KREIS HASSBERGE

Auf der Suche nach Spuren jüdischen Lebens

Vielfältig sind sie, die Spuren jüdischen Lebens. Es gibt steinerne Zeugen, manchmal deutlich zu erkennen wie die Grabsteine auf den jüdischen Friedhöfen, manchmal erst auf den zweiten Blick wie die Synagogen, die heute oft Wohnhäuser sind. Es gibt Zeugen aus Papier, mühsam zusammengesucht oder schon in Archiven parat. Es gibt Gedenktafeln, Straßenschilder und die mündlich überlieferten Erinnerungen. Alles Spuren, die zeigen: Menschen jüdischen Glaubens waren jahrhundertelang Teil der Gesellschaft in den Dörfern und Städten der Region.

Das jüdisch-kulturelle Erbe nicht nur zu erhalten und zu präsentieren, sondern auch in das Denken und Handeln künftiger Generationen einzubinden, ist das Ziel des Kooperationsprojekts Landjudentum in Unterfranken. Dazu werden unter anderem Exkursionen angeboten. Die erste von zwei Tagestouren im Landkreis Haßberge am Sonntag hat gezeigt: Es wurde und wird schon viel getan, um den Spuren jüdischen Lebens hier nachzugehen und sie zu sichern.

Jüngere Teilnehmer fehlen

Etwa 20 Menschen sind der Einladung von Projektmanagerin Rebekka Denz gefolgt, aus dem Würzburger Raum, aber auch hier aus dem Landkreis. Manche befassen sich ehrenamtlich mit dem Judentum, andere sind interessierte Laien. Was aber sofort auffällt: Fast alle gehören der älteren Generation an. Für die jüngeren Leute seien andere Themen wichtiger, sagt seine Teilnehmerin aus Ottendorf verständnisvoll. Bei ihr sei das früher auch so gewesen. Hinzu kommt: Damals, in der Zeit des Wiederaufbaus, sei vieles verdrängt worden. Auch in der Schule seien die Kriegsjahre und der Nationalsozialismus kein Thema gewesen. Aber wenn man älter wird, meint sie, kommen die Fragen, wie das damals gewesen ist, das Interesse am jüdischen Leben in den Dörfern früher.

In Wonfurt beispielsweise war die jüdische Gemeinde sehr groß, wie Historiker Thomas Schindler am Ausgangspunkt vor dem Schloss berichtet. Um das Jahr 1800 machten die Juden etwa 17,4 Prozent der Einwohner des Dorfes aus. Wie in vielen anderen Orten handelte es sich um sogenannte Schutzjuden, die, im 16. und 17. Jahrhundert aus den großen Städten im Reichsgebiet vertrieben, von den freien Reichsrittern Zuflucht geboten bekamen – gegen Geld. Die damalige Herrscherfamilie Fuchs errichtete für die Juden einige Häuser.

Der Fuchshof, wie die Gasse heute noch heißt, war die zweite Station für die Gruppe. Die jüdischen Bürger waren ein Wirtschaftsfaktor, manche haben dann eigene Häuser besessen, sind zu Geld gekommen und zu Ehren – Letzteres aber nicht immer zu ihrer Freude: Schindler berichtet von „kleinen Anfangsschwierigkeiten des Judenedikts, dass Kirchenämter an Juden vergeben wurden“. Loew Wolf Neubürger beispielsweise zahlte lieber eine Auslöse, als Kirchenbalgtreter zu werden.

Viele zogen in größere Städte

Ebenso, wie viele andere fränkische Landjudengemeinden, hat auch die in Wonfurt vor dem Ersten Weltkrieg aufgehört zu existieren. Viele nutzten die zwischenzeitlich eröffnete Möglichkeit, wieder in die größeren Städte zu ziehen, andere wanderten aus.

Einen noch größeren Anteil an der Bevölkerung, nämlich 43 Prozent, hatten die Juden um die Wende zum 20. Jahrhundert in Kleinsteinach. „Klein-Paris“ wurde der Ort deshalb genannt. Die Exkursionsteilnehmer besuchen dort zunächst den jüdischen Friedhof. Zum „Tag des offenen Denkmals“ haben sich zahlreiche weitere Interessierte eingefunden. Gemeinsam verfolgt man die Ausführungen von Thomas Schindler und Israel Schwierz (Würzburg).

Weiter geht es mit einem kleinen Rundgang durch das Dorf. Vorbei an Häusern, in denen jüdische Bürger gewohnt haben, zur ehemaligen Schule, heute evangelisches Gemeindehaus, zum Standort der nicht mehr erhaltenen Synagoge und zur Matzengasse mit dem Haus, das früher die Matzenbäckerei beherbergt hatte.

Bis zur Deportation durch die Nazis im Jahr 1942 gab es die jüdische Gemeinde hier, auch wenn sie 1933 nur noch 34 Bürger umfasste. Die jüdische Bevölkerung sei gut integriert gewesen, betont Bernd Brünner. Und Riedbachs Bürgermeisterin Birgit Bayer berichtet vom Bemühen der Nichtjuden, die Nachbarschaft und Freundschaft zu unterstützen, so lange es eben ging. Mit einem Projekt, das Sibylle Kneuer vorstellt, möchte die Gemeinde das jüdische Erbe dokumentieren. Noch sind die Räume des eigens renovierten Hauses neben der Kirche leer, aber die Arbeiten am Konzept laufen auf Hochtouren.

„Wir wollen Geschichte erhalten“

In Aidhausen ist man sich des Erbes der jüdischen Gemeinde ebenfalls bewusst. „Wir wollen uns der Geschichte nicht nur stellen, sondern sie erhalten“, sagt Bürgermeister Dieter Möhring. In welcher Form das geschehen soll, stehe aber noch nicht ganz fest.

Intensiv mit der Geschichte der jüdischen Einwohner befasst hat sich Christine Fuhl, die – und da schließt sich der Kreis – aus Wonfurt stammt. In ihrer neuen Heimat war Fuhl bei der Familienforschung auch auf jüdische Matrikel gestoßen. Das Schulwesen, die nicht mehr vorhandene Mikwe, die ehemalige Synagoge, die Samuelsche Wohltätigkeitsstiftung, der Judenpfad Richtung Kleinsteinach, die Judenbalken an zwei Ortsausgängen als Zeichen jüdischer Anwesenheit – die Zeugnisse jüdischen Lebens sind auch in Aidhausen vielfältig, wie ihre Ausführungen zeigen.

Die zweite Exkursion des Kooperationsprojekts Landjudentum in Unterfranken im Landkreis Haßberge führt am Mittwoch, 10. Oktober, nach Memmelsdorf, Ebern und Burgpreppach. Infos und Anmeldung bei Projektmanagerin Rebekka Denz, E-Mail: denz@landjudentum-unterfranken.de oder Telefon (09 31) 9 70 16 37. www.landjudentum-unterfranken.de

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