KREIS HASSBERGE

Aufgeben kommt nicht in Frage

Brände bedrohen Existenzen, Menschen verlieren ihr Leben – oder retten es mit viel Glück und schöpfen Mut für die Zukunft.
Unwetter: Eine Windhose hat den Weiki-Hof in Zell schwer beschädigt.
Unwetter: Eine Windhose hat den Weiki-Hof in Zell schwer beschädigt.

Aufgeben? „Das war für uns keine Option. Jedes Schicksal birgt auch einen Neuanfang und ist ein Lichtblick“, sagt Wolfgang Schuler (51). Wenn er auf seinem landwirtschaftlichen Hof in Gädheim steht, sieht er die Reste der Ruinen von Ställen und Scheune, die ein Großbrand am Morgen des 3. Oktober zurückgelassen hat. Fast 500 Schweine und zehn Kälber verendeten im Feuer. Der Schuler-Hof, das Ergebnis von 50 Jahren Aufbauarbeit: Schutt und Asche. Auf annähernd eineinhalb Millionen Euro schätzte die Polizei die Schadenshöhe.

Ein Vierteljahr danach sind Wolfgang Schuler, seine Frau Elisabeth (46) und Sohn Florian (24) fest entschlossen, den letzten Milchviehbetrieb Gädheims fortzuführen, „nicht für mich, sondern für die kommende Generation“, meint Wolfgang Schuler. Ob weiter mit Schweinezucht oder nur mit Rindern, hängt auch davon ab, welche Form des Wiederaufbaus die Brandversicherung zulässt. „Wir haben von der Versicherung noch keine konkreten Ansagen zur Schadensregulierung“, sagt Florian Schuler. Er hofft, dass Anfang 2012 endlich Zusagen erfolgen. Zum ersten Jahrestag des Brandes, so sein Wunsch, soll das Vieh in neuen Ställen stehen.

Die 70 Rinder, die den Brand überlebt haben, sind in einem Stall in Junkersdorf untergebracht. Ein Landwirt hatte nach dem Brand spontan diese Hilfe angeboten. Benachbarte Landwirte in Gädheim halfen den Schulers mit ihren Maschinen bei der Ernte. Für diese Unterstützung sowie für den Einsatz der Rettungskräfte beim Großbrand, die das Wohnhaus vorm Feuer gerettet haben, sind die Schulers bis heute dankbar. Es besteht berechtigte Hoffnung, dass der Bauernhof, auf dem vier Generationen leben, fortbesteht. Am Willen hierzu wird es nicht scheitern, trotz der Spuren, die das Feuer hinterlassen hat, sichtbare wie unsichtbare. „Feuer, Feuer – alles kaputt“, so erinnere sich seine zweieinhalbjährige Tochter Johanna an die Brandnacht, sagt Florian Schuler.

Der Großbrand in Gädheim war das verheerendste Schadenfeuer im Landkreis Haßberge im Jahr 2011. Doch die Feuerwehren mussten zahlreiche weitere, teils massive Brände löschen. Am 8. Oktober zum Beispiel vernichteten Flammen die Lagerhalle eines Malerbetriebs in Ebern/Sandhof (Schaden: 400 000 Euro). 50 Tonnen Hausmüll standen am 16. September im Kreisabfallzentrum Wonfurt in Flammen (200 000 Euro), im Dorfkern von Allertshausen brannte am 27. September eine Scheune. Auch mehrere Dachstühle und Wohnhäuser brannten: in Eltmann am 23. Februar (200 000 Euro Schaden), in Königsberg (40 000 Euro) und Zeil (200 000 Euro), beide am 20. März, auf einem früheren Bauernhof neben der Wallfahrtskirche Maria Limbach am 2. Juni, in Lembach am 12. Juli und in Ermershausen am 4. September. Besonders tragisch endete ein Brand in Sand am 14. März. Dort starb ein 59-Jähriger in seinem brennenden Haus. Erschreckend ist auch die Zahl der Verkehrstoten im Haßbergkreis im zurückliegenden Jahr. Fünf Menschen ließen ihr Leben (Vorjahr: drei Tote). An Karfreitag (22. April) starb ein 35-jähriger Motorradfahrer zwischen Zeil und Augsfeld. Ein 81-jähriger Autofahrer starb am 6. Juni nach einem Unfall bei Haßfurt. Ein 53-Jähriger verunglückte mit seinem Motorrad am 12. Juni bei Untermerzbach tödlich. Am 13. September prallte eine 18-Jährige bei Fatschenbrunn im Steigerwald gegen einen Baum und starb. Ein 80-Jähriger kam bei einer Kollision mit einem Lastwagen am 28. November zwischen Königsberg und Oberhohenried ums Leben. Vier Menschen aus dem Landkreis starben bei Verkehrsunfällen außerhalb des Landkreises: zwei Motorradfahrer (17, 44) auf der A 70 bei Viereth, ein 57-Jähriger bei Alitzheim (Kreis Schweinfurt), ein 31-Jähriger mit zwei Arbeitskollegen auf der B 279 bei Reckenneusig. Ein Betriebsunfall am 7. Juni in Eltmann endete für einen 64-jährigen Lastwagenfahrer tödlich.

Erneut mussten Rettungskräfte in diesem Jahr im Haßbergkreis nach Vermissten suchen. Während eine Frau aus Hofheim im Februar nach einigen Stunden wohlbehalten gefunden wurde, ebenso wie eine Frau aus Hellingen im Juli, so wurde Ende Juni die Vermutung, dass eine 71-Jährige aus Ebelsbach, die am 27. Januar zuletzt gesehen worden war, nicht mehr wiederkommt, zur traurigen Gewissheit, als deren skelettierte Leiche entdeckt wurde. Bereits zwei Tage nach ihrem Verschwinden wurde am 18. November eine 77-Jährige bei Gleisenau tot entdeckt.

Angesichts von so viel Leid sticht ein Ereignis hervor, das einer 22-Jährigen aus dem Raum Haßfurt leicht hätte das Leben kosten können. Anfang Juni war diese mit ihrem Freund (20) beim Klettern in einer Höhle in Slowenien verunglückt. Mit viel Glück konnten Helfer die beiden retten. Die jungen Höhlenkletterer trugen nur leichte Blessuren davon. Großes Glück hatte auch ein 52-Jähriger in Ebelsbach. Ebenfalls im Juni hatte dieser versucht, eine Flak-Granate aus dem Zweiten Weltkrieg aufzubohren. Die Munition explodierte. Der Mann überlebte schwer verletzt.

Geschockt erfuhren am 20. Januar die 110 Mitarbeiter der Kugelfertigung in Eltmann vom Insolvenzantrag des Unternehmens. Nach wochenlangem Bangen dann am 5. April die gute Nachricht: Die italienische Umbra-Gruppe kauft die Firma, die unter dem Firmennamen „Präzisionskugeln Eltmann“ fortbesteht. Der Deal kostete 22 Mitarbeitern den Job. Ebenfalls in Eltmann war es am 16. Januar zu einem spektakulären Zwischenfall gekommen. Auf dem Hochwasser führenden Main waren zwei führerlose Lastkähne abgetrieben. Ein Lastkahn prallte bei Eltmann zunächst gegen einen Pfeiler der Mainbrücke (die dabei, wie Untersuchungen ergaben, nicht beschädigt worden ist) und rammte unmittelbar danach ein am Mainufer stehendes Gebäude. Der zweite 70-Meter-Kahn trieb weiter und rammte einen Verschluss der Wehranlage bei Limbach. Dieser musste daraufhin aufwändig repariert werden. Kostenpunkt: 300 000 Euro.

Noch teurer waren die Folgen eines Unwetters, das am späten Nachmittag des 11. September das Maintal hinaufzog. In Zell hinterließ eine Windhose eine Spur der Verwüstung. Allein auf dem Weiki-Hof entstand ein Schaden von einer halben Million Euro. Der Wind hatte das Dach einer Produktionshalle weggeweht, ein weiteres Dach beschädigt und zahlreiche Obstbäume umgeknickt. Abgedeckte Dächer und umgestürzte Bäume gab es auch aus Knetzgau und Sand zu vermelden.

Offensichtlich auf menschliches Verschulden ist ein Fischsterben zurückzuführen, das am 10. Juni den Riedbach heimsuchte. Die Todeszone erstreckte sich über 1,8 Kilometer, von Kleinsteinach bis zur Hartmühle. Auf weiteren 3,2 Kilometern stellten Biologen in Wasser und Sediment Rückstände eines Pflanzenschutzmittels fest. Die Wasserschutzpolizei ermittelte, dass das Gift über einen Oberflächenkanal in den Bach gelangt ist. Sie vermutete, dass das Mittel auf einem landwirtschaftlichen Anwesen in den Kanal gelangt ist. Laut Fachleuten wird es ein bis drei Jahre dauern, bis sich der Riedbach vom Gifteintrag erholt hat. Völlig ungewiss ist dagegen die Zukunft der Eschen im Landkreis. Förster vermeldeten im Sommer vermehrt Bäume, die von einem Pilz befallen sind. Dieser verstopft deren Saftbahnen und lässt die Bäume absterben. Wie weit das Eschensterben reicht, werden die kommenden Jahre zeigen. Vor etlichen Jahren hat ein ähnliches Schicksal bereits die Ulmen ereilt. Von ihnen sind kaum noch Exemplare vorhanden.

Hoffnungsvoll: Florian Schuler (Mitte) mit Tochter Johanna und Lebensgefährtin Nadja.
Hoffnungsvoll: Florian Schuler (Mitte) mit Tochter Johanna und Lebensgefährtin Nadja.
Tödlicher Unfall: Bei Königsberg starb ein 80-jähriger Autofahrer.
Tödlicher Unfall: Bei Königsberg starb ein 80-jähriger Autofahrer.
Abgebrannt: der Bauernhof von Familie Schuler in Gädheim, vier Wochen nach dem verheerenden Feuer.
Abgebrannt: der Bauernhof von Familie Schuler in Gädheim, vier Wochen nach dem verheerenden Feuer. Foto: Mösslein, slowenische Bergrettung, Beuerlein
Ans Tageslicht: Ein Helfer rettet eine 22-Jährige aus der Höhle.
Ans Tageslicht: Ein Helfer rettet eine 22-Jährige aus der Höhle.
Feuer im Dorfkern: In Allertshausen brannte eine Scheune nieder.
Feuer im Dorfkern: In Allertshausen brannte eine Scheune nieder.
Auf Abwegen: Ein Kahn rammte ein Haus.
Auf Abwegen: Ein Kahn rammte ein Haus.

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