Haßfurt

Bürgermeisterin im Haßbergkreis: Es darf nicht nur eine geben

Die Kommunalwahl hat das eklatante Missverhältnis der Geschlechter in der Lokalpolitik zementiert. Dorothee Bär und Sabine Dittmar zu dem Warum und zu möglichen Auswegen.
Die absolute Ausnahmen: Ein von Frauen beherrschtes Parlament, hier der Plenarsaal des bayerischen Landtags bei einer Konferenz. In Wirklichkeit sind Frauen in der Kommunalpolitik noch stark unterrepräsentiert. Und im Haßbergkreis gibt es unter 26 Bürgermeistern nur eine Frau.
Die absolute Ausnahmen: Ein von Frauen beherrschtes Parlament, hier der Plenarsaal des bayerischen Landtags bei einer Konferenz. In Wirklichkeit sind Frauen in der Kommunalpolitik noch stark unterrepräsentiert. Und im Haßbergkreis gibt es unter 26 Bürgermeistern nur eine Frau. Foto: Peter Kneffel

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Mit Blick auf die Bürgermeisterwahlen im Landkreis Haßberge kann das für alle, denen die Emanzipation am Herzen liegt, nur eines bedeuten: Ab sofort darauf hinarbeiten, dass in sechs Jahren mehr Frauen die Chance bekommen, eine Kommune zu führen. Denn seit dem 15. März steht fest, dass unter den 26 Bürgermeistern im Landkreis wie bisher nur eine einzige Frau ist, nämlich Ruth Frank in Breitbrunn. Aus Sicht der Gleichberechtigung ist das eine miserable Quote.

Auch verbale Angriffe schrecken ab

Der niedrige Frauenanteil ist aber ein allgemeines Problem der Lokalpolitik, bedauert Digitalministerin Dorothee Bär (CSU). Sie selbst ist Beweis dafür, dass es Frauen in politische Spitzenämter schaffen können. Und schließlich wird das Land ja seit bald 15 Jahren von einer Bundeskanzlerin regiert. Wenn von 16 Mitgliedern des Bundeskabinetts sechs weiblich sind und in der Bayerischen Staatsregierung jeder dritte Posten mit einer Frau besetzt ist, wie kann dann die Ungleichheit unter anderem im Haßbergkreis, also auf unterster politischer Ebene, so groß sein?

'Ich werde auch weiterhin Frauen ansprechen, ermutigen und stehe als Mentorin bereit', kündigt Dorothee Bär angesichts der Tatsache an, dass Kommunalpolitik noch immer in erster Linie eine männliche Domäne ist. 
"Ich werde auch weiterhin Frauen ansprechen, ermutigen und stehe als Mentorin bereit", kündigt Dorothee Bär angesichts der Tatsache an, dass Kommunalpolitik noch immer in erster Linie eine männliche Domäne ist.  Foto: Sonja Wurtscheid

Man könnte sich die Antwort einfach machen: Auch Frauen, die ja gut 50 Prozent der Wählerschaft ausmachen,  wählen offensichtlich lieber Männer. Und vielleicht hat die Damenwelt gar nicht so das Bestreben, politisch tätig zu werden, wie die Herren?

Zumindest Letzeres will Dorothee Bär nicht gelten lassen: "Ich kenne viele Frauen, die sich gerne mehr einbringen würden und sicherlich auch tolle Bürgermeisterinnen wären", erklärte die 41-Jährige dieser Tage im Interview mit dieser Redaktion. Was die Frauen dann oft abhalte, sei die Familie, der sie das nicht antun wollten. Wegen der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch wegen der verbalen Angriffe gegenüber Politikern, die zugenommen hätten. "Deswegen war es so wichtig, dass wir als Gesetzgeber nun explizit die Kommunalpolitiker schützen." 

Gerade im ländlichen Raum ist Familienarbeit meist noch Frauensache. Da bleibt vielen Frauen einfach keine Zeit mehr für ein politisches Engagement, stellt Sabine Dittmar fest.
Gerade im ländlichen Raum ist Familienarbeit meist noch Frauensache. Da bleibt vielen Frauen einfach keine Zeit mehr für ein politisches Engagement, stellt Sabine Dittmar fest. Foto: Thomas Möller/Büro Sabine Dittmar

Die Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar (SPD) erkennt vor allem in den Strukturen der ländlichen Räume Hinderungsgründe: Gerade hier sei die Familienarbeit noch Frauensache. Wer neben dem Job noch Kinder erziehe, Angehörige pflege und den Haushalt führe, dem fehle es am Freiraum, um an den meist abendlichen Sitzungen teilzunehmen.

Besetzte Posten und verkrustete Strukturen

"Haben Frauen dann etwas mehr Zeit, zum Beispiel, weil die Kinder aus dem Haus sind, finden sie besetzte Posten und verkrustete Strukturen vor", ein Problem, das nicht nur Parteien, sondern auch Vereine betreffe.  "Dass es vielen Frauen in solchen Situationen dann oft an Motivation und Ausdauer fehlt, sich mit aller Kraft und am Ende noch mit der Nachahmung männlicher Macht-Mechanismen einen Weg durch die Institutionen zu erkämpfen, ist für mich leider gut nachvollziehbar", befand Dittmar im Austausch mit dieser Redaktion.

Dass die Frauen in den Kommunen des Haßbergkreises mit "schuld "daran sind, dass nur eine Frau den Chefsessel im Rathaus erklommen hat, folgt laut Sabine Dittmar auch einer einfachen lokalpolitischen Gesetzmäßigkeit, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben muss. Bürgermeisterwahlen sind Persönlichkeitswahlen, da haben die Amtsinhaber aufgrund ihrer Bekanntheit einen Bonus; und Neulinge, wie die Mehrheit der sieben Kandidatinnen auf Kreisebene, einen Malus. "Deswegen wurde im Landkreis Haßberge ja auch nur ein einziger Bürgermeister aus dem Amt gewählt", blickte die 55-Jährige auf den März zurück. 

Die SPD-Politikerin sieht aber gerade hier eine Chance für die kommende Kommunalwahl: Sie bezieht sich auf die vielen jungen Frauen, die dieses Mal auf den Listen der Parteien und Gruppierungen für die Wahlen der Gemeinderäte und des Kreistags standen. Wenn es gelinge, diese Frauen "auch in sechs Jahren wieder als Kandidatinnen zu gewinnen, dann wird es einen Generationswechsel geben, der zu einem Erfolg der Frauen in der Kommunalpolitik werden könnte".

Digitalisierung als Chance für Vereinbarkeit von Politik, Job und Familie

Dorothee Bär - ganz Digitalministerin - knüpft hier gar an die derzeitige Pandemie an, in der das Land ja gerade erlebe, dass Videokonferenzen Sitzungen ersetzen: "Ich bin mir sicher, dass wir an dieser Stelle aus den Herausforderungen durch das Coronavirus für Familien und Frauen große Vorteile in der Vereinbarkeit von Beruf, Politik und Familie schaffen können, da die Digitalisierung dadurch einen sehr großen Schub bekommt." Es verstehe sich von selbst, den Wählerwillen zu respektieren, einfach so hinnehmen will Bär das Ungleichgewicht der Geschlechter aber nicht: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Ich werde auch weiterhin Frauen ansprechen, ermutigen und stehe als Mentorin bereit", kündigte die Spitzenpolitikerin an.

Eher Mangel an Motivation als Mangel an Frauen

Sabine Dittmar, die sich als Freundin der Frauenquote bei Kandidaturen und der Vergabe von politischen Ämtern outet, sieht auf lange Sicht weniger den Frauenmangel in der Kommunalpolitik als Problem. "Es wird allgemein immer schwerer, Menschen - Männer wie Frauen - zu finden, die bereit sind, in der Kommunalpolitik ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen." So ist es schon fast eine Ironie der Bürgermeisterwahlen im Haßbergkreis, dass Ruth Frank in Breitbrunn nicht offiziell nominiert war. Sie hatte sich kurz vor dem Urnengang bereit erklärt, das Amt zu übernehmen, weil dies niemand sonst tun wollte oder konnte.

Dem Mangel an Motivation und Chancen müssten die politischen Vereinigungen vor Ort mit aller Entschlossenheit begegnen. Dazu müssten die "bewährten Kräfte" aber bereit sein, die Jüngeren einzubinden und ihnen Verantwortung zu übertragen, damit der Nachwuchs sich ausprobieren und etablieren könne.  "Umso erfreulicher wäre es, wären unter ihnen Frauen und Männer gleichermaßen vertreten."

Und was sagt "Mann" dazu? Landrat Wilhelm Schneider (CSU)
Laut Landrat ist der Landkreis sehr daran interessiert, Frauen zu unterstützen und Kandidaturen zu ermöglichen, etwa durch die Initiative "Politik braucht Frauen" der unterfränkischen kommunalen Gleichstellungsbeauftragten. Ein Schwerpunkt der Initiative ist, dass Mentorinnen - erfahrene (Kommunal-)Politikerinnen - ihr Wissen an Neueinsteigerinnen weiterreichen.
Aber auch Wilhelm Schneider erkennt, dass es im Landkreis an weiblichen Kandidaten mangelt. "Von einer paritätischen Besetzung sind wir noch weit entfernt." Christine Stühler, die Gleichstellungsbeauftragte, werde sich weiter darum bemühen, mehr Frauen für ein politisches Amt zu gewinnen. "Aber an der Entscheidung des Wählers kann auch sie nichts ändern."
Um Gleichstellung dürfe es auch nicht nur kurz vor einer Wahl gehen, "sondern das muss ein ständig laufender Prozess sein", stellt der Landrat heraus.

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