EBERN

Der Erfolg hat sicherlich noch Potenzial

Durchaus eine schwere Kost: Die Kindertotenlieder von Gustav Mahler nach Gedichten von Friedrich Rückert komponiert für Bariton und ein Streichquartett waren Werke, die das „Rückert Ensemble“ am Samstag in Ebern präsentierte. Gesungen wurden die Verse der fünf Lieder von dem Italiener Simone Marchesini. Foto: Johanna Eckert

Am Konzept der „Musiktage“, die am Wochenende zum ersten Mal in Ebern stattgefunden haben, gibt es nichts zu meckern: Interessante Weltliteratur vorgetragen von grandiosen Musikern, gepaart mit einem Weinangebot im romantischen Kerzenlicht auf dem Kirchplatz während der Konzertpause.

Doch Peter Rosenberg, ehemaliger Konzertmeister der Bamberger Symphoniker und wohnhaft in Bischberg, sowie seine Kolleginnen und Kollegen des „Rückert Ensembles“, größtenteils aus Südtirol, konnten damit die Eberner Stadtpfarrkirche zwar mit Musik, aber nicht mit Menschen füllen. „Zu wenig Besucher“, meint Barbara Gemeinhardt, die unter der Schirmherrschaft der Musikschule Ebern die Organisation der Musiktage übernommen hatte. Zwischen 40 und 70 Zuhörer waren pro Abend gekommen, mit 100 haben die Veranstalter gerechnet.

Sicherlich hätte das „Rückert Ensemble“, das sich am Urlaubsort von Peter Rosenberg in Südtirol gefunden, gegründet und über mehrere Monate das Programm einstudiert hatte, mehr Resonanz verdient. Zumal die Musikerinnern und Musiker im nächsten Jahr wieder in Ebern spielen wollen, denn für Barbara Gemeinhardt und Peter Rosenberg stand schon bei den ersten Planungen der Eberner Musiktage 2017 fest: „Es soll keine Eintagsfliege sein.“

Doch die Männer und Frauen, die kamen, waren verzückt von der Musik und spendeten den höchstverdienten Applaus, nicht nur an das Quintett, das am Samstag den Altarraum von St. Laurentius eingenommen hat.

An diesem Abend nämlich machten die Musiker des „Rückert Ensembles“ den Namen zum Programm: Friedrich Rückert ist in Ebern ein bekannter Mann, „da er einige Tag hier gelebt hatte“, so Jürgen Hennemann, der als Vorstand der Musikschule Ebern die Konzertbesucher begrüßte. Dass Rückert Gedichte schrieb, um den Tod seiner Kinder Luise und Ernst, die kurz hintereinander im Winter 1833 und 1834 starben, zu verarbeiten, wissen Interessierte. 428 Kindertotengedichte entstanden, die das Ausmaß seines Schmerzes erahnen lassen. Gustav Mahler komponierte Melodien zu fünf dieser Gedichte, die beim Konzert am Samstagabend im Mittelpunkt standen.

Wohl nicht ganz zufällig beschäftigte sich der Österreicher Gustav Mahler, der 1911 in Wien starb, mit Rückerts Kindertotenliedern. Sechs seiner elf Geschwister starben im Kindesalter und als er 1901 und 1904 die Kindertotenlieder komponiert hatte, starb im Jahr 1907 seine Tochter Maria Anna mit nur vier Jahren. Eine düstere Thematik, die das „Rückert Ensemble“ an diesem Herbstabend in Ebern mit Poesie und Musik anklingen ließ. Gesungen wurden die Verse von Simone Marchesini, der in Soziologie promoviert und am Konservatorium von Trient das Gesangsdiplom erworben hat. Ein charmanter Italiener, der die Traurigkeit Rückerts in Versen wie „Sie sind uns nur vorausgegangen und werden nicht wieder nach Hause gelangen!“ ohne Zorn und Schmerz in seiner Stimme präsentierte.

Begleitet wurde Simone Marchesini von dem Streichquintett bestehend aus Peter und Johannes Rosenberg (Violine), Günther Ploner und Johanna Wassermann (Viola) sowie Roland Mitterer (Violoncello). Der jüngste Musiker dabei war gerade einmal 18 Jahre alt und gab schon souverän den Ton an. Johannes, der Sohn von Peter Rosenberg, spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Violine. Er ist mehrfacher Preisträger bei „Jugend musiziert“, wirkte als Solist bei namhaften Orchestern, nicht nur in Deutschland sondern auch in Peking, mit und studiert seit Januar 2017 am Julius-Stern-Institut der Universität der Künste in Berlin bei Prof. Honda Rosenberg.

Mit seinem Talent setzt er die Violinen-Tradition der Familie Rosenberg fort, denn auch seine Mutter Katrin Rosenberg ist als Musikpädagogin in Bamberg beschäftigt.

Gustav Mahler hat Rückerts Gedichte mit den passenden Motiven umgeben, die beispielsweise mit der Zupftechnik der Streichinstrumente eine ganz besondere Eigendynamik und Geschichte entwickelten. Die geniale Musik umschrieb das zarte Töchterlein, „den erloschnen Freudenschein“, in der richtigen Tonart. Das erste der fünf Kindertotenlieder komponierte Mahler übrigens in d-Moll, das letzte in D-Dur. Es führt sozusagen musikalisch und in Sachen Gefühlen zu einer Lösung und rundet den Zyklus ab. Die einmalige Akustik der Stadtpfarrkirche setzte die vollendende Quintessenz oben drauf.

Umgeben waren die Totenlieder von einem Adagio für Streichquartett von Anton Bruckner, das einen sanften Einstieg in den Kammermusikabend bot. Gelegentlich kroch die Kälte in der Stadtpfarrkirche den Besuchern die Beine hoch. Kein Problem für die Konzertbesucher, die wie zu einem Open Air, ihre Decke im Gepäck hatten. Zum Abschluss des Abends legte Peter Rosenberg und seine Kollegen ein Streichquintett des Romantikers Felix Mendelssohn Bartholdy auf. „Das war zum Schluss richtig beschwingt“, so das Urteil eines Besuchers. Und irgendwie auch etwas sommerlich: Die Melodien erinnerten an eine schöne Wiesenblume, über welche immer wieder die Mollschatten hinüber zogen. Kein Wunder, komponierte Mahler doch Teile des Werkes während eines Sommerurlaubes, den er an den Hängen des Taunus in Bad Soden erlebte.

„Wir lassen uns überraschen“, sagte Peter Rosenberg im Vorgespräch der Musiktagen Ebern 2017, „wir wissen nicht, wie erfolgreich es sein wird.“ Ein verlesenes Publikum aus Nah und Fern zog das „Rückert Ensemble“ an. Musiker standen mit großem Engagement und Professionalität auf der Bühne in der Stadtpfarrkirche, ein weiter Weg in die großen Konzertsäle blieb dem Publikum erspart. Eine Sache, die es nicht alle Tage gibt. Die Fortsetzung der „Musiktage Ebern“ steht fest, wiederholte Barbara Gemeinhardt nach zwei der drei Konzerte, die am Wochenende stattfanden. Denn: Der Erfolg hat sicherlich noch Potenzial.

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