EICHELSDORF

Das gibt's nur noch selten: Katzengschrei und Schnickerli

Zur Wirtshauskultur gehört inzwischen vielerorts auch wieder das Wirtshaussingen. Nach dem Vortrag in der Gastwirtschaft „Zu den Haßbergen“ in Eichelsdorf wurden die Besucher selbst beim Wirtshaussingen aktiv. Foto: Martin Schweiger

Mit dem Begriff „Schnickerli“ werden viele unter 30-Jährige kaum noch etwas anfangen können. Es handelt sich dabei um ein fränkisches Gericht aus gekochten und in Streifen geschnittenen Innereien von Wiederkäuern, das quasi zum Synonym für die alte Wirtshauskultur in Franken geworden ist, aber heutzutage kaum noch auf den Tisch kommt.

Wo es noch serviert wird, wusste am Montagabend Gerrit Himmelsbach von der Uni Würzburg in der Gastwirtschaft Kirchner in Eichelsdorf zu berichten.

Mitarbeiter der Uni Würzburg

Himmelsbach ist Mitarbeiter am Unterfränkischen Institut für Kulturlandschaftsforschung an der Universität Würzburg und Mitglied des Spessartbunds, der aus 80 Vereinen mit rund 10 000 Mitgliedern besteht. Der Aschaffenburger kam auf Einladung der Volkshochschule in die Haßberge.

In seinem Vortrag betonte er, dass es bei dem Erhalt der Wirtshauskultur auch um den Erhalt der Heimat und der eigenen fränkischen Identität und des Dialekts geht, der in Unterfranken in rheinfränkisch und mainfränkisch aufgeteilt ist, getrennt durch den „Äppeläquator“, der den Bezirk in Nord-Süd-Richtung teilt.

Mindestens eine Wirtschaft im Ort

Während es früher auch im kleinsten Dorf mindestens eine Wirtschaft gab, in der alte Männer mit einem Zigarrenstumpen im Mund bis spät in die Nacht Schafkopf spielten, seien heutzutage Wirtschaften nicht mehr in der Lebenskultur eingeplant, meinte Himmelsbach. Je besser die Arbeitsplätze seien, desto weniger Wirtschaften gebe es, brachte er es auf den Punkt.

Nur als Familienbetrieb wirtschaftlich

Kleinere Gastwirtschaften seien nur im Familienbetrieb wirtschaftlich zu führen, aufgrund der unregelmäßigen Arbeitszeiten. „Drei Hochzeiten hintereinander, dann Mal zwei Wochen nichts, das macht kein Angestellter mit“, sagte Gerrit Himmelsbacher. Erfolgreich seien Wirtschaften an Verkehrswegen oder ehemaligen Postlinien. Der Bau einer Umgehungsstraße bedeute meist das Aus für eine Gastwirtschaft. Großen Zulauf hätten auch Gasthäuser, die sich als Ausflugsziel etabliert haben, wie beispielsweise das Gasthaus „Hochspessart“ in Lichtenau im Hafenlohrtal, das mit fehlendem Handyempfang sogar wirbt, oder die „Bayerische Schanz“ in Ruppertshütten, die berühmt durch ihren Weihnachtsmarkt wurde und Busse in Scharen anlockt.

Vergessene Spezialitäten

Eine weitere Art, Gäste anzuziehen, ist das Kredenzen von oft längst vergessenen Speisen. So serviert das Landgasthaus in Üttingen immer samstags die bereits angesprochenen „Schnickerli“. Da der Wirt die dafür nötigen „Kuddeln“, also Innereien, von heimischen Schlachthöfen nicht bekommt, müsse er sie importieren, was allerdings seinen Erfolg nicht schmälert.

Oftmals erfolgreich seien auch Gasthäuser mit eigener Brauerei, wie das Gasthaus „Zum Riesen“ in Miltenberg, das seit dem 15. Jahrhundert existiert und eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands ist.

Lendershäuser spielen auf

Aber auch im Haßgau werden noch traditionelle Gericht serviert, wie das „Katzengschrei“, das im Gasthaus Kirchner in Eichelsdorf auf den Tisch kommt. Es besteht aus Bratkartoffeln, Ei und Wurst und ist andernorts auch als „Bauernfrühstück“ bekannt.

Die Zuhörer ließen es sich schmecken und sangen anschließend gemeinsam Volkslieder zu den Klängen der Lendershäuser Volksmusikanten, bestehend aus den Musikern Ernst Haßfurther, Gerd Elflein und Martin Krautschneider.

Gerrit Himmelsbacher aus Aschaffenburg referierte in Eichelsdorf über das Thema Wirtshauskultur in Unterfranken. Foto: Martin Schweiger
Sie haben aufgespielt beim Wirtshaussingen: Gerd Elflein (von links), Ernst Haßfurther und Martin Krautschneider. Foto: Martin Schweiger

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