wünsche aus aller Welt

Mit einem einzelnen Schreiben ans Christkind fing alles an. Inzwischen gehen 80 000 Briefe pro Jahr in Himmelstadt ein. Eine Mammutaufgabe für die Verantwortlichen.

Die kleine Hildegard aus Regensburg war neun Jahre alt, als sie dem Christkind einen Brief schrieb. Sie verwendete dazu einen Füllfederhalter, schwarze Tinte und rosafarbenes Papier. Was sich das Mädchen zu Weihnachten wünschte, war nicht viel: „Stecknadeln für die Handarbeitstunden und irgendein Ding, in dem die Stecknadeln drinnen stecken.“ Auch ein Weihnachtsbaum, ein Kaufladen oder eine Puppenküche „wären ganz schön“. An ihre Eltern hatte Hildegard ebenfalls gedacht. „Für meine Mutter wünsche ich, dass sie den Haupttreffer bekommen soll. Und meinem Vater mehr Arbeit im Geschäft.“

Der Brief in schönster Sütterlinschrift stammt aus dem Jahr 1928, als Hildegard gerade in die dritte Klasse ging. Adressiert war er an das „Christkind – Im Himmel – Milchstraße 999999“. Hildegard hatte ihn zu Hause vors Fenster gelegt, damit das Christkind ihn abholt. Ob das Mädchen wenigstens einen Teil seiner Wünsche erfüllt bekommen hat, ist nicht überliefert – wohl aber, dass die Eltern den Brief zu Hause im Schrank aufhoben. Eine schöne Erinnerung, die jedoch irgendwann in Vergessenheit geriet.

Die Jahre vergingen. Die kleine Hildegard wurde größer, sie bekam selbst Kinder, und irgendwann waren auch die ersten Enkelkinder da. Einem von ihnen, Beate Mühlbacher, fiel eines Tages der Brief in die Hände, den Oma Hildegard vor langer Zeit an das Christkind geschrieben hatte. Mehr als 80 Jahre waren seither verstrichen, Hildegard hatte gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert. Beate fand ihre Entdeckung so toll, dass sie den Brief samt Kuvert einscannte und zusammen mit einem Begleitschreiben an das Christkind schickte. Es war inzwischen umgezogen: nach Himmelstadt im Landkreis Main-Spessart.

Beate schrieb dem Christkind, was es mit dem alten Brief auf sich hat und dass sich ihre Oma sehr über eine Antwort freuen würde. „Da sie inzwischen sehr schlecht sieht, solltest Du, falls möglich, ein wenig größer schreiben.“

Und das tat das Christkind. Zunächst einmal erklärte es Hildegard, warum sie so lange auf eine Antwort warten musste: „Beim Transport von der Erde zum Himmel ist Dein Brieflein in eine Wolkenspalte gefallen. Deshalb konnte ich Dir leider nicht früher schreiben. Ach, wie gern hätte ich es getan!“ Dann ging das Christkind auf Hildegards Wünsche ein. „Ich habe mich sehr gefreut, dass Du damals nicht nur an Dich, sondern auch an Deinen Vater und an Deine Mutter gedacht hast. Heute, in Deinem gesegneten Alter, hast Du sicher ganz andere Wünsche. Auch ich habe ein paar Wünsche an Dich: Gesundheit und noch viele schöne Jahre im Kreise Deiner Familie. Ich weiß, dass Dich alle sehr lieben, und das ist doch wunderschön!“

Als der Brief vom Christkind Hildegard kurz vor dem Weihnachtsfest im Jahr 2009 erreichte, war die alte Frau zunächst einmal sehr überrascht. Doch auf das ungläubige Staunen folgte schnell ein großes Glücksgefühl. Den ganzen Heiligen Abend trug Hildegard den Brief bei sich, sie erzählte all ihren Verwandten davon und auch den Pflegern, die sich um sie kümmerten.

Um sich beim Christkind zu bedanken, schrieben Siegfried und Gerda Mühlbacher, Beates Eltern, einige Wochen später abermals nach Himmelstadt: „Dieser Antwortbrief war für unsere Mutter/Oma die schönste Weihnachtspost, die sie je bekommen hat.“ Es sollte leider auch die letzte sein: Am 31. Januar 2010 ist Hildegard gestorben.

Geschichten wie diese gehen auch Rosemarie Schotte ans Herz. Seit 20 Jahren ist sie ehrenamtliche Leiterin des Weihnachtspostamts in Himmelstadt – und sie hat seither schon viele Kinderbriefe ans Christkind gelesen und beantwortet. Alleine im vergangenen Jahr gingen über 80 000 Briefe aus 113 Ländern ein. Die meisten enthalten materielle Wünsche – doch es gibt auch Kinder, die ganz andere Bedürfnisse haben. Manche berichten, dass sie, ihre Eltern oder Geschwister schlimme Krankheiten haben. Andere sind traurig, weil sie einen lieben Menschen verloren haben oder die Eltern sich scheiden lassen. „Das sind Briefe, die einen berühren und auch länger begleiten“, sagt Schotte.

Die 73-Jährige beantwortet die zigtausend Briefe natürlich nicht alleine. Ihr zur Seite stehen bis zu 40 Helferinnen und Helfer – alles Menschen, die Schottes hundertprozentiges Vertrauen genießen, denn das Postgeheimnis will schließlich gewahrt werden. Jedes Kind erhält einen Antwortbrief, dem immer eine kleine Weihnachtsgeschichte beigelegt wird. Der Name des jeweiligen Kindes wird dann von Hand dazugeschrieben. Je nach Anliegen kommen noch ein paar persönliche Sätze der Helfer hinzu.

Um Briefe, in denen die Kinder von Problemen zu Hause, von Todesfällen oder Krankheiten berichten, kümmern sich Schotte und einer ihrer Helfer dann ganz persönlich. Für Briefe aus dem Ausland sind Übersetzer am Werk. Das Himmelstadter Weihnachtspostamt, das sich im Erdgeschoss des Rathauses am Kirchplatz befindet, ist eines von sieben in Deutschland, aber das einzige in Bayern. „Wir sind auch das einzige Weihnachtspostamt, das seinen Briefen diese persönliche Note gibt“, erzählt Schotte.

Die Inhalte der Briefe bringen die Helfer mal zum Schmunzeln, mal rühren sie zu Tränen oder regen zum Nachdenken an. „Die einen wünschen sich eine neue Spielekonsole oder ein cooles Fahrrad“, erzählt Schotte. Ein neunjähriges Mädchen bittet das Christkind, dass niemand aus seiner Heimat fliehen muss, denn jeder Mensch sollte ein Zuhause haben. „Gib dem Opa einen Kuss von mir, okay? Ist er dort oben eigentlich barfuß oder hat er Schuhe an?“, lautet die Frage eines kleinen Jungen. Viele Kinder erkundigten sich nach verstorbenen Angehörigen oder seien einfach nur neugierig, wie es denn im Himmel so ist, erzählt Schotte. Andere geben dem Christkind noch ganz praktische Tipps mit auf den Weg. „Zieh Dich warm an, wenn Du zu mir herunterkommst, bei mir ist es schon ziemlich kalt.“

Wie das Weihnachtspostamt entstanden ist, weiß dort niemand mehr so ganz genau. Ein Brief, der an das Christkind adressiert war, ist irgendwann in Himmelstadt gelandet. Weil der Zusteller nichts damit anzufangen wusste, übergab er ihn dem Posthalter, der den Brief am Feierabend beantwortete und dann an das Kind zurückschickte. Offenbar sprach sich die Aktion herum, denn bald darauf gelangten immer mehr Briefe in den kleinen Ort mit dem himmlischen Namen.

Weil das dem Posthalter zu viel Arbeit wurde, übernahm der Lehrer Valentin Karle die Aufgabe – bis auch er eines Tages die Flut der Briefe nicht mehr bewältigen konnte. Im Jahr 1991 übernahm die Familie Anton Wirth mit vielen ehrenamtlichen Helfern die Beantwortung der Briefe aus Deutschland und der ganzen Welt. 1993 war Rosemarie Schotte zum ersten Mal als Helferin dabei, nur ein Jahr später übernahm sie offiziell die Leitung des Weihnachtspostamts.

Die Tätigkeit ist inzwischen zu einer echten Mammutaufgabe geworden: Rosemarie Schotte investiert über 600 Stunden im Jahr ehrenamtlich in das Projekt, ihr Mann Bernhard kommt auf über 400 Stunden. „Ohne die vielen freiwilligen Helfer wäre das alles natürlich nicht zu stemmen“, sagt Rosemarie Schotte. Die ältesten Helfer, ein Ehepaar, sind schon über 80 Jahre alt – die Jüngste ist die Enkelin der Schottes, sie ist 20.

Hin und wieder bekommen Himmelstadts Bürgermeister Gundram Gehrsitz, die Gemeinderäte und die Rathausmitarbeiter den leisen Vorwurf zu hören, wie sich die Gemeinde das Weihnachtspostamt überhaupt leisten könne. Ganz einfach: Sie muss keinen Cent dafür bezahlen, die Deutsche Post kommt seit 2002 für alle Kosten auf. Das reicht von den Briefmarken, die eigens für die Weihnachtspost herausgegeben werden, über die Briefumschläge, den Weihnachtsstempel, Stifte und Ausdrucke bis hin zur Dekoration.

In diesem Jahr eröffnet das Weihnachtspostamt am ersten Adventssonntag, 30. November. Bis zum 17. Dezember können Briefe ans Christkind dorthin geschickt werden. Am ersten und dritten Adventswochenende laden die Verantwortlichen zum Reinschnuppern ein. Dann können Kinder und Erwachsene hinter die Kulissen schauen und sich von der weihnachtlichen Atmosphäre anstecken lassen, wenn richtige Engelchen die Briefe ans Christkind entgegennehmen und die Besucher mit Süßigkeiten beschenken.

Für Rosemarie Schotte ist es schön, wenn nach Weihnachten der eine oder andere Dankesbrief an das Christkind zurückkommt. „Dann weiß ich, dass ich mit meiner Arbeit den Kindern eine Freude bereite.“ In den „Ruhestand“ zu gehen, das kommt für sie nicht in Frage: „Ich tue das, so lange ich kann, weil es mir einfach Spaß macht.“ Noch im Dezember wird Rosemarie Schotte ein Jahr älter, dann ist sie 74. Doch obwohl sie die Briefe als „Christkind“ beantwortet, ist sie nicht etwa am 24. geboren – sondern am 6., dem Nikolaustag.

ONLINE-TIPP

Weitere Infos zum Weihnachtspostamt in Himmelstadt unter www.post-ans-christkind.de

Ohne sie läuft im Himmelstadter Weihnachtspostamt nichts: Bernhard und Rosemarie Schotte. Mehrere Hundert Stunden investieren die beiden Jahr für Jahr, um Kindern in aller Welt eine Freude zu bereiten.
Foto: JOCHEN JÖRG | Ohne sie läuft im Himmelstadter Weihnachtspostamt nichts: Bernhard und Rosemarie Schotte. Mehrere Hundert Stunden investieren die beiden Jahr für Jahr, um Kindern in aller Welt eine Freude zu bereiten.
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