Haßfurt

Buchkritiken: Drei Romane über die Kehrseiten des Landlebens

Der neue Frankenkrimi "Hassberg" zeigt schonungslos, dass das Landleben nicht nur idyllisch ist. Auch zwei weitere Romane gehen mit der heimatlichen Provinz hart ins Gericht.
Drei Bücher, dreimal dominiert das Schweigen: "Hassberg" von Killen McNeill, "Radio Activity" von Karin Kalisa und "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" von Thomas Klupp. Foto: Jonas Keck

Auf dem Dorf kennt man sich eben noch. Dieser Umstand wird oft als Vorzug des Landlebens gepriesen. Doch in Romanen bietet diese soziale Nähe den Nährboden für kriminelle Machenschaften. Glaubt man der Belletristik, herrscht in der Provinz noch immer die Filzokratie. In drei aktuellen Romanen geschehen Verbrechen auf dem Land, weil Menschen schweigen. Sie fürchten, aus der verschworenen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden. 

Wer den Frankenkrimi "Hassberg" von Killen McNeill gelesen hat, wird nicht in den Landkreis Haßberge ziehen wollen. Hassberg ist ein fiktives Dorf mit 180 Einwohnern in der Nähe von Haßfurt. Anfang der 1970er-Jahre wird die Jugendliche Lena Fitzek auf der Kirchweih vergewaltigt.

Spannender Showdown im Wald

Sie verschweigt die Tat, weil sie befürchtet, dass ihr niemand glauben würde. Hier kommen alle negativen Zuschreibungen an das Landlebens zusammen: Seilschaften, Patriarchat und Rückständigkeit. Daran hat sich auch im Jahr 2018 nichts geändert, als Lena von weiteren Missbrauchsfällen erfährt. Endlich will sie die Verbrechen aufklären. McNeills Debüt im Genre des Kriminalromans überzeugt durch überraschende Wendungen und einen spannenden Showdown im Wald. 

Der Autor ist in Nordirland geboren. Er unterrichtet Englisch an einer mittelfränkischen Schule. In seinem Roman hat er zahlreiche Anspielungen auf die Haßberge untergebracht.

Eine Romanfigur war bei Kugelfischer angestellt und ist Fan der Schnüdel. Eine andere arbeitet in einer Marmeladenfabrik. Auch reale Orte wie Zeil am Main oder Königsberg finden Erwähnung. Für die Handlung wäre das freilich entbehrlich – aber es handelt sich nun mal um einen Regionalroman. Dabei darf natürlich der fränkische Dialekt nicht fehlen: "Ich will bloß amol reden. Hast aweng Zeit?" Zeit braucht man auch für die Dialoge, die oft unnötig lang sind und zu konstruiert wirken.

Bewegend: "Radio Activity" von Karin Kalisa

Heimat ist, wo man Kind war und das Elternhaus steht. Im Roman "Radio Activity" von Karin Kalisa lebt die Protagonistin Nora Tewes schon lange nicht mehr in einer norddeutschen Küstenstadt, die einst ihre Heimat war. Sie zog nach New York, um als Ballerina Karriere zu machen.

Doch als ihre Mutter im Sterben liegt, kehrt sie zurück. Zunächst scheint es, als habe sich nichts verändert. Doch dann erzählt Noras Mutter in den letzten Tagen ihres Lebens, wie sie als Kind sexuell missbraucht wurde.

Der Täter genießt im Ort hohes Ansehen und der Übergriff ist verjährt. Doch Nora findet einen ungewöhnlichen Weg, den Täter an den Pranger zu stellen. Sie gründet einen Radiosender, um das Schweigen zu brechen. Dennoch ist es für Nora unerträglich, mit dem Mann in der selben Stadt zu wohnen, der ihre Mutter missbraucht hat.

Mit instabilen Atomkernen hat der Roman "Radio Activity" zwar nichts zu tun, seine Halbwertszeit ist dennoch nicht zu unterschätzen. In Erinnerung bleibt dem Leser der beherzte Kampf der Protagonistin für Gerechtigkeit. Kalisa gelingt dabei der Wechsel zwischen bedrückenden Erzählungen über Kindesmissbrauch und humorvollen Dialogen mit alten Bekannten aus ihrer Heimatstadt. Die Passagen über den Aufbau des Radiosenders zeugen zwar von der guten Recherche der Autorin, ziehen sich aber stellenweise in die Länge.

Unterhaltsam: "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" von Thomas Klupp

In Weiden ist die Welt noch in Ordnung. Zumindest wollen alle Einwohner diesen Eindruck erwecken. Der Roman "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" von Thomas Klupp handelt von einem Schüler namens Benedikt Jäger, der den Erwartungen seiner Mutter gerecht werden will. Die Familie zog von München in die oberpfälzische Kleinstadt, die "so spektakulär wie ein Taubenschiss" ist. Nun gilt es für die Mutter, die großstädtische Selbstsucht und das ländliche Familienidyll zu vereinen.

Auch Benedikt muss deshalb lügen, Unterschriften fälschen und schlechte Noten vertuschen. Nebenbei versucht er, die Sache mit der Liebe auf die Reihe zu bekommen: "Zugegeben, ich bin kein Crack auf dem Gebiet. Mädchen und ihre Gefühle... die sind so ähnlich wie Mathe für mich. Schon beeindruckend irgendwie, aber vor allem halt schwer verständlich."

Klupp greift auf bekannte Klischees zurück und überspitzt maßlos. Der Ich-Erzähler verfasst seine Tagebucheinträge in jugendlicher Sprache. Trotzdem tappt der Autor nicht in die Falle, Jugendsprache imitieren zu wollen.

Im letzten Drittel nimmt die Handlung Fahrt auf. Kann der Schüler dem Teufelskreis entkommen? Fliegt der Fälscher auf? So viel sei verraten: Lassen Sie uns den Teufel nicht an die Wand malen. Oder wie Benedikt sagen würde: "Weshalb gleich den Teufel ans Board projizieren?"

 

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