BRÜNN

Delikatessen statt Schweinefutter

Kartoffeln aus der Dämpfkolonne schmecken besonders gut, sagen Walter und Matthias Lehnert aus Brünn. Die Kessel wurden einst aus einem ganz anderen Grund angeheizt. Doch darüber darf man gar nicht nachdenken.
Liebhaberobjekt: Viel Zeit haben Matthias (links) und Walter Lehnert in die Restaurierung der alten Kartoffeldämpfkolonne investiert. Foto: Gudrun Klopf

Sechs Zentner Kartoffeln auf einmal garen? Für Walter und Matthias Lehnert aus Brünn bei Ebern ist das kein Problem. Ist der Wasserkessel der Kartoffeldämpfkolonne erst einmal ordentlich eingeheizt, können die braunen Knollen tonnenweise weichgekocht werden.

Vor gut zehn Jahren entdeckten die leidenschaftlichen Sammler alter Gerätschaften die historische Kartoffeldämpfkolonne in einer alten Scheune im Raum Coburg. Der Dämpfer wurde 1930 von der Firma Gotthardt und Kühne aus Boxdorf bei Nürnberg gebaut. Der Zahn der Zeit hatte bereits gehörig an der alten Anlage genagt. Fotos vom Fund lassen erahnen, wie viel Aufwand nötig war, um die Maschine zu restaurieren und wieder funktionstüchtig zu machen.

Unterwegs von Hof zu Hof

Die Kartoffeldämpf-Kolonnen waren früher meist im Besitz von Genossenschaften gewesen, erläutert Walter Lehnert. Nach der Kartoffelernte zogen sie von Hof zu Hof und garten die Futterkartoffeln für die Schweinemast. Früh um vier sei bereits angeschürt worden, und meist habe es den ganzen Tag gedauert, bis alle Kartoffeln auf einem Betrieb verarbeitet waren. Zunächst wurden die Erdäpfel in einem von Hand per Kurbel drehbaren Kartoffelwäscher gereinigt.

Natürlich nennen die Lehnerts auch ein solches Gerät ihr eigen und können die Funktionsweise dieses „Oldtimers“ demonstrieren. Damals habe ein Maschinist die Kartoffeldämpfkolonne bedient und mit Kohle befeuert. „Heute heizen wir sie mit Holz“, sagt Lehnert. Zwei Stunden dauert es, bis genügend Dampf erzeugt ist. Auf dem fünf Meter langen Wagen befinden sich neben dem Heizkessel zwei Behälter für je 6 Zentner Kartoffeln. Ein dritter Kartoffelbehälter wird auf einem eisenbereiften Wagen mitgeführt. Der vier Meter hohe Kamin des Heizkessels wird beim Transport der Kolonne umgeklappt.

Heizerschein

Der Kessel wird mit einem maximalen Druck von 0,5 bar gefahren. „Ab 0,5 bar wäre laut der Dampfkesselverordnung ein Heizerschein nötig“, erklärt Lehnert, „und die Anlage müsste vom TÜV abgenommen werden.“ Der Kessel habe zwei Wandungen – eine mit Rauch, eine mit Wasser gefüllt, „ähnlich wie bei der Schnapsbrennerei“, sagt Lehnert. Der Wasserstand müsse immer auf halber Höhe gehalten werden und werde heute über die Wasserleitung nachgefüllt.

Früher dagegen sei der Kessel mittels einer Pumpe mit Wasser aus einem Fass gespeist worden. Ist der Druck hoch genug, wird der heiße Dampf durch die Kartoffelbehälter geschickt. Eine halbe Stunde dauert es, bis die Knollen gar sind. „Auf diese Art gegart schmecken die Kartoffeln viel besser als die gekochten“, ist Lehnert überzeugt.

So, wie es in der Scheune von Walter Lehnert zu sehen ist, befanden sich auch auf den anderen Bauernhöfen Silos in der Erde - 1,20 Meter tief, 1,20 Meter breit und vier bis fünf Meter lang. „Es war damals eine absolute Attraktion, wenn die Kolonne auf dem Hof war“, schwärmt Lehnert.

„Wenn man von der Schule heimkam, gab's erst mal frische Kartoffeln mit Salz und Butter.“ Dann mussten die Kinder ins Silo und Kartoffeln stampfen. Eine Viertelstunde – länger sei es nicht auszuhalten gewesen. Denn die Hitze der heißen Kartoffeln drang durch die Gummistiefel, die zwischendurch immer wieder abgekühlt werden mussten. Durch das Silieren wurde das kostbare Futtergut erhalten und es wurde vermieden, dass die Kartoffeln faulten, eintrockneten oder keimten. Gleichzeitig ersparte die Silage das tägliche Kartoffeldämpfen, und die Schweine hatten den ganzen Winter über ihr Futter.

Ein bis zwei Ster Holz nötig

Mit der Umstellung der Schweinemast auf industriell gefertigtes Kraftfutter verschwanden die Kartoffeldämpf-Kolonnen aus dem Dorfleben – es sei denn, sie hatten Glück und wurden von Liebhabern, wie den Lehnerts, vor dem Verschrotten gerettet. Auf Oldtimertreffen und historischen Festen bringen Walter und Helga Lehnert, mit tatkräftiger Unterstützung von Sohn Matthias, ihre alte Dämpfkolonne zum Einsatz. „Ein bis zwei Ster Holz verfeuern wir auf einer Veranstaltung“, sagt Walter Lehnert. Die frischen Pellkartoffeln – mit Quark, Heringen oder Presssack – seien bei Festbesuchern eine gefragte Delikatesse.

Wer sich selbst vom guten Geschmack der Kartoffeln aus der Dämpfkolonne überzeugen will, kann dies beim Oldtimertreffen in Hofheim tun. Die Hofheimer-Oldtimer-Honoratioren veranstalten am 12. Mai das 4. Oldtimertreffen in der Hofheimer Innenstadt. Neben betagten Autos und Motorrädern, sind in diesem Jahr auch Oldtimer-Bulldogs mit von der Partie – und die Kartoffeldämpfkolonne aus Brünn.

Sechs Zentner Kartoffeln können in dem Behälter auf einmal gegart werden.

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