EBERN

Am Anfang war die Maintal-Autobahn

BN-Kreisvorsitzender Klaus Mandery (links) und Landesvorsitzender Hubert Weiger (2. von links) zeichneten die Fledermausgruppe, zu der (weiter von links) Anton Bäuerlein, Arthur Scholl, Ludwig Rehm, Manfred Husslein und Harald Amon gehören, für ihre langjährige Arbeit aus. Foto: Peter Schmieder

Der Bund Naturschutz (BN) kann im Landkreis Haßberge auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Am Sonntag feierte die mittlerweile rund 1700 Mitglieder starke Kreisgruppe des Vereins auf dem ehemaligen Kasernengelände in Ebern ihr 40-jähriges Bestehen.

Der Festakt fand in der Frauengrundhalle, der ehemaligen Kantine der Balthasar-Neumann-Kaserne, die nun als Veranstaltungsraum genutzt wird, statt. Vor Beginn der Feierlichkeiten am Nachmittag gab es für die Besucher eine Führung über den früheren Standortübungsplatz. Dieser ist mittlerweile ein FFH-Gebiet, also ein Naturschutzgebiet, in dem besonders seltene Tier- und Pflanzenarten vorkommen. Dabei konnten die Teilnehmer der Wanderung unter anderem Photovoltaik-Module sehen, unter denen eine Herde von Shropshire-Schafen die Aufgabe als „Landschaftspfleger“ gehalten werden. Außerdem erfuhren die Gäste, dass es für Kinder Führungen zu den Tümpeln gibt, in denen Gelbbauchunken leben.

Der Star des Naturschutzgebietes ist allerdings die Essigrosen-Dickfühlerweichwanze, auch wenn sie an diesem Tag keiner der Gäste zu Gesicht bekam. Denn das neue Naherholungsgebiet auf dem Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes ist deutschlandweit der einzige Ort, an dem das Vorkommen der seltenen Insektenart nachweisbar ist. „Dickfühlerweichbauchwanze“ nannte Jürgen Hennemann das Tier scherzhaft in seinem Grußwort. „Den Bauch ergänze ich gern“, sagte der Eberner Bürgermeister und deutete dabei auf seinen eigenen Hüftumfang.

Aus den Reden von Hennemann und Klaus Mandery, dem Kreisvorsitzenden des BN, wurde deutlich, dass beide eine Annäherung suchten. Dennoch wurde deutlich, dass die heftige Auseinandersetzung zwischen Stadtrat und Bund Naturschutz über Nutzung des ehemaligen Übungsplatzes der Bundeswehr bis heute nicht vergessen ist. Seinerzeit war die Umgestaltung zu einer Motocross-Streck im Gespräch, wogegen der Bund Naturschutz schließlich juristisch vorging.

„Die Großwetterlage ist so, dass Bund Naturschutz und Stadt Ebern wieder miteinander reden können“, sagte Hennemann in seinem Grußwort, betonte aber auch, dass der Streit „mit Sicherheit anders anders gelaufen wäre, wenn man sich rechtzeitig zusammengesetzt hätte“. Offenbar hätten einige Gegner falsche und übertriebe Vorstellungen davon gehabt, was mit der Motocrossstrecke auf sie zugekommen wäre.

Dennoch betonte der Bürgermeister auch, es sei konsequent, dass der Bund Naturschutz sein kreisweites Jubiläum ausgerechnet in seiner Stadt feierte. Immerhin habe es in den ganzen 40 Jahren nur zwei Vorsitzende gegeben, die beide aus Ebern stammten. Er lobte den Einsatz des Vereins für die Artenvielfalt.

Auch das gescheiterte Windpark-Projekt auf dem Tonberg sprach Hennemann an. Gegen diesen hatte es große Proteste aus der Bevölkerung gegeben, letztlich war es das Vorkommen seltener Tierarten, das den Bau von Windrädern verhindert hatte. „Wenn sich jetzt rausgestellt hat, dass wir so ein wertvolles Gebiet haben, dann sollten wir es auch nutzen“, sagte der Eberner Bürgermeister über die künftige Nutzung des Gebiets.

Klaus Mandery blickte zurück auf die Geschichte des Bundes Naturschutz im Landkreis Haßberge. „Viele Kreisgruppen sind in der Zeit entstanden, wir waren eine der letzten“, sagte der Kreisvorsitzende. Offizieller Gründungstermin war der 29. April 1976. Damals war eines der großen Themen der Bau der Maintal-Autobahn und ihrer Zubringer, deren Streckenführung die Naturschützer problematisch fanden.

„Wir haben viele Male bewiesen, dass wir kompromissfähig sind“, berichtete Mandery über vorangegangene Auseinandersetzungen mit der Politik. Weiter erinnerte er an Volksbegehren des BN wie beispielsweise „Aus Liebe zum Wald“. Zur Windrad-Diskussion sprach er die Zerrissenheit vieler Umweltschützer an. Einerseits ist die Energiewende ihr erklärtes Ziel, andererseits sind es vielerorts seltene Tierarten, die den Bau der Anlagen verhindern. „Ich hoffe, dass die GUT ihr letztes Wort noch nicht gesprochen hat“, kommentierte Mandery die Aussage der Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbarer Technologieprojekte, nach dem gescheiterten Tonberg-Projekt keine neuen Windpark-Pläne in Angriff zu nehmen. „Wir werden weiter daran arbeiten, dass wir noch das eine oder andere Windrad im Landkreis bekommen“, sagte der BN-Kreisvorsitzende.

Mit Blick auf das Naherholungsgebiet, das nun auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz entstanden ist, meinte er, viele Eberner hätten wohl dessen Wert noch nicht erkannt. Er verwies außerdem auf die Arbeitsplätze, die dadurch entstanden seien, und auf die Stellen für Bundesfreiwilligendienstleistende.

Prof. Dr. Hubert Weiger, der bayerische Landesvorsitzende des Bundes Naturschutz, berichtete, Mandery sei Bayerns dienstältester Kreisvorsitzender. 1984 hatte er diesen Posten von Jörg Röder übernommen. Zudem sei Mandery „national einer der bekanntesten Experten für Wildbienen“ und habe Ebern auch durch den GEO-Tag der Artenvielfalt bekannt gemacht. In seiner Rede ging er auf viele Themenbereiche ein, in denen sich der BN engagiert.

Unter anderem sprach er über den Einsatz von Giftstoffen in der Landwirtschaft. „Jeder von uns hier hat Glyphosat im Körper“, betonte er das Ausmaß, in dem das Pflanzenschutzmittel verwendet wurde. „Und es gibt keinen Aufschrei der Bevölkerung.“ Denn den Menschen werde suggeriert, wenn das Mittel zugelassen ist, habe schon alles seine Ordnung. Dabei kämpfe der Bund Naturschutz für die Veröffentlichung der Gutachten, die zu dieser Zulassung geführt hatten.

Weiter kritisierte Weiger die immer weiter zurückgehende Artenkenntnis, und bezeichnete den Grund dafür als Fehler der Bildungspolitik. „Biologen lernen mehr über die Manipulation des Lebens als über den Erhalt des Lebens“, sagte er. Auch die Landwirtschaft habe „eher gelernt, wie man Arten bekämpft, als wie man sie erhält“. Eine Gefahr sieht Weiger auch in Freihandelsabkommen, die eher großen Konzernen helfen als einem wirklich freien Handel. So habe er beispielsweise große Angst vor einer Privatisierung der Trinkwasserversorgung. Auch auf lokale Themen aus dem Haßbergkreis ging er ein und bezeichnete beispielsweise einen möglichen Nationalpark im Steigerwald als „Chance für die Region“.

Zu dem besonderen Anlass pflanzten die Vertreter des Bundes Naturschutz und ihre Gäste vor dem Gebäude eine Jubiläumslinde, die künftig als Schattenspender für einen Spielplatz dienen soll. Außerdem standen Ehrungen für langjährige Mitglieder an. Ausgezeichnet wurden Jörg Röder und Helmut Lang sowie die Kommunen Haßfurt, Theres und Gädheim. Außerdem erhielt die Fledermausgruppe des BN eine Auszeichnung für ihre mittlerweile etwa 30-jährige Arbeit.

Seit 40 Jahren sind Jörg Röder (2. von links) und Helmut Lang (vorne) beim Bund Naturschutz. Über die Ehrung für ihre langjährige Mitgliedschaft freuten sich auch Landesvorsitzender Hubert Weiger (links), Kreisvorsitzender Klaus Mandery und Langs Frau Ursula. Foto: Peter Schmieder

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