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"Alki Alki": Die Flasche ist immer an seiner Seite

Alki Alki
Eine Szene aus „Alki Alki“: Die Sucht wird im Film durch „Flasche“ (Peter Trabner, links), den imaginären Freund des Pro... Foto: ZDF/Dennis Pauls

„In einigen Szenen habe ich mich selbst wiedergefunden“, sagt Gerald Krieger. Als trockener Alkoholiker und Mitglied des Kreuzbundes nahm er am Mittwochabend an einer Podiumsdiskussion im Zeiler Kino teil. Im Rahmen der Aktionswoche Alkohol lief dort der Film „Alki Alki“. Neben Krieger saßen in der anschließenden Diskussion unter Leitung von HT-Redaktionsleiter Dr. Martin Sage auf dem Podium Norbert Mohr von der Polizei, Thomas Walter vom Halt-Projekt und Andreas Waldenmeier von der Caritas.

Der Film, eine ZDF-Produktion aus der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“, stammt aus dem Jahr 2016 und erzählt die Geschichte des Alkoholikers Tobias, dessen Arbeit und Familie unter seiner Sucht leiden. Nach mehreren schlimmen Ereignissen begibt er sich schließlich in eine Therapie, durch die ihn der Film ebenfalls begleitet. Ein besonderes Stilmittel des Spielfilms ist, dass die „Sucht“ kein abstrakter Begriff ist, sondern von einem Schauspieler dargestellt wird. Der steht immer an der Seite des Protagonisten, redet auf ihn ein, sagt ihm, was er tun soll. Mal gelingt es Tobias, „Nein“ zu sagen, doch oft gibt er nach.

„Ich habe keine kleinen pummeligen Männer gesehen“, kommentierte Gerald Krieger den Film. Es sei eine szenische Darstellung, der Film sei „hoffnungslos überspitzt“, fand der Vertreter des Kreuzbundes. Dennoch, so bekräftigte er in der Diskussion, habe ihm die Umsetzung gut gefallen, vor allem da diese Darstellung zeige, wie omnipräsent der Alkohol im Leben eines Betroffenen ist.

Moderator Martin Sage merkte an, eigentlich steige der Film erst bei „Teil 2“ ein, denn zu Beginn der Geschichte sei Tobias bereits alkoholabhängig. „Wie kann man sich denn Teil 1 vorstellen?“ wollte Sage wissen. „Teil 1 ist of unspektakulär“, meinte Gerald Krieger. „Alkohol ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig“, sagte er weiter. Es sei auch „erst mal nichts Falsches daran“, dass alkoholische Getränke als Genussmittel konsumiert werden. Aber der eine oder andere benutze Alkohol, beispielsweise um etwas zu verdrängen, erklärte der Vertreter des Kreuzbundes, der sich um Betroffene und Angehörige kümmert.

Viele der im Film gezeigten Verhaltensweisen bezeichneten die Diskussionsteilnehmer als durchaus typisch. Nicht nur bei Hauptfigur Tobias und den anderen Suchtkranken, die er in der Therapieeinrichtung kennenlernt, sondern auch bei den Angehörigen. Beispielsweise bekommt es im Film auch Tobias' Ehefrau lange nicht hin, das Problem ihres Partners zu benennen oder Worte wie „Alkoholiker“ in den Mund zu nehmen. „Diese Sprachlosigkeit der Frau ist ein typisches Verhalten von Angehörigen“, sagte Andreas Waldenmeier. „Wir erleben oft, dass die Familie versucht, das System zu halten“, berichtete der Leiter der Suchtberatungsstelle der Caritas aus seiner Berufserfahrung.

Thomas Walter stellte das Halt-Projekt vor, das er auf dem Podium vertrat. Er und seine Kollegen gehen in Kliniken und sprechen dort Jugendliche an, die mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert werden. So wollen sie ihnen und ihren Eltern Wege aufzeigen, frühzeitig einer Suchterkrankung vorzubeugen. Ob junge Menschen in dieser Hinsicht heute gefährdeter seien als noch vor 20 oder 30 Jahren, sei schwer zu sagen. Allerdings berichtete er, oft seien es vor allem süße Mischgetränke, bei denen Jugendliche nicht einschätzen können, wie viel sie schon getrunken haben.

Eine erfreuliche Nachricht kam von Norbert Mohr, dem Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Haßfurt. Beim Thema Alkohol im Straßenverkehr seien die Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen, seit zehn Jahren stagnieren sie allerdings „auf einem hohen Niveau“. Die Sensibilität für das Thema sei gestiegen. Wenn die Polizei heute Jugendliche auf dem Heimweg von einer Disco oder einer Feier anhält, biete sich oft das gleiche Bild: „Meistens ist einer nüchtern – der Fahrer – und der Rest ist voll wie die Haubitzen.“ Langsam, so berichtete Mohr weiter, fruchten auch die Bemühungen der Polizei, auf Bier- und Weinfesten den Jugendschutz durchzusetzen.

Scharfe Kritik äußerte der Polizist an Jugendleitern, beispielsweise in Sportvereinen, die nach einem gewonnenen Spiel wie selbstverständlich einen Kasten Bier für alle hinstellen. Mohr kündigte an, die Polizei werde hier Kontrollen durchführen und hart durchgreifen, was auch für Jugendleiter und Wirte schwere Folgen haben könnte. „Da bin ich Hardliner“, sagte er.

Auch Thomas Walter erklärte, er sehe ein Problem in der Verherrlichung des Alkohols durch viele Eltern und Erwachsene. Gerald Krieger kritisierte außerdem die Alkoholwerbung im Fernsehen. „Ich weiß nicht, ob es sein muss, dass Krombacher den Regenwald rettet“, sagte er. Ihm fehle das Verständnis dafür, dass die Reglementierungen für Tabakwerbung nicht auch für Alkohol gelten.

Emotional wurde es, als gleich zwei Betroffene ihre eigene Geschichte erzählten. So berichtete Gerald Krieger, nachdem er sein Problem bemerkt habe, habe er zunächst versucht, seinen Alkoholkonsum zu reduzieren. „Ich lehne die Idee des kontrollierten Trinkens nicht ganz ab“, sagte er. So könne es durchaus ein erster Schritt für einen Alkoholiker sein, das Problem in den Griff zu bekommen. Einen dauerhaften Erfolg sehe er darin jedoch nicht. „Für mich als Alkoholkranken ist klar: Ich kann nie mehr trinken“, lautete sein Fazit.

Ein anderer, spontaner Erfahrungsbericht kam von einer Besucherin der Veranstaltung. Sie habe lange überlegt, sich dann aber doch entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. So habe sie mit 16 Jahren mit dem Trinken angefangen. Sie berichtete von einem schleichenden Prozess und einer langen Abhängigkeit. „Ich war in den richtigen Kreisen dafür“, sagte sie. Mit der Clique habe sie von Anfang an getrunken.

In Richtung von Gerald Krieger fragte Martin Sage, ob seine Familie eine Mitschuld an seinem Alkoholproblem gehabt habe. Krieger antwortete, seine Familie hätte die Abhängigkeit nicht verhindern können, sagte aber auch, er mag den Begriff „Schuld“ nicht. „Es ist eine Krankheit“, meinte er. Bei einer Grippe oder einem Herzinfarkt stelle sich auch nicht die Frage nach der Schuld des Patienten.

Diese Aussage wollte einer der Zuhörer aber nicht auf sich beruhen lassen. „Es ist eine Krankheit, die man selbst verursacht hat“, warf der Kinobesucher ein, worauf Krieger entgegnete: „Ich habe normal getrunken. Ich habe nichts anderes gemacht als jeder andere.“ Caritasvertreter Andreas Waldenmeier kommentierte: „Der Begriff ,Schuld' ist in der Therapie irrelevant.“

Einen wichtigen Tipp hatte Gerald Krieger für alle, die bei einem Freund, Bekannten oder Kollegen Anzeichen eines Alkoholmissbrauchs bemerken. „Sprechen Sie ihn an“, sagte er. Gleichzeitig betonte er: „Erwarten Sie nicht, dass er begeistert ist.“ Wahrscheinlich werde derjenige abstreiten, ein Problem zu haben. „Ich hätte alles abgestritten“, meinte er. Dennoch könne das Gespräch etwas bewirken. „Er merkt, dass er es nicht verstecken kann.“

Norbert Mohr berichtete, auch die Polizei habe lange gebraucht, um richtig mit betroffenen Kollegen umzugehen. Heute gebe es Schulungen für Vorgesetzte zum richtigen Umgang mit dem Thema. Auch Mohr nannte als wichtigen Leitspruch für den richtigen Umgang mit Suchtkranken: „Sprich nicht über ihn, sprich mit ihm.“

Nach dem Film diskutierten (von links) Gerald Krieger vom Kreuzbund, Polizeichef Norbert Mohr, Moderator Martin Sage, Th... Foto: Peter Schmieder

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