KREIS HASSBERGE

Deportation vor 70 Jahren: Zugfahrt in den Tod

70. Jahrestag Der Transport in die Vernichtungslager vom 25. April 1942 ist der größte, der von Unterfranken abgeht. Er umfasst 852 jüdische Bürger. 65 von ihnen stammten aus dem heutigen Haßbergkreis.
Familienbild aus glücklichen Zeiten: die Familien Lonnerstädter und Rosenthal. Das Foto entstand in den 1920er Jahren. Es zeigt (rechts außen) Jonas Rosenthal, neben ihm Jakob Lonnerstädter aus Mainz mit seiner Frau Jettchen, daneben Selma Rosenthal, in der Mitte Rosa Lonnerstädter, vorne die Kinder der Familie Rosenthal. Foto: Archiv Kappner

In den Morgenstunden des 22. April 1942 mussten 65 der jüdischen Bürger, die zu dieser Zeit noch im Gebiet des Landkreises Haßberge lebten, auf Wagen steigen, die sie zum nächsten Bahnhof brachten. Wahrscheinlich am Tag zuvor hatte jeder von ihnen die Aufforderung zur Deportation erhalten, zum Kofferpacken und Abschiednehmen für immer. Die jüdischen Bürger aus Haßfurt und Westheim kamen am 22. April um 16.44 Uhr in Würzburg an. Sammelplatz für alle Deportierten aus ganz Unterfranken war der Platzsche Garten, ein früherer Tanz- und Vergnügungsort. Dort werden alle durchsucht. Die letzten Habseligkeiten werden ihnen abgenommen, auch die Pässe, Lohnsteuerkarten, Arbeitsbücher. Ein „Laufzettel“ vermerkt sorgfältig alle Gänge der Gestapo-Angehörigen.

Am Samstag, 25. April, mussten die Deportierten mit ihrem Handgepäck zum Güterbahnhof Würzburg-Aumühle laufen. Um 15.20 Uhr fuhr der Zug mit ihnen Richtung Osten ab. Gegen 16 Uhr kam er durch Haßfurt, so dass die Haßfurter Juden ein letztes Mal ihren Heimatort sahen. In Bamberg und Nürnberg werden weitere Menschen aufgenommen. Der Transport – für den jeder Deportierte 80 Reichsmark zahlen musste! – umfasst zum Schluss 955 Menschen. Darunter waren elf jüdische Bürger aus Aidhausen, 16 aus Ermershausen, 16 aus Haßfurt, vier aus Kleinsteinach, zwei aus Lendershausen, 15 aus Westheim und einer aus Zeil. Es waren vorwiegend Familien mit Kindern und arbeitsfähige Menschen bis 65 Jahre. Das jüngste Kind, Lana Ackermann aus Aidhausen, war gerade acht Monate alt. Zurück blieben die Alten, Schwachen und Kranken, 35 an der Zahl. Sie wurden allerdings nur vorläufig verschont; im September 1942 wurden auch sie deportiert, ins Ghetto Theresienstadt, nördlich von Prag. 13 Deportierte wurden kurze Zeit später weitertransportiert, und in Minsk und Treblinka ermordet. Allein Frieda Stein, geborene Zeilberger, die Frau von Bäcker Louis Stein in Aidhausen, überlebte Theresienstadt. Sie ging nach ihrer Befreiung zu ihren Kindern in die USA.

Im April 1942 fuhr der Zug mit den Deportierten durch Leipzig, Sagan, Lissa, Kalisch, Lodz, Radom und Lublin. Er kam vollzählig und „ohne Zwischenfälle“, wie die Gestapo in einem Telegramm vermerkte, am 28. April um 8.45 Uhr auf dem Bahnhof in Krasnysraw an. Dort fielen die Menschen in die Hände der örtlichen Gestapo. Der Transport wurde selektiert: Die jungen Männer wurden herausgesucht für die Arbeit im Vernichtungslager Maidanek.

Der Zug fuhr weiter, bis ins Durchgangslager Izbica. Da dieses überfüllt war, wurde eine nicht bekannte Zahl von Deportierten ins Dorf Krasniczyn gebracht. In Izbica kamen die Menschen nur mit ihrem Handgepäck an, da bereits in Lublin alle Gepäckwagen abgehängt worden waren. Sämtliches Gepäck wurde in Lublin, am Alten Bahnhof, desinfiziert und „heim ins Reich“ geschickt. Den deportierten unterfränkischen Juden war alles geraubt worden: Pässe, Ausweise, Gepäck. Sie waren ohne Identität. Rechtlos waren sie dem Tod preisgegeben, der in den Gaskammern von Sobibor auf sie wartete, wenn sie nicht schon vorher umgekommen waren. Letzte sichtbare Zeugnisse der Menschen sind die Adressen aus den Koffern der Deportierten. Und 180 000 Paar Schuhe, die von den Massenvergasungen im Jahr 1942 in Belzec, Sobibor und Treblinka stammen.

Die Zahl der im Haßbergkreis geborenen Juden, die den Holocaust überlebt haben, ist mittlerweile verschwindend gering. Als eine der letzten Überlebenden starb vor wenigen Wochen, am 28. Februar, Friedel Ascher, geborene Rosenthal, aus Haßfurt im Alter von fast 97 Jahren in Rehovot in Israel. Sie hatte mit ihren Eltern und vier Geschwistern in der Haßfurter Hauptstraße gewohnt, heute Hauptstraße 23 (Wiener Café). Ihre Tante, Flora Lonnerstädter, saß immer mit der behinderten Cäci im Fenster des Hauses, erinnern sich Haßfurter Einwohner.

Friedels Vater, Jonas Rosenthal, stammte aus Baden bei Wien und hatte in die in Haßfurt alteingesessene Familie Lonnerstädter eingeheiratet. Nach der Heirat im Jahr 1913 lebten sie zuerst in Nürnberg, wo Verwandte wohnten. Im Jahr 1915, während des Ersten Weltkriegs, zog Selma Rosenthal nach Haßfurt. Jonas Rosenthal folgte nach Kriegsende und zweieinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft.

Selma und Jonas Rosenthal bekamen fünf Kinder. Im Jahr 1914 kam Sohn Hermann zur Welt, ein Jahr später Tochter Friedel. In Haßfurt wurden Cäcilie (1921), Karolina (1922) und Therese (1928) geboren. Friedel Ascher sagte später einmal: Wäre mein Vater nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt oder gefallen, wären die Kleinen nicht geboren worden und das schreckliche Schicksal, der Tod in der Gaskammer, wäre ihnen erspart geblieben.

Hermann Rosenthal, von Beruf Lehrer, emigrierte im Oktober 1938, nachdem einer Haftzeit im Konzentrationslager Buchenwald, nach Großbritannien. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in der britischen Armee. Nach Kriegsende kam er mit dem Militär für kurze Zeit nach Deutschland zurück.

Friedel Rosenthal war bereits im Jahr 1936 nach Palästina gezogen. Dort heiratete sie Herbert Ascher, der aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt stammte und gründete mit ihm eine Familie, die sehr religiös lebte und die jüdischen Gesetze achtete. Das Ehepaar hatte vier Kinder, acht Enkel, 17 Urenkel. Im Juni 2009 konnte Friedel Ascher stolz berichten, dass sie einen einjährigen Ururenkel hat.

Nachdem Herbert Ascher um die Jahrtausendwende gestorben war, zog Friedel Ascher nach Rehovot, in die Nähe ihrer Tochter Schulamit. Dort verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre.

Ihre Großmutter Rosa Lonnerstädter starb am 29. März 1942 im Haßfurter Juden-Ghetto, Brückenstraße 3. Der Tod ersparte ihr die Deportation einen Monat später, am 25. April 1942, die ihre Tochter Selma mit ihrem Ehemann Jonas Rosenthal und den drei Kindern Cäci, Karoline und Therese von Würzburg aus nach Isbica bei Lublin führte, und nach einer ungewissen Zeit in dem Zwischenghetto in die Gaskammern von Sobibor, wo sie umgebracht wurden. Friedel Ascher hat sich oft Vorwürfe gemacht, dass sie vor dem Zweiten Weltkrieg Nazi-Deutschland verlassen und ihre Familie allein gelassen hat.

Seit April 2002, zum 60. Jahrestag der Deportation, erinnert eine Gedenkmauer in Haßfurt an das Schicksal der jüdischen Bürger aus dem Landkreis Haßberge. Sie stand zunächst vor dem Bibliotheks- und Informationszentrum am Marktplatz. Nach Abschluss der Bauarbeiten am Schulzentrum soll sie dort einen geeigneten Standort finden.

Letztes Wiedersehen: Cordula Kappner (rechts) im März 2008 bei ihrem letzten Besuch bei Friedel Ascher in Jehovot in Israel. Friedel Ascher starb am 28. Februar 2012 als eine der letzten Juden aus dem Haßbergkreis, die den Holocaust überlebt haben.
Friedel Ascher (rechts) mit ihrer kleinen Schwester und einer Haßfurterin in der Hauptstraße, Anfang der 1930er Jahre.

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