KREIS HASSBERGE

Ab fünf Grad minus wird's eng

Kälteeinbruch: Die frühsommerlichen Temperaturen vergangener Wochen haben die Vegetation angeschoben. Jetzt bangen in Frostnächten Obstbauern und Winzer um ihre Ernten.
Daumen drücken, dass die Blütenpracht kein jähes Ende findet: Bislang haben die niedrigen Temperaturen an den Kirschenbäumen bei Altenstein noch keinen Schaden angerichtet. Foto: Beate Dahinten

Der April, der macht was er will. So verhält er sich zurzeit, der launige Frühlingsmonat. Was nicht ungewöhnlich ist. Zu dumm nur, dass die Witterung zuvor auf Frühsommer gemacht hat. Auf den Frühstart der Vegetation, folgt die Ernüchterung: Frostnächte könnten nicht nur die Obsternte zunichtemachen.

„Wer gerne einen 2017er Schoppen trinken möchte, der sollte die Winzer in sein Nachtgebet aufnehmen“, sagt Roger Nüßlein aus Zeil. Für den Vorsitzenden des Weinbauvereins Haßberge sind die beiden vorhergesagten Frostnächte bis Freitag eine ernste Gefahr. „Die diesjährige Weinernte steht auf dem Spiel“, stellt er Mittwochmittag fest.

Schnee und Frost im April, das sei nichts Außergewöhnliches, meint er. Doch dieses Jahr waren der Februar und März ungewöhnlich mild. Die Rebstöcke sind vier Wochen weiter als normal, stellt Winzer Nüßlein fest. Sie haben bereits hellgrüne Blättchen getrieben – und die sind besonders frostempfindlich.

Wenn dieser Erstaustrieb erfriert, dann könnten die Reben zwar nochmals austreiben, berichtet Nüßlein, doch wenn die Augen der Rebstöcke nachtreiben, dann führe dies in erster Linie zu sogenannten Wasserschösslingen: Zweige, die üppig grüne Blätter tragen, doch kaum Trauben. Den Winzern bliebe damit im Herbst fast nichts zu ernten.

In den Senken ist es besonders brisant

Besonders brisant sei die Lage in den tieferen Lagen und in Senken, wo sich die kühlste Luft sammelt. Unterschiedliche Wetterprognosen, die Nüßlein jetzt stündlich abruft, sagen für die beiden Nächte bis Freitag Tiefstwerte von null bis minus drei Grad voraus. Eineinhalb, maximal zwei Grad unter null, das sei die Grenze dessen, was die Rebstöcke gerade noch verkraften können. Wo die Grenze genau liegt, kann jedoch niemand vorhersagen. Gut wäre es, wenn es nicht weiter regnen oder schneien würde, denn mit Wasser vollgesogene, triefendnasse Rebknospen frieren laut Nüßlein leichter auf, als trockene. Nasse Triebe könnten schon bei einem Grad Frost absterben.

Zudem käme es auf die Art des Frostes an: Als klassische Frostlage bezeichnet der Winzer Inversionslagen, bei denen höher liegende Luftschichten wärmer sind als die bodennahe Schicht. Hier sei der Einsatz großer Ventilatoren in den Weinbergen möglich, die die Luftschichten vermischen und die bodennahen Temperaturen auf Höhe der Rebzweige so um ein, zwei Grad steigen lassen. Manchmal genügt dies, um die Knospen zu retten. Doch dieses Mal ist laut Nüßlein Windfrost zu erwarten. Hier gibt es in Bodennähe keine wärmere Luft zum Verwirbeln. Dennoch wird er in seinen Weinbergen sicherheitshalber einen Großraumsprayer einsetzen, der die Luftmassen verteilt. Es ist die einzige Vorsorgemaßnahme, die ihm bleibt. „Sonst bleibt uns nur zu hoffen, dass das Schlimmste an uns vorbeizieht.“ Und er weiß: Die typischen Spätfrost-Nächte Anfang Mai, die berüchtigten Eisheiligen, kommen erst noch.

Auch Winzer Thomas Kirchner aus Unfinden spricht von „zwei kommenden Nächten, die uns beschäftigen werden“. Er fürchtet wie Nüßlein, dass sich die Feuchtigkeit in den Weinbergen zusammen mit Frösten negativ auf die Reben auswirkt. „Wenn es trocken wäre, wäre es auf jeden Fall gut“, sagt er. Seine Weinberge liegen am Hang, was ein Vorteil ist, weil diese nicht so frostgefährdet und windgeschützt sind.

Massive Frostschäden an seinen Reben hatte er zuletzt im Jahr 2011. Der Klimawandel werde jedoch für häufigere Frostschäden sorgen, weil es wohl immer früher im Jahr warm werden wird und die Reben früher austreiben. Gleichzeitig bleibe das Risiko später Frostnächte, nur mit dem Unterschied, dass diese dann auf knospende Reben treffen, die deutlich weiter und empfindlicher sind als früher.

Solche kalten Tage sind für April nicht wirklich ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist allerdings, was in den Wochen davor passierte, sagt der Diplom-Biologe Otto Elsner (Rottenstein). Es war viel zu warm, die Natur war zwei Wochen voraus, schätzt Elsner, die Kirschen sind vielerorts schon abgeblüht, die Birnen blühen, sogar Apfelbäume stehen am Beginn der Blüte. „Die frühsommerlichen Temperaturen Anfang April waren einfach verrückt.

“ Und wenn die Natur zu dieser frühen Zeit schon so weit ist, dann ist einfach die Wahrscheinlichkeit, „dass etwas passieren kann, sehr hoch“. Und mit dieser Befürchtung sind Obstbauern und Winzer, aber auch Landwirte konfrontiert, oder aber, sie haben erste Schäden zu beklagen.

Erste Verluste bei den Nussbäumen

Einige Nussbäume in tiefer Lage hat es erwischt, vor ein, zwei Wochen schon. Bei drei Grad Minus sind sie erfroren, berichtet Herbert Och. An seinen Kirschen hat der Obstbauer aus dem Pfarrweisacher Ortsteil Rabelsdorf bis Mittwochvormittag keine Frostschäden bemerkt. „Im Moment hat es nachts null Grad.“ Also von daher noch nicht ganz so dramatisch.

So sieht es auch Werner Krug, Vorsitzender des Hofheimer Obst- und Gartenbauvereins. „Alles im grünen Bereich“, sagt er und meint das im wahrsten Sinne des Wortes, denn: Solange die Fruchtansätze der Kirschen, die kleinen Kügelchen, noch grün sind, hat ihnen der Frost nichts angetan. Vor zwei Tagen war dies noch so. Immer wieder kontrolliert er Kirschbäume. Was er außerdem beobachtet hat: Nicht nur die Obstbäume leiden, auch Ziersträucher. Sie blühen, aber richtig entfalten sie sich nicht. Irgendwie warten die Blüten darauf, „dass sie so richtig raus können“.

Wie verrückt die Natur startete, zeigt die Tatsache, dass viele Obstsorten quasi gleichzeitig blühten: „Kirschen, Birnen und Äpfel, dass die zusammen blühen, ist eher selten“, so Fachberater Guntram Ulsamer vom Kreisverband für Gartenbau und Landespflege. Ein weiteres Indiz für den Frühstart der Vegetation: Selbst der Flieder steht schon vor der Blüte, und „der ist doch eher ein Mai-Blüher“. Dass der Frost bislang schon für größere Schäden gesorgt hat, davon ist Ulsamer bisher noch nichts bekannt.

Otto Elsner ist guter Hoffnung, dass zumindest Bestände in geschützten Lagen „mit einem blauen Auge davon kommen“. Auswirkungen werden, wenn weitere Frostnächte kommen, wohl sehr davon abhängen, wo der Standort der Bäume ist. In Tallagen könnten die Folgen durchaus gravierender sein.

So hat es auch Oskar Elflein aus Junkersdorf an der Weisach erlebt. Seine Kirschen stehen am Hang Richtung Altenstein, wo es wärmer ist wie im Grund. Er sieht es noch gelassen, beobachtet das Thermometer, aber hat keine erfrorenen Blüten oder Knospen registriert.

Doch auch wenn diese Gefahr nicht akut ist – die Kälte hat trotzdem Folgen für den Obstbau: „Die Bienen können nicht fliegen“, sagt Herbert Och, „das ist das Schlimmere.“ Schließlich haben diese Insekten im wörtlichen Sinn eine tragende Rolle bei der Bestäubung. Und wenn sie ihren Dienst verweigern, gibt es weniger Früchte. „Wir müssen hoffen, dass noch ein paar warme Tage kommen“, sagt Och, „zwölf bis 15 Grad müssen es schon sein, dass die Bienen überhaupt rausgehen.“

Feldfrüchte stecken etwas mehr weg

Dass die Bienen nicht unterwegs sein können, sieht auch Joachim Dömling vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Schweinfurt als ein Problem, denn: Der Raps beginnt schon zu blühen. Die niedrigen Temperaturen haben seiner Einschätzung nach bei Feldfrüchten bislang keinen Schaden angerichtet. Sowohl der Raps, aber auch die Zuckerrüben, „stecken Temperaturen von ein bis zwei Grad minus weg“. Allerdings: „Ab vier bis fünf Grad wird's eng“, so Dömling.

Angst, dass die Rüben erfrieren? „Nein“, sagt der Mechenrieder Landwirt und frühere Riedbacher Bürgermeister Theo Diem. So lange er Rüben angebaut hat, war's noch nie so schlimm, dass er ein Rübenfeld wegen Frostschäden hätte umbrechen müssen. Und die Diems bauen immerhin seit mehr als einem halben Jahrhundert Rüben an. Was hilft, so Diem: „Gottvertrauen und Geduld.“

Knospende Rebzweige in einem Weinberg oberhalb von Unfinden. Foto: Michael Mößlein

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