WONFURT

„Alles auf den Tisch“ im Fall Loacker

Auf dem Podium (von links): Moderator Claus Schreiner, Landrat Rudolf Handwerker und Juliane Backhaus, Abteilungsleiterin am Landratsamt.
Auf dem Podium (von links): Moderator Claus Schreiner, Landrat Rudolf Handwerker und Juliane Backhaus, Abteilungsleiterin am Landratsamt.

Die Einwohner Wonfurts hatten monatelang darauf gewartet: Am Dienstagabend hatte das Landratsamt Haßberge zur Bürgerversammlung eingeladen. Einziges Thema: der umstrittene Recyclingbetrieb Loacker. Rund 220 Besucher kamen in TSV-Sporthalle. Sieben hochkarätige Vertreter von Behörden und Ämtern standen Rede und Antwort. Es sollte „alles auf den Tisch“, wie es sich Innenstaatssekretär Gerhard Eck wünschte. Er selbst hatte zu dieser Veranstaltung gedrängt.

Neue Fakten kamen während der folgenden drei Stunden nicht ans Tageslicht. Dennoch wurden die Abläufe im Fall Loacker, der die Anwohner seit über einem Jahr in Sorgen versetzt, so transparent wie nie zuvor dargestellt – überraschend sachlich. Der Termin wäre beinahe kurzfristig abgesagt worden: Wonfurts Bürgermeister Dieter Zehendner hatte in der Nacht zuvor einen schweren Herzinfarkt erlitten und liege im Koma, erklärte Landrat Rudolf Handwerker.

Dass das Landratsamt eine Bürgerversammlung einberuft, ist sehr ungewöhnlich und zeigt die Brisanz des Themas. Handwerker äußerte sich in Wonfurt erstmals offiziell zu Loacker: „Ich bin jetzt seit 22 Jahren Landrat, aber noch kein Vorgang hat mich persönlich mehr belastet als der Fall Loacker.“ Er wisse, dass viele Menschen vor Ort – und darüber hinaus – Angst davor hätten, dass sie und ihre Kinder von Emissionen, die vom Recyclingbetrieb ausgehen, vergiftet würden.

Zugleich verwahrte sich der Landrat dagegen, dass das Landratsamt als Aufsichtsbehörde versagt und Loacker lax kontrolliert habe. Seit einer Anwohnerbeschwerde vom 26. Mai 2011 sei der Betrieb ständig, teils täglich kontrolliert worden. Er wiederholte die getroffenen Maßnahmen bis hin zu der vom Verwaltungsgericht Würzburg aufgehobenen kompletten Stilllegung des Betriebs.

Nach dem Statement des Landrats beurteilten die Vertreter der eingeschalteten Fachbehörden die Gefährdung von Mensch und Umwelt, die von Loacker ausgeht, auf Basis der vorliegenden Ergebnisse von Staub- und Bodenproben. Zusammenfassend kamen die Vertreter der Landesämter für Umwelt (LfU) und Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sowie das Gewerbeaufsichtsamt der Regierung von Unterfranken zum – bekannten – Urteil, dass von Loacker keine akute Gefahr für die Gesundheit von Anwohnern und Mitarbeitern ausgeht.

Gewerbeaufsicht sorgte sich

Niederschlagsmessungen hätten in der Nähe der Anlage jedoch Kupferwerte ergeben, die Anlass zur Vorsorge vor einer weiteren Bodenbelastung geben, sagte Michael Rössert vom LfU. Günther Gaag vom Gewerbeaufsichtsamt machte klar, dass ihm „die Kinnlade runtergefallen“ sei, als in der ersten, am 26. Mai 2011 vom Dach eines Nachbaranwesens gezogenen Staubprobe ein Bleigehalt von vier Gramm pro Kilogramm festgestellt wurde. Zusammen mit den mehr als 30 Brandmeldealarmen bei Loacker in den zurückliegenden Jahren – darunter drei bis vier tatsächliche Schwelbrände – hätte dies im Gewerbeaufsichtsamt Sorgen um die Mitarbeiter ausgelöst. Doch Biomonitoring-Untersuchungen hätten belegt, dass diese im Sinne des Arbeitsschutzrechts nicht gefährdet sind.

Bereits die Aussagen der Fachleute machten deutlich, dass viele Beurteilungen zu Loacker auf Momentaufnahmen beruhen und sich in einem Dickicht von lückenhaft vorhandenen gesetzlichen Grenz- und Richtwerten bewegen. „Keiner weiß so genau, wie mit solchen Betrieben umzugehen ist“, gab Steffen Vogel als Rechtsbeistand der Bürgerinitiative (BI) „Lebenswertes Wonfurt“ seinen Eindruck wieder, den wohl die meisten Zuhörer teilten. Dies verdeutlichten die Fragen des Publikums.

So erklärte Gaag aus Sicht des Gewerbeaufsichtsamtes, dass die in der Staubprobe vom 26. Mai 2011 festgestellten, stark erhöhten Giftwerte deshalb nicht zur sofortigen Stilllegung des Recyclingbetriebs herangezogen wurden, weil die Proben nicht von innerhalb des Betriebs stammen und gerichtlich nicht verwertbar gewesen wären. So konnte die Gewerbeaufsicht erst im August 2011 einschreiten, was unter anderem zu einem Katalog von 46 Maßnahmen geführt hat, die Loacker einhalten musste, um die Sicherheit zu erhöhen.

Zertifikat trotz bekannter Mängel

BI-Sprecher Peter Werner erfuhr von Landrat Handwerker, dass die Zertifizierung von Loacker durch den TÜV Süd als Entsorgungsfachbetrieb im Juli 2011, als die Mängel im Betrieb längst bekannt waren, nichts mit der Betriebsgenehmigung zu tun hat, die das Landratsamt ausstellt und – laut Gesetz – nur alle drei Jahre zu überwachen hat.

Wie streng werden die Auflagen überhaupt überwacht? Diese Frage stellte Simone Wagenhäuser, die als Anwohnerin berichtete, dass just am Tag der Bürgerversammlung ein Lastwagen, der von Loacker weggefahren ist, Kupfergranulat verloren und eine kilometerlange Spur hinter sich hergezogen hat. Auf Nachfrage dieser Zeitung bestätigte Gerhard Nettinger, Deutschland-Verantwortlicher von Loacker, am Mittwoch, dass die Tür eines Lastwagens einer Fremdfirma nicht ordentlich verriegelt gewesen sei. So seien etwa 60 Kilogramm Kupfergranulat heruntergerieselt – bis zur Autobahnauffahrt Knetzgau, wo das Fahrzeug gestoppt wurde. Die Straßenmeisterei Zeil wurde verständigt, was dort bestätigt wird. Loacker-Mitarbeiter hätten, obwohl die Firma für den Vorfall nicht verantwortlich gewesen sei, die Straße im Wonfurter Gewerbegebiet gesäubert, erklärte Nettinger.

Eine Wonfurterin sprach Landrat Handwerker direkt auf eine von ihm vor einigen Wochen in einem Radiointerview getroffene Äußerung an, wo dieser sinngemäß gesagt hatte, dass jemand, der glaubt, dass er krank ist, dies auch sei. Dies ist etlichen Bewohnern des Orts bitter aufgestoßen. In Wonfurt geben mehrere Menschen an, wegen der von Loacker ausgestoßenen Gifte eine Schwermetallvergiftung erlitten zu haben. Handwerker entschuldigte sich öffentlich für diese „dumme Bemerkung“ – Beifall zeigte, dass die Entschuldigung angenommen wurde.

Claus Schreiner, der die Versammlung souverän moderierte, meinte, dass dies sicherlich nicht die letzte aller Veranstaltungen zu Loacker gewesen sei. Staatssekretär Eck versprach, offen gebliebene Fragen zu klären, beispielsweise, welche Ergebnisse die Untersuchungen von Regenwasser, das von Loacker-Dächern in den Main gelangt, durch das Wasserwirtschaftsamt ergeben haben. Oder, ob und in welcher Höhe staatliches Fördergeld an Loacker gezahlt wurde. Als eigentliche Kardinalsaufgabe der Politik nimmt er die Aufgabe mit, zu prüfen, wie Gesetze verändert werden können, um neben Wirtschaftsinteressen den Schutz von Anwohnern von Recyclingbetrieben vor Gesundheitsgefährdungen zu verbessern.

ONLINE-TIPP

Die Hintergründe zu Loacker im Internet: www.bote-vom-hassgau.de

Stiller Protest: Die Wonfurter Gruppe „Mütter gegen Giftstaub“ brachten am Rande der Bürgerversammlung ihre Sorgen zum Ausdruck, indem sie über drei Stunden hinweg ein Transparent hochhielten.
Stiller Protest: Die Wonfurter Gruppe „Mütter gegen Giftstaub“ brachten am Rande der Bürgerversammlung ihre Sorgen zum Ausdruck, indem sie über drei Stunden hinweg ein Transparent hochhielten. Foto: Michael Mösslein

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